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Fünf Jahre Haft für den Brandstifter von Hagelloch

Die Seriendiebe, die Hunderte Fahrräder, Werkzeug und Maschinen klauten, müssen für Jahre in Haft

In der Region war es die mit Abstand größte Diebstahlserie seit den massenhaften Autoaufbrüchen der so genannten Dreieckscheibenbande 2013: Die vier Angeklagten stahlen mindestens 350 Fahrräder mit einem Gesamtwert von mehr als 180000 Euro, sie brachen über 30 Schuppen und Gartenhütten auf, um Werkzeug daraus zu klauen, und sie drangen in zehn Müll- und Schrottplätze ein, aus denen sie Kabel und Altmetall abtransportierten.

26.10.2017

Von Jonas Bleeser

Symbolbild: liveostockimages - Fotolia

Bei den Einbrüchen zwischen Herrenberg und Pfullingen, Tübingