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SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid ist emsig, g scheit - aber weder wortgewaltig noch schillernd

"Die Stimme der Vernunft ist leise"

Ein Top-Jurist, der neben zwei Ministerien eine Partei in den Wahlkampf führt: An Fleiß fehlt es SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid nicht. Und doch ist nicht klar, ob ihn seine Partei nach der Wahl abstrafen wird.

04.03.2016
  • ANDREAS BÖHME

Schwetzingen/Mühlheim. "Guten Abend, wir kommen von der EsPe. . ." - und, rrrums, knallt das Fenster zu, rrratsch, fällt der Rollladen runter. Nils Schmids Straßenwahlkampf wird unterbrochen, bevor er die drei Buchstaben des Parteinamens SPD rausbringt. Schmid lacht - vielleicht ist die Ausfallstraße am Schwetzinger Schloss auch ungeschickt gewählt. Wahlkampf macht er trotzdem gerne: Von ihm aus, sagt er, könne das noch zwei Wochen länger dauern.

Das findet die Partei sicherlich auch. "Die Stimmung ist besser als die Umfragen widerspiegeln", sagt der Spitzenkandidat der SPD. Schritte der minimale Aufwärtstrend der letzten Umfragen noch ein paar Wochen weiter voran, könnte das nicht nur den Fortbestand der grün-roten Koalition sichern. Es würde auch die Blamage relativieren, vor der die Sozialdemokratie im Land steht. Ganz zu verhindern ist sie nicht: Die Genossen stehen vor einer historischen Niederlage, nie schnitten sie schlechter ab als unter Nils Schmid. Jeder andere Parteichef wäre jetzt nervös. Aber der bubenhaft wirkende 42-Jährige zeigt keinen Anflug von Unsicherheit: "Wahlen werden nicht mit Bilanzen gewonnen, das ist nur die Basis. Der Rest ist Zukunft."

Umstrittener als in der Partei ist Schmid in der Fraktion. "Nur noch vier oder fünf Abgeordnete stehen hinter ihm", sagt ein alter Fahrensmann. Kein Wunder: Kassiert die SPD klar unter 20 Prozent, verliert mancher Mandatsträger seinen Job. Da sucht man schon vor der Wahl einen Schuldigen. Besonders gefährdet ist auch der Wahlkreis von Claus Schmiedel, mit dem Schmid eine alte Konkurrenz verbindet. Als Schmid 2008 Fraktionschef werden wollte, obsiegte Schmiedel knapp. Als beide beim Mitgliederentscheid 2009 um die Parteiführung buhlten, gewann Schmid deutlich.

Ein Wunder wäre ein Königsmord noch in der Wahlnacht nicht: Mit Schmids Vorgängern Ulrich Maurer und Ute Vogt hat die Partei schon Vorsitzende geschasst, die mit weit besseren Wahlergebnissen abschnitten. Mitregiert hatten aber weder Maurer noch Vogt - Schmid hingegen schon. Ein gutes Prozent mehr und er wäre 2011 sogar Regierungschef geworden.

Selbstbewusst sagt Schmid nun: "Wir setzen die Themen, die Bilanz ist gut." Aber es honoriert niemand, dass er sich für die Gemeinschaftsschule, mehr Steuergerechtigkeit, den Wegfall der Studiengebühren, die Ruhe um Stuttgart 21, gewerkschaftsfreundliche Gesetze oder die Konsolidierung des Haushalts eingesetzt hat. Fast trotzig verteidigt er auch sein Meisterwerk: "Ich bin der erste Finanzminister, der viermal die Nullverschuldung geschafft hat - und das ist ne reife Leistung."

Schmid ist kein Leistungsverweigerer, nicht nur an diesem Wahlkampftag. Sehr, sehr früh morgens hat er mit der Familie gefrühstückt, die sechsjährige Tochter ist wie er und Ehefrau Tülay Frühaufsteherin. Dann hat er in seinem Doppelministerium gearbeitet, eine Krankenhauserweiterung finanziell auf den Weg gebracht und eine Pressekonferenz mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles bestritten.

