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Mähringen · Ehrenamt

Beginenpreis für Heidi Fritz

Drei- bis viermal die Woche betreut Heidi Fritz ein dauerbeatmetes Kind in der Mähringer Arche. Für ihr Engagement bekam sie den Beginenpreis.

01.08.2019

Von Christine Laudenbach

Im bunt umzäunten Arche-Garten sind Heidi Fritz und Octavian gerne. Mit aufs Foto durfte der Siebenjährige auf Wunsch der Eltern nicht. Bild: Ulrich Metz

Octavian und Heidi Fritz sind ein eingespieltes Team. Seit sechseinhalb Jahren besucht die Walddorfhäslacherin den mittlerweile Siebenjährigen in der Mähringer Arche. Als die ehemalige Kinderkrankenschwester und ihr Schützling zueinander fanden, engagierte sich Fritz bereits seit über zwei Jahren in der Einrichtung für dauerbeatmete Kinder. Für ihren langjährigen Einsatz ehrte sie die Tübinger Beginenstiftung Anfang Juli mit dem Beginenpreis (siehe Infobox). Intensives ehrenamtliches Engagement sei heutzutage selten, sagt Stiftungsrätin Ingrid Gerth. Über die Jahre habe Fritz eine enge Beziehung zu Octavian aufgebaut, das „ist sehr sehr wichtig für das Kind“.

Eine geeignete Preisträgerin zu finden sei in diesem Jahr nicht einfach gewesen. Auf die Aufforderung im TAGBLATT hin meldete sich zunächst niemand. Heidi Fritz wurde der Stiftung von einer ehemaligen Kollegin vorgeschlagen. Als die Tübinger Organisation sich daraufhin bei der Arche erkundigte, sei für die Geschäftsleitung „sofort klar gewesen, dass das total gut passt“, so Pressesprecherin Sandra Stopper.

Bei der Arche, in der Kinder außerklinisch intensiv betreut werden, stieg Fritz ursprünglich auf Mini-Job-Basis ein, erledigte einfache Büro-Arbeiten. Ihre Arbeitsstelle am Tübinger Klinikum hatte sie vor Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Der Bereich Pflege innerhalb des Berufs habe alles andere in den Hintergrund gedrängt, sagt sie. Zeit, den Kindern Trost zu spenden, blieb keine. Das machte ihr zu schaffen.

Als Fritz in der Arche gefragt wurde, ob sie ein Kind als „Kuschel-Oma“ unter ihre Fittiche nehmen könnte, willigte sie dankbar ein, wie sie sagt. Die Anforderungen an die „Kuschel-Omas“ seien sehr hoch, betont Stopper, der Zeitaufwand, den die Ehrenamtlichen aufbringen müssen, gewaltig. Nur einmal im Monat beim Schützling vorbeizuschauen sei zu wenig, um eine Beziehung aufzubauen. Neben Fritz betreuen momentan noch zwei weitere Frauen Arche-Kinder.

Für Heidi Fritz kam der Vorschlag aber genau zur rechten Zeit. Sie habe sich damals sehr danach gesehnt, „wieder ein kleines Baby“ umsorgen zu dürfen. Fritz vermisste die Arbeit auf der Frühgeborenenstation, eigene Kinder hat die 58-Jährige keine. Als sie dann den damals wenige Monate alten Octavian im Arm hielt, sei „das einfach wunderschön“ gewesen.

Rund drei Mal die Woche kümmert sich Fritz seitdem um ihren Schützling, wickelt, badet, duscht ihn. Kuschelt, spricht und singt mit ihm. Geht mit ihm auf den Spielplatz und dreht eine Runde im Dorf. Wenn sie gegen halb drei in seiner Wohngruppe um die Ecke biegt, schaut Octavian ihr heute freudig entgegen. Ein Riesenerfolg: „Es hat lange gedauert, bis er das erste Mal lächelte“, sagt Fritz. Auch Berührungen ließ der Junge nur zögerlich zu. Diese über die Jahre entstandene Nähe, „zu sehen, was es bedeutet, Liebe zu investieren“ und was diese bewirkt, sei für sie als gläubige Christin eine große Bereicherung.

Die Kommunikation zwischen den beiden klappt nach über sechs Jahren wunderbar. Fast immer, aber nicht nur, erfolgt sie in Zeichensprache, erklärt Fritz. Octavian zeigt, was er möchte, „und ich verstehe ihn“. Er sagt „Oma“ und „ja“, und wenn er „mmhh“ macht („das macht er sehr oft“), weiß Fritz, dass sie „muhh“ machen muss. Abends zum Einschlafen gibt es dann die passende, sehr beliebte Geschichte vom Busfahrer und der Kuh. Wenn Fritz die mitgebrachten Bilderbücher und Spielzeug-Instrumente („er ist sehr musikalisch“) am Ende eines Besuchstages wieder in ihre Tasche packt, ist es frühestens 21.30 Uhr. Manchmal kommt Octavian aber auch erst um halb elf zur Ruhe. Heidi Fritz bleibt, bis er schläft.

Engagierte Frauen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen

Mit dem Tübinger Beginenpreis zeichnet die Beginenstiftung jedes Jahr alleinstehende Frauen aus, die sich ehrenamtlich für ihre Mitmenschen engagieren, aber nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Das monatliche Bruttoeinkommen der Kandidatinnen darf 2080 Euro nicht übersteigen. Der Beginenpreis ist mit 500 Euro dotiert. Hauptziel der gemeinnützigen Organisation in der Tübinger Mauerstraße ist es, älteren alleinstehenden Frauen Wohnraum zu verschaffen, so Stiftungsrätin Ingrid Gerth. Das Preisgeld wollte Heidi Fritz, die bei der Übergabe nicht dabei sein konnte, erst nicht annehmen, wie sie sagt. Schließlich willigte sie doch ein. Sie will es in ein E-Bike investieren.

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Erstellt:
1. August 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
1. August 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. August 2019, 01:00 Uhr

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