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Rollende Praxis wird gebraucht

Die Teams des Arztmobils versorgen mehrmals täglich kranke Flüchtlinge im Kreisgebiet

In der Tübinger Kreissporthalle sind keine Flüchtlinge mehr. Auch aus der Shedhalle sind sie ausgezogen – Adressen, die das durch Spenden von TAGBLATT-Lesern finanzierte Arztmobil regelmäßig angefahren hat. Tourt das überhaupt noch? Ja, zwei bis drei Mal am Tag, sagt die Initiatorin Lisa Federle, Notärztin und Kreisvorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes.

30.08.2016
  • Ute Kaiser

Kreis Tübingen.Zur Erinnerung: Am 31. August vor einem Jahr sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren legendären Satz: „Wir schaffen das.“ Zehntausende Flüchtlinge saßen in Ungarn fest. Am 1.September reisten die ersten nach Deutschland aus. Rund eine Million Geflüchtete kam vergangenes Jahr in die Bundesrepublik, Tausende in den Kreis Tübingen. Schon Mitte September war die Dräxlmaier-Werkhalle in Ergenzingen mit 450 Flüchtlingen belegt. Diesen Zuzug von Menschen bekamen der ärztliche Notdienst, der immer wieder zu den Unterkünften gerufen wurde, aber auch die Kliniken zu spüren. Dort warteten immer mehr Patienten aus Fluchtländern auf ärztliche Hilfe.

Dieser Zustand sei unhaltbar, fand Lisa Federle und entwickelte die Idee einer mobilen Arztpraxis. Die überzeugte auch Klinikums-Chef Michael Bamberg, aber vor allem die Leserinnen und Leser des TAGBLATTs und die Stiftung des Schauspielers und Regisseurs Til Schweiger. Bei der Weihnachtsaktion kamen rund 200000 Euro für dieses Projekt zusammen. „Ohne die Spender wäre alles nicht möglich gewesen“, sagt Federle noch immer berührt von der Großzügigkeit.

70000 kostete die Anschaffung des Arztmobils samt Ausstattung. Der Rest liegt auf einem eigenen Konto des DRK. Über die sachgemäße Verwendung soll ein Gremium wachen, das im Oktober tagen wird. Ihm gehören unter anderem Landrat Joachim Walter, ein Vertreter des Tübinger Regierungspräsidiums, Helmut Schlotterer, Gründer und Inhaber von Marc Cain, und TAGBLATT-Verlegerin Elisabeth Frate an.

Rund 20 bis 30 Ärzte teilen sich den Dienst im Arztmobil. Besonders engagieren sich Thomas Wagner, Bernhard Jakober und die Kinderärztin Birgit Eissler. Initiatorin Federle springt nur noch ein, wenn Bedarf ist. Ihr „großes Lob“, wie sie sagt, gilt aber nicht nur den Ärzten, sondern auch den rund 20 Medizinstudierenden, Rettungssanitätern und Krankenschwestern, die wie die Ärzte gegen eine Aufwandsentschädigung Dienst im Team tun.

Die mobile Praxis ist jeden Tag zu den großen Unterkünften im Kreis (siehe Infokasten) unterwegs – zwei bis drei Mal täglich. Die erste Tour geht von 9 bis 12 Uhr, die zweite von 14 bis 17 Uhr, auch abends zwischen 18 und 21 Uhr fahren die medizinisch versierten Helfer vor. Die Krankenschwester Claudia Müller, in Teilzeit beim DRK angestellt, ist zuständig für die Organisation. Sie schreibt unter anderem die Dienstpläne.

Die Einsätze sind sehr unterschiedlich. Manchmal geht es darum, alle Bewohner einer Unterkunft zu impfen. Ein anderes Mal haben einige Flüchtlinge Durchfall oder Kinder Läuse. An Bord des Mobils ist alles, was die Teams brauchen: Verbände, ein EKG-Gerät, auch Sonografien können gemacht werden.

Etliche Patienten haben chronische Erkrankungen wie Diabetes, hohen Blutdruck, Herzprobleme oder Schmerzen. „Wenn Kriegserlebnisse und Traumata bei ihnen hochkommen“, sagt Federle, „werden sie an Fachärzte vermittelt.“ Die Teams machen auch Termine für Schwangere beim Frauenarzt aus, für andere Patienten bei Neurologen oder Orthopäden. „Die Flüchtlinge wissen nicht, wohin sie sich wenden und wie sie es anstellen sollen“, so Federle.

Das erste deutsche Wort war bei vielen „danke“

„Das Schlimmste überhaupt“ ist für die Initiatorin, „Foltermerkmale und Narben bei Kindern zu entdecken.“ Doch die Ärzte, die zu den Patienten fahren, erleben auch viele schöne Momente. Die Verständigung werde immer besser. Die Kinder könnten inzwischen ganz gut Deutsch und übersetzten für die Erwachsenen. Der überwiegende Teil der Patienten sei sehr dankbar, weil ihnen schnell geholfen werde. Das erste Wort von vielen sei „danke“ gewesen, so Federle, „sonst konnten sie nichts auf Deutsch sagen“.

Den Verantwortlichen wird in der Öffentlichkeit immer wieder vorgehalten, die Flüchtlinge würden eine Sonderbehandlung genießen. Federle argumentiert dagegen: „Es würde eine Gefahr für andere bedeuten, wenn sie nicht versorgt würden“ – etwa bei Tuberkulose, Krätze oder Läusen. Außerdem erspare das Arztmobil Kosten und verkürze für die anderen Patienten die Wartezeit in Praxen und den Kliniken.

Die positiven Aspekte des Arztmobils, von den geringeren Kosten bis zu den Dolmetschern, sieht auch das Tübinger Landratsamt. Grundsätzliches Ziel sei aber, „dass die Flüchtlinge vermehrt zu niedergelassenen Ärzten gehen“, sagt Pressesprecherin Martina Guizetti auf Nachfrage.

Diese großen Unterkünfte fährt das Arztmobil regelmäßig an

Ende Juli dieses Jahres verfügte der Landkreis über 2186 Plätze für Flüchtlinge zur vorläufigen Unterbringung, für die er zuständig ist. Davon waren am Stichtag 2080 belegt, sagt Martina Guizetti, die Pressesprecherin des Landratsamts. Da Plätze frei wurden, konnten die Kreissporthalle und die Shedhalle geräumt werden. Zu den größten Unterkünften zählt das Hochhaus auf dem ehemaligen DHL-Gelände in Rottenburg mit aktuell 136 Bewohnern, die Pausa in Mössingen mit 123, die Schellingstraße in Tübingen mit 111, die Wilhelm-Keil-Straße in Tübingen mit 80 und die Alte Landstraße in Weilheim mit 73 Flüchtlingen. Aktuell habe der Landkreis „keine Anhaltspunkte, dass die Zahlen wieder steigen“, so Guizetti, „aber das kann sich jederzeit wieder ändern“. Aus Sicht des Landratsamts gebe es momentan, so Guizetti, „keinen Anlass und keine Möglichkeit, Unterkünfte aufzugeben“.

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30.08.2016, 20:30 Uhr
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