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Versprengt, aber nicht verloren

Die Sopranistin Barig Nalbantian erinnert an das Schicksal und die Kultur der Armenier

Die Sopranistin Barig Nalbantian ist Amerikanerin und Tübingerin. Doch ihr Name verrät armenische Wurzeln. Ihre Eltern stammen aus Familien, die vor hundert Jahren dem Völkermord an den Armeniern in der Türkei nur knapp entkamen. Mit einem eigenen Programm begibt sich die Sängerin nun auf eine szenisch-musikalische Reise in die armenische Kultur.

01.10.2015
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Das Gedenken in diesem Jahr rief die Vertreibung, das Töten und das Grauen wieder in Erinnerung, dem die Armenier in den Jahren 1915/16 durch die sogenannten Jungtürken ausgesetzt waren. Bis heute weigert sich die türkische Regierung, diesen Genozid anzuerkennen, dem möglicherweise mehr als eine Million anatolischer Armenier zum Opfer fielen – durch Massaker oder auf qualvollen Todesmärschen in Wüstengebiete. Während die Nationen Europas im Ersten Weltkrieg sich scheuten, der Kriegspartei Türkei in den Arm zu fallen.

Von den wenigen Überlebenden ließen sich viele zunächst im Nahen Osten nieder. Aus dem Libanon wanderte der Vater von Barig Nalbantian als junger Arzt in die USA aus. Drei ihrer Großeltern waren Armenier. Der Vater ihrer Mutter hatte in der Diaspora eine Ägypterin geheiratet.

„Romantische Liebe und Emigration gehören zu meiner Familiengeschichte“, sagt Nalbantian. Das trifft auch für sie selbst zu: Ihren deutschen Mann, einen Juristen, traf die damalige Gesangsstudentin aus New York auf einer Rucksack-Reise in Ägypten.

Seit 2001 lebt sie mit ihm und inzwischen zwei Söhnen in Tübingen, mit einer dreijährigen Unterbrechung in Berlin. Ihre erste Tübinger Wohnung war in Weilheim. Von New York ins schwäbische Dorf – ein Kulturschock? „Oh“, sagt sie, „ich habe Weilheim geliebt. Es fühlte sich wie ein armenisches Dorf an. Jeder kannte jeden, viele waren miteinander verwandt.“

Nalbantian, 1971 in den USA geboren, wuchs mit einer starken inneren Beziehung zu Armenien auf. In der Familie wurde Armenisch gesprochen, ebenso im Kindergarten und in der Grundschule armenischer Nonnen an ihrem Wohnort nahe Philadelphia. Eine von ihnen entdeckte die schöne Gesangsstimme der kleinen Barig (der armenische Name bedeutet „Fee“). Ein Talent, das zur Ausbildung verpflichte, fanden die Nonnen.

„Singen ist ein wichtiger Teil der armenischen Kultur“, sagt Nalbantian. Als Teenager löste sie sich aus der Immigrantenszene. „Ich wollte Amerikanerin sein.“ Gleich nach der Schule begann sie mit dem Gesangs- und Literaturstudium in New York. Zwölf Jahre lebte sie dort und entwickelte sich zur Koloratursopranistin, die unter anderem in der Bronx Opera auftrat.

In Tübingen fand sie Anschluss an die Stuttgarter Musikhochschule. Mit ihrem Dozenten Carl Davis trat sie bei den „Jazz-und-Klassik-Tagen“ 2004 im Tübinger Museum auf. Zahlreiche Gesangsrollen spielte Nalbantian im Theater der amerikanischen Kelly Barracks: etwa die Callas in „Master Class“ oder Helen Kellers blinde Lehrerin Anne Sullivan in „The Miracle Worker“. „Eigentlich“, sagt die Sopranistin, „bin ich tief im Innern eine Charakterdarstellerin mit hoher Stimme.“ In ihren Konzerten in Stuttgart, Philadelphia , Tübingen oder London präsentiert sie gerne amerikanische Komponisten wie Carlisle Floyd oder Samuel Barber, die hier kaum bekannt sind.

Das Armenien-Programm, das sie zusammen mit dem Tübinger Musiker Günter Sopper (er übertrug auch Liedtexte ins Deutsche) erarbeitet hat, ist nun aber etwas sehr Persönliches. Nalbantian will damit nicht nur die reiche armenische Kultur vorstellen; sie fragt auch nach der Identität der Armenier, die über die ganze Welt versprengt wurden – und nach ihrer eigenen. Die aktuellen Flüchtlingsströme rufen bei ihr eine kollektive Erinnerung wach, deren Wirkung sie selbst noch spürt: „Die erste Generation ist traumatisiert, die zweite will die Sicherheit bewahren, die dritte fragt: Wer bin ich überhaupt?“

Eine Motivation ist, darüber aufzuklären, was vor hundert Jahren geschah. Bei ihren umfangreichen Recherchen hat die Sängerin selbst „erschüttert“, wie wenig davon Allgemeinwissen ist. Nalbantian und Sopper wollen das Publikum aber nicht mit furchtbaren Geschichten belasten. Melancholie wird mit Humor abgewogen, die Absicht ist versöhnlich.

Man wird auch den Klang der osmanisch-armenischen Sprache hören. Nalbantian hat versucht, ihren Söhnen zumindest ein passives Verständnis davon mitzugeben. „Wenn andere Armenier uns in der Öffentlichkeit hören und an der Sprache erkennen“, sagt sie, „ist es, als würde man einem geheimen Club angehören.“

Die Sopranistin Barig Nalbantian erinnert an das Schicksal und die Kultur der Armenier
Armenische Kultur für deutsche Ohren: Die Sängerin Barig Nalbantian (links) und ihr musikalischer Begleiter Günter Sopper bringen ein Programm mit Poesie, Musik und Geschichte auf die Bühne des Tübinger Vorstadttheaters.

Die Armenier gelten als älteste christliche Nation der Welt. Ihre Siedlungsgebiete lagen im 19. Jahrhundert in persischem, russischem und osmanischem Herrschaftsbereich. Aus dem türkischen Anatolien sind die Armenier seit dem Genozid von 1915/16 praktisch verschwunden. Die heutige Republik Armenien im Kaukasus entstand nach dem Ersten Weltkrieg; sie wurde 1921 Teil der Sowjetunion und ist seit 1991 wieder unabhängig. Die Zahl der Armenier in Deutschland wird mit 40 000 angegeben. Davon leben zirka 4000 in Baden-Württemberg. Ihr religiöses Zentrum ist die Armenische Kirche in Göppingen.

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01.10.2015, 12:00 Uhr
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