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Ruhestörung, Wildpinkler, Müll

Die Steinlach in Tübingen: Flussidylle oder Partyplatz?

Im Sommer zieht es die Tübinger ins Freie – beispielsweise an die Steinlach. Manche Anwohner stört’s, andere freuen sich über’s Leben am Fluss.

23.06.2017

Von Kathrin Kammerer

Grillen, entspannen, sonnen, baden – und manchmal auch feiern: Die Steinlach ist beliebt, wenn es wieder wärmer wird. Bild: Metz

Ein junges Pärchen genießt die schwülwarmen Abendstunden im Schatten der Bäume, daneben plantschen drei Kinder mit ihren Müttern im kühlen Nass. Eine Clique sitzt auf Decken zusammen, unterhält sich, lacht. Der Bierkasten wird im Fluss gekühlt, neben der Gruppe steht ein Grill. Es 18 Uhr an der Steinlach in der Südstadt – ein idyllisches Bild.

„Dagegen hab’ ich auch gar nichts“, betont Angelika Bihler (Name geändert). Sie wohnt direkt am Steinlachufer, in der Fürststraße. „Wenn alles in einem anständigen Rahmen bleibt, ist das völlig okay.“ Aber wenn sich die gemütlichen Treffen am Fluss zu einer nächtlichen Party ausweiten, fehlt ihr jedes Verständnis. Sie fühlt sich gestört – und das, obwohl ihr Schlafzimmer auf der hinteren Hausseite liegt. „Trotzdem: mit offenem Fenster schlafen geht nicht mehr“, sagt sie.

Ihre Nachbarin Gerda Staiger (Name geändert) hat die kompletten Wohnräume auf der Steinlach-Seite des Hauses. „Der Rauch von den Grills und der Lärm machen es unmöglich, abends mal zu lüften“, sagt sie. Oft kämen junge Erwachsene mit Musikanlagen, einmal auch schon mit Gitarren und Trommeln. Wenn die Partymeute um Mitternacht dann weiter ziehe, rufe das meist sofort die Flaschensammler auf den Plan – „und der Krach geht weiter“.

Oft erwischen Bihler und Staiger Wildpinkler auf ihrem Grundstück. Einmal habe sie in ihrem Garten einen fremden jungen Mann angetroffen, erzählt Staiger: „Der hat mir freundlich Hallo gesagt und ist dann schnurstracks auf die andere Seite des Hauses gegangen, um dort in Ruhe weiter zu pinkeln.“ In die Büsche, einfach auf den Weg, manchmal auch hinter das geparkte Auto: „Es ist, als ob die kein Fünkchen Schamgefühl mehr haben“, findet Bihler.

Neulich habe sie nachts zwei Wildpinklerinnen erwischt und aufgefordert zu gehen. Diese hätten nur frech geantwortet. Manche seien schon ausfallend geworden. Tagsüber werde ebenfalls wild gepinkelt. Bihler fragt sich: „Was sollen wir noch machen? Etwa das Grundstück einzäunen oder Kameras aufhängen?“

Auch Klingelstreiche seien nicht außergewöhnlich. „Da hat sogar mal ein junger Mann um viertel vor elf geklingelt und mich einfach nach einem Korkenzieher gefragt“, erzählt Bihler weiter. Für die berufstätigen Steinlach-Anwohner sei die Situation bei aller Toleranz unzumutbar.

Einer ihrer Nachbarn kommt in diesem Moment aus dem Haus. Auch er fühle sich gestört, sagt er auf Nachfrage. Er scheint die Situation aber eher zu akzeptieren. „Es gibt eben auch Anwohner, die sagen: Das sind eben junge Leute, die muss man machen lassen“, erzählt Bihler.

