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Die Stunde der Insulaner
Tuvalu ragt kaum aus dem Pazifik. Steigt der Meeresspiegel, ist hier schnell Land unter. Foto: Foto: © Philippe Petit/Paris Match/Getty Images
Klimakonferenz

Die Stunde der Insulaner

Für Staaten, deren Küste nur wenige Meter aus dem Wasser ragt, ist der Anstieg der Meere eine existentielle Gefahr. Ein Beispiel aus Tuvalu.

18.11.2017
  • MARTIN HOFMANN

Bonn. Shuuichi Endou lebt seit 20 Jahren auf Funafuti, einer der sechs Inseln, die zu Tuvalu, dem viertkleinsten Staat auf dem Globus gehören. Der Umweltexperte hat viel versucht, um das Atoll im südwestlichen Pazifik vor Überflutung zu schützen. Tausende Mangrovenbäume hat er vor den schmalen, wenige Meter aus dem Meer herausragenden Landstreifen zwischen Ozean und Lagune gepflanzt. „Das hat den Schutz vor Stürmen verbessert“, versichert er. Doch fegt ein schwerer Zyklon wie 2015 über die Insel, greifen die Wellen an.

Trotz Verwundbarkeit ausharren? Oder umsiedeln? Siliga Kefe, Stammeschef auf Funafuti, hat seine Mitbürger befragt. Die Antwort war eindeutig. Auf der Weltklimakonferenz stellt er den Zuhörern die Frage: Wer will seine Heimat aufgeben – sein Haus, seine Kultur, die Dorfgemeinschaft? Schweigen im Saal.

Warten auf Klimaschutzbeschlüsse der Weltgemeinschaft wollen die 11 000 Tuvaluer nicht. Shuuichi Endou stellt einen Plan zum Schutz des Eilands vor. Im Süden des Atolls schwächen zwei Korallenriffe die Pazifikwellen ab. Dort ist die Lagune flach. Sie könnte mit Sand aufgeschüttet werden und böte Platz für alle Bewohner des Kleinstaates. Nach 50 Jahren entstünde daraus bebaubares Land, fünf Meter über dem Meeresspiegel.

Doch woher sollen die 200 bis 400 Millionen Dollar kommen für das Großprojekt? „Tuvalu ist nicht Dubai“, sagt Endou und zeigt ein Foto der künstlichen Palmeninseln für Luxusurlauber im Persischen Golf. Tuvalu fehlen die Petrodollars der Emirate. Fischfang und ein bescheidener Tourismus liefern sie nicht.

Konzerne versprechen viele Jobs

Ein Umbau der weltweiten Energie-, Verkehrs- und Agrarwirtschaft, um Treibhausgase zu senken und die pazifischen Inselstaaten zu retten? Die 23. Weltklimakonferenz steht im Zeichen der Insel- und Küstenländer. Frank Bainimarama, Regierungschef der Fidschi-Inseln, leitet die Verhandlungen in Bonn. Der bullige frühere Militärchef wird rasch zum Gesicht der Tagung. Jeden seiner zahllosen Auftritte nutzt er, um die 194 Mitgliedsstaaten zu entschlossenem Handeln aufzurufen, das 2015 mühsam vereinbarte Pariser Klimaabkommen umzusetzen: „Den Worten müssen jetzt Taten folgen.“ Diesmal prägen die Delegierten der pazifischen und karibischen Inseln mit ungezwungener Offenheit, ihrem Lebensmut und ihren klaren, einfachen Botschaften das Großereignis.

Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), verbreitet im deutschen Pavillon Zuversicht. Es könne gelingen, den Temperaturanstieg der Erdatmosphäre in diesem Jahrhundert auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Doch der Ausstieg aus dem Zeitalter der fossilen Energieversorgung brauche mehr Geschwindigkeit, höhere Zielvorgaben und ein Umdenken in Politik Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Jeder Bürger müsse sich beteiligen. Nicht nur unter Dürren, Überschwemmungen, schweren Stürmen, dem Meeresspiegelanstieg litten Milliarden Menschen. „Sechs Millionen sterben frühzeitig pro Jahr aufgrund der Luftverschmutzung“ durch Kohle-, Öl- und Gasemissionen. Der jüngste IEA-Report zeige aber, dass der weltweite Kohlendioxidausstoß seit drei Jahren stagniert – auf einem Niveau der 1960er Jahre. Trotz einer 20 Mal größeren Weltwirtschaft. Die Studie zeigt auch, dass der Umstieg auf höhere Energieeffizienz und erneuerbare Energiequellen weltweit nicht teurer ist als die Investitionen, die ohnehin in die Energieversorgung fließen müssten: „Die Geldströme müssen umgeleitet werden.“ Das gelinge nur, wenn Kohleverstromung weltweit nicht mehr subventioniert, Schwellenländer beim Umbau ihrer Energiewirtschaft unterstützt und den armen Volkswirtschaften beim Aufbau einer sonnen- und windbasierten Stromversorgung geholfen werde.

Alarmierendes berichten Umweltaktivisten aus Bangladesch, Indien und den Philippinen: „In Südostasien planen die Regierungen aktuell den Bau von 1600 neuen Kohlekraftwerken.“ Japanische, südkoreanische und chinesische Konzerne witterten das große Geschäft. Ihr Versprechen: neue Jobs, was Staatschefs häufig zum Vertragsabschluss verleite.

Diese Pläne könnten die nationalen Klimaschutzziele, die jeder Mitgliedsstaat des Pariser Abkommens bis 2020 vorlegen muss, verändern. Solche Anlagen produzieren bis zu 50 Jahre Strom. Und die Aktivisten aus Fernost kennen die Debatte in Deutschland. Selbst eines der reichsten Länder tut sich politisch schwer, aus der Kohleverstromung auszusteigen.

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18.11.2017, 06:00 Uhr
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