Nun tourt er im Kleinbus durch Nordbaden, drei Journalisten sind dabei und eine TV-Kamera. Noch während der Fahrt gibt er ein Telefoninterview. Es folgen eine Diskussion mit Handwerkern in Wiesloch, eine Debatte mit SPD-Funktionsträgern und Mitgliedern über die Vielfalt landespolitischer Themen in Schwetzingen. Am späteren Abend sitzt er in Mannheim noch in einer Podiumsdiskussion der vier Spitzenkandidaten. Keine ruhige Minute dazwischen. Zuhause ist Schmid wieder nach einem 18-Stunden-Tag. Viel Schlaf brauche er nicht, nur regelmäßig was zu essen, "sonst krieg ich schlechte Laune".

Der Top-Jurist, der beim Verfassungsrichter Ferdinand Kirchhof promovierte, gilt als intellektueller Überflieger. Ob es allerdings auch schlau war, sich neben dem Parteiamt gleich noch ein Doppelministerium zu schaffen für Wirtschaft und Finanzen, bezweifeln seine Kritiker. Nicht so Schmid selber: Durch die Zusammenlegung habe man Schlagskraft gewonnen. So konnte er in der Erbschaftssteuerdebatte als Finanzminister die Belange des vom Wirtschaftsminister vertretenen Mittelstands mit einarbeiten.

"Nerven aus Eiswasser" hat er sich einst selbst bescheinigt. Sein Umfeld bestätigt dies: Einen Nils Schmid bringt nichts so schnell aus der Ruhe, fast stoisch wirkt er mitunter. Vor allem auf großen Podien, auf denen sich schlecht komplexe Gedankenstränge entwickeln lassen. Vielleicht kommt einer, der seine Dissertation über staatliches Liegenschafts-Management schrieb und beruflich Staatsvermögen kontrolliert, zwangsläufig technokratisch daher. Er selbst sagt: "Die Stimme der Vernunft ist leise." Deshalb scheut er zwar nicht die Telefonkonferenz mit Tausenden SPD-Mitgliedern auf einen Schlag. Aber sonst wählt er im Wahlkampf lieber das Dialogformat, das Erklärungen und Differenzierungen einfacher macht. Schmid ist weder Menschenfänger noch Volkstribun.

Da kommt es schon mal zu solch einem Aschermittwochsabend in Mühlheim, einem Dörfchen mitten im Wahlkreis von CDU-Frontmann Guido Wolf: Der Wirtssaal ist rappelvoll, auch der Ortsvorsteher und der christdemokratische Bürgermeister sind gekommen, sichtlich gebauchpinselt vom Ministerbesuch. Schmid hält eine im positiven Sinne erschöpfende Rede, setzt sich wieder ans Kopfende vom Stammtisch, offen für Publikumsfragen. Bloß kommt keine. Und der Abend endet so still wie das Wasser in Schmids Glas. Leutseligkeit, mit der Schmid solche Hemmschwellen von sich aus überwinden könnte, ist seine Sache nicht. Schmid ist der Leise, der "den sanften Riesen" Baden-Württemberg schlechthin verkörpert. So urteilt zumindest die ansonsten bayerische Kraftprotzerei gewohnte "Süddeutsche Zeitung".

Das Duell zwischen dem grünen Landeschef Winfried Kretschmann und Herausforderer Wolf kann Schmid nicht zum Dreikampf ausweiten. "Dabei bin ich bekannter als Guido Wolf", klagt Schmid. Hineingezogen in den Sog dieses hoch personalisierten Wahlkampfes spielt Schmid nicht mit um Sieg, sondern nur um Platz drei. Er habe es besonders schwer, die SPD zu einer modernen, von breiteren Wählerschichten akzeptierten Partei zu machen, glaubt der Soziologe und Forsa-Chef Manfred Güllner: "Ich denke, die Aufgabe liegt noch vor ihm." Schmid ist jung genug, ein weiteres Mal anzutreten. Die Frage ist nur, ob die Partei ihn nach dem 13. März nochmal lässt.

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04.03.2016, 08:30 Uhr
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