Die ehemalige Gemeinderätin Ulrike Gottschalk lebt seit 40 Jahren an der Steinlach. Sie freut sich über das Leben, das mittlerweile am Südstadt-Fluss herrscht. Früher sei das nicht so gewesen. „Wenn man aus dieser versifften Unterführung rauskommt und dann die Menschen am Ufer sieht – das hat doch Urlaubsqualität“, findet sie. Familien mit Kindern, junge Erwachsene – „es freut mich immer wieder, das zu sehen“, sagt sie.

Vielleicht einmal im Monat werde es am Steinlach-Ufer auch lauter. „Oft spielt der Alkohol eine große Rolle“, so Gottschalk. „Aber ich störe mich mehr an den Motorrad-Fahrern in der Fürststraße als an den Menschen am Fluss.“ Sie ist Mitglied im Ortsbeirat Südstadt. Dort hätten sich schon mehrmals Steinlach-Anwohner über Lärmbelästigung beschwert.

Der Polizei und dem städtischen Ordnungsamt ist die Steinlach als problematischer Ort durchaus bekannt. „Aber gerade haben wir überall Beschwerden wegen Ruhestörung, oft abends um zehn oder elf Uhr“, sagt Polizeisprecher Josef Hönes. „Es ist warm und alle sind noch lange draußen.“ Natürlich nehme man die Probleme der Steinlach-Nachbarn ernst und reagiere auf Anrufe. Außergewöhnlich viele Beschwerden aus diesem Gebiet lägen ihm für 2017 aber nicht vor.

Beschweren sich Anwohner bei der Polizei, kontaktiert diese zunächst die städtischen Ordnungsbeamten, die nachts in Tübingen unterwegs sind. „Wir stehen immer im Kontakt mit der Polizei“, sagt Rainer Kaltenmark, der Leiter des städtischen Fachbereichs Ordnung und Gewerbe. Wildpinkeln sei – Verkehrsdelikte ausgenommen – die häufigste Ordnungswidrigkeit, mit der die Beamten konfrontiert werden. Wer erwischt wird, zahlt 35 Euro Strafe.

„Auch Einweg-Grills sind eine No-go-Geschichte“, betont Kaltenmark. Wenn die Grasnarbe in Gefahr ist, greifen die Beamten ein. Normale Grills seien dagegen erlaubt. Bei deren Gebrauch appelliert Kaltenmarkt – wie auch beim Müllproblem in selbigem Gebiet – an die Vernunft der Leute.

Kaltenmark weist auf die Problematik der Anwohnerbeschwerden hin: „Wenn wir auftauchen, versucht natürlich jeder, sich irgendwie normal zu benehmen.“ Wann dann tatsächlich eine Ruhestörung vorliegt und wann nicht, müsse situativ von den Beamten entschieden werden: „Wo hört das Gespräch auf und wo fängt die Belästigung an?“ Kaltenmark weist darauf hin, dass in warmen Sommernächten eine ähnliche Lärmproblematik beispielsweise auch auf der Platanenallee, in der Haaggasse oder auf dem Holzmarkt herrscht.

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Erstellt:
23. Juni 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Juni 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Juni 2017, 01:00 Uhr

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TuebingenSued 23.06.201710:08 Uhr

Danke Frau Ulrike Gottschalk für ihre prima Meinung.
Bin selber öfter an der Steinlach wo Tübingen etwas wunderbares bietet.
Da ich schon als Kind dort gebadet habe bewege ich meine Freunde und Bekannte immer den Müll mitzunehmen.
Zusammen Freude haben und gemeinsam aufräumen.
Das funktioniert wenn auch man selber was tut.
Heimat muß man auch pflegen und unbedingt Rücksicht auf Anwohner nehmen.
Wenn die Mitarbeiter des Ordnungsamtes mal vorbeikommen ist das auch OK.
Die sind oft im Stress aber sind prima Leute die sich auch Zeit nehmen mal die Situation und Regeln zu erklären. Danke. Tübingen ist halt a Schätzle.
Detlev Mrugala Tübingen Südstadt

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