Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Miteinander durch die Krise

Die Soteria in Zwiefalten hilft bei Psychosen mit einem alternativen Ansatz

Gemeinsames WG-Leben als Therapie: Die Soteria des Psychiatrie-Zentrums Zwiefalten hilft Menschen, die an Psychosen erkrankt sind, auf eigene Art. Bei der sanften Methode ist das Zentrum Vorreiter.

27.07.2010

Von ANJA MADER

Zwiefalten Eine Villa in Zwiefalten auf der schwäbischen Alb: Drei Stockwerke mit je 120 Quadratmetern und ein großer Garten, in dem gerade eine "Slackline" gespannt wird. Einige Leute schauen zu und lassen sich erklären, wie man darüber balanciert. Das Sommerfest in der Soteria Zwiefalten (Kreis Reutlingen) steht an - entspannte WG-Atmosphäre an einem Ort, an dem Menschen, die eine akute Psychose durchleben, Hilfe finden.

Einer der Patienten ist der 42-jährige Ingenieur Sebastian. Er hat Zustände durchlebt, die sich ein gesunder Mensch kaum vorstellen kann. In einer manischen Phase hat er 18 000 Euro ausgegeben. "Hätte ich ein Haus gehabt, hätte ich das wohl auch verkauft", sagt er. Er verschuldete sich, verlor seine Partnerin, brach das Studium ab - und brachte sein Leben in Gefahr: "Ich bin an einem Blitzableiter hochgeklettert." Auch Erika kennt solche Phasen der schweren Erkrankung, sie verlor ihren Job als Apotheken-Assistentin, wurde irgendwann als chronisch krank eingestuft. Mit nur 41 Jahren war ihr Leben ohne Perspektive.

Behandlungen haben sich beide schon mehrfach unterzogen - und schlechte Erfahrungen gemacht. "Ich bin so mit Medikamenten zugepumpt worden, dass ich nicht mehr gerade laufen konnte", erzählt Erika. Auch Sebastian kam mit hohen Dosierungen nicht zurecht. "Ich habe mich nicht mehr gespürt - wenn ich in mich hineingehört habe, habe ich niemanden gefunden." Hinzu kommt die Stigmatisierung. "Man wird nur als Kranker gesehen", sagt der 23-jährige Simon, "nicht als jemand, der auch ein Leben hat". Es sind Erfahrungen, die nicht repräsentativ sind für die moderne Psychiatrie - die aber zeigen, dass manche Patienten sich nach Alternativen sehnen.

Nun sind sie in Zwiefalten. Hier haben sie das Gefühl, respektiert zu werden. Am Zentrum für Psychiatrie arbeite man seit langem patientenorientiert, sagt der ärztliche Direktor Professor Gerhard Längle. Dazu gehört, dass man mit den Patienten über die Medikation beratschlagt und so wenig Druck wie möglich ausübt. Eine besondere Station ist die Soteria, die nach einem speziellen Konzept behandelt. Nicht so sehr Medikamente und Spezialtherapien stehen im Vordergrund, sondern das Miteinander. Man spricht von "Milieutherapie". Die Patienten leben wie in einer Wohngemeinschaft, meistern gemeinsam den Alltag - und das, obwohl es sich um eine Akut-Station für psychotische Krisen handelt: Im Schnitt bleiben die Patienten nicht länger als vier Wochen. Im Essraum verbringen sie viele Stunden des Tages, kaufen ein, kochen, putzen, haben lange Gespräche mit ihrer Bezugsperson - wenn es sein muss, auch mitten in der Nacht.

Es seien Kontakte auf Augenhöhe, sagt Mitarbeiterin Alisa. "Hier ist man freier", sagt Simon. Rausgehen und Sport treiben ist ebenso möglich wie gemeinsames Singen und Musizieren. Zwar gibt es Regeln, doch die Patienten fühlen sich weniger eingeengt als auf Stationen mit klar geregeltem Tagesablauf. Zwar bekommen die meisten auch Medikamente, aber dies wird zuvor in aller Ruhe besprochen.

Die meisten Patienten der Soteria kommen auf eigenen Wunsch, oft nachdem andere Therapien fehlgeschlagen sind. Zwar gibt es keine aktuellen Studien, ob die Soteria erfolgreicher ist als konventionelle Therapien, Untersuchungen des ersten Soteria-Gründers in Europa, Professor Luc Ciompi, lassen daran Zweifel aufkommen. "Die Erfolge unterscheiden sich wohl nicht wesentlich", sagt Dr. Hans Renz, der ärztliche Leiter. Doch: "Die Soteria ist die Station mit der höchsten Patientenzufriedenheit." Für viele ist zudem die Hemmschwelle niedriger, was dazu führt, dass "viele Patienten dorthin kommen, die sich sonst kategorisch weigern würden, eine stationäre Behandlung aufzunehmen,", betont Längle.

Dennoch sei das Konzept nicht für jeden geeignet. Am besten schlage es bei jungen schizophrenen Patienten an, die aufgrund einer frühen Erkrankung Reifungsdefizite haben. Für viele komme es überhaupt nicht in Frage: "Viele würden mit der Nähe nicht klarkommen", sagt Längle. Das gilt auch für die Mitarbeiter: Nicht jeder sei geeignet, ständig zu zweit in Zwölf-Stunden-Schichten zu arbeiten, dicht auf dicht mit Patienten, mit denen die Mitarbeiter per Du sind.

Viele Anfragen gehen in Zwiefalten ein, denn es ist neben München, der einzige deutsche Soteria-Standort. Eine Klinik muss nicht nur geeignete Räume und Mitarbeiter haben - sie muss auch gewillt sein, sich solch eine Abteilung zu leisten. Denn die Behandlung in der Soteria ist teurer, die Mehrkosten müssen in der Klinik ausgeglichen werden. "Das ist die Solidarität der anderen Stationen", sagt Längle.

WG-Leben statt Krankenstation: In dieser Villa in Zwiefalten ist die Soteria-Station untergebracht. Privatfoto

Zum Artikel

Erstellt:
27. Juli 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Juli 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2010, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+