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Lagerkampf im Orient

Die Sicht des Auslandskorrespondenten Martin Gehlen auf die Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten

Sie haben viele historische Ereignisse live miterlebt: der in Kairo lebende Journalist Martin Gehlen und seine Frau, die Fotografin Katharina Eglau. Jetzt waren sie im Südwesten und berichteten aus der Region.

30.10.2013
  • ANDREAS CLASEN

"Katars Informationsminister mit seinem Dienstwagen", sagt Katharina Eglau. Die Fotoprojektion an der Wand zeigt den Politiker vor einem knallroten Ferrari. "Betende Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo am 25. Januar 2011, dem ersten Tag des Arabischen Frühlings in Ägypten." Oder: "Vater und Tochter in den ersten Tagen des libyschen Volksaufstandes in Tobruk." Eglaus Worte und Aufnahmen führen durch das Nordafrika und den Nahen Osten der Gegenwart. Seit 2008 lebt sie mit ihrem Mann Martin Gehlen in Kairo. Von dort aus bereisen sie zusammen das Land, die Region, den Orient und berichten für die SÜDWEST PRESSE - er schreibt die Artikel, sie schießt die passenden Bilder.

An diesem Abend in Ulm teilen beide mit 300 Zuhörern ihre Eindrücke aus einer islamischen Welt im Umbruch, einer für Außenstehende oft verwirrenden Welt. In Ägypten scheint nur die Unsicherheit sicher. Aus dem Iran sind überraschend moderate Töne zu hören, aus der Türkei immer öfter konservativ bevormundende. Im Irak explodieren seit Abzug der US-Truppen fast täglich Bomben, in Syrien geht der Bürgerkrieg weiter und dem Jemen droht die Teilung in Nord und Süd. Dabei den Überblick zu behalten, ist schwer. Martin Gehlen gibt offen zu, nicht alles zu verstehen, schon allein was die Entwicklungen in Ägypten betrifft.

Umso glaubwürdiger und spannender ist Gehlens Versuch, ein wenig Ordnung in die sich überschlagenden Ereignissen im Nahen und Mittleren Osten zu bringen. Trotz aller Unterschiede haben sie für ihn eines gemein, sie sind Ausdruck eines Ringens zweier Lager: Auf der einen Seite demokratische Kräfte, "für die Vielfalt im Glauben ein Reichtum" ist, wie Gehlen sagt, und die einen offenen islamischen Staat wollen. Und auf der anderen Seite Islamisten, "für die Vielfalt im Glauben ein Missstand" bedeutet und die einen Staat möchten, in dem die Scharia Gesetz ist und jede andersdenkende Minderheit verfolgt gehört.

Kein neuer Konflikt, wie Gehlen betont. Über Jahrtausende hinweg leben im Orient schon Christen, Juden und Muslime nebeneinander, sagt er. In der Zeit hat sich ein "faszinierendes Geflecht von Kulturen" entwickelt. Gleichzeitig sei der Orient "Wurzelgrund für beispiellosen Fanatismus" im Namen der Religion. Diese Polarisierung spitze sich heute zu und führe zu den derzeitigen Auseinandersetzungen.

Beispiel Türkei: Trotz mancher Verbesserungen in dem Land ist der Konflikt zwischen besagten Lagern nicht gelöst, sagt Gehlen. Der konservative islamische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan scheint sich autorisiert zu fühlen, detailliert seinen Bürgern vorzuschreiben, was gut ist, etwa dass sie drei Kinder haben sollen. Ergebnis dieser Politik waren im Juni Großdemonstrationen liberalerer Kräfte, gegen die Erdogan zum Teil brutal vorging.

Beispiel Iran: "Der Iran ist heute das säkularste Land des Nahen Ostens, obwohl er seine öffentliche Fassade nach wie vor hyperfromm inszeniert", sagt Gehlen. Die Sehnsucht nach mehr Offenheit ist groß im Volk. Viele Iraner wollen sich nicht mehr sagen lassen, was wahre Kunst sein soll und was nicht. Das habe am 14. Juni die Wahl des 64-jährigen Hassan Rohani zum Präsidenten gezeigt. Er hatte im Wahlkampf die "erstickende Sicherheitsatmosphäre" im Land angeprangert und mehr Freiheit im privaten Lebensraum verlangt. Bislang wollen die führenden Kleriker aber diese Freiheit nicht zulassen.

Beispiel Ägypten: Liberale wie islamistische Kräfte sind 2011 im Arabischen Frühling gegen das Militär-Regime von Präsident Hosni Mubarak auf die Straße gegangen und haben dessen Sturz erreicht. Danach übernahmen die Muslimbrüder schnell das Kommando mit Präsident Mohammed Mursi an der Spitze. Weder säkulare, noch liberal-islamische Politiker oder radikal-islamistische Salafisten hatten viel zu sagen. Gegen diese Bevormundung wandten sie sich und baten das Militär um Hilfe, Mursi zu stürzen - was am 30. Juni dieses Jahres auch geschah. Die Muslimbrüder "haben sich aufgespielt, als seien sie die einzig wahren Muslime" und "wollten uns unsere Lebensart diktieren" , zitiert Gehlen einen Mann nach dem Putsch.

Gebessert hat sich die Situation in dem Land nicht. "Seitdem läuft am Nil unter dem Motto ,Ägypten kämpft gegen den Terror ein Rollback, dessen Ende noch gar nicht abzusehen ist", sagt Gehlen. Mit aller Härte versucht das Militär die Muslimbrüder zu schwächen und Verhältnisse wie unter Mubarak wiederherzustellen. Parallel steigt das Staatsdefizit und leidet die Wirtschaft. Im Tourismus werde derzeit in Ägypten noch etwa zehn Prozent dessen verdient wie 2010 unter Mubarak.

Entsprechend skeptisch ist der Korrespondent bezüglich Ägyptens Zukunft. Eine Lösung der verzwickten Lage ohne die Muslimbruderschaft am Verhandlungstisch, die in weiten Teilen Ägyptens viele Anhänger hat, kann sich Gehlen nicht vorstellen. Hier müssten das Militär, liberale wie konservative Kräfte sich kompromissbereit zeigen. Doch Indizien für ein solches Einlenken gibt es bislang nicht. Alle Zeichen stehen auf weitere Gewalt.

Für Gehlen zeigen die drei Länder - Türkei, Iran und Ägypten - wie lang der Weg "von einer islamischen Gesellschaft hin zu einer offenen Gesellschaft noch ist".

Bilder von Katharina Eglau, ein Videointerview mit Martin Gehlen und sein Vortrags-Manuskript auf swp.de/gehlen

Die Sicht des Auslandskorrespondenten Martin Gehlen auf die Entwicklungen im Nahen und Mittleren
Martin Gehlen und Katharina Eglau in Ulm. Hinten ein Bild der Fotografin Eglau aus dem Libanon. Foto: V. Könneke

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30.10.2013, 12:00 Uhr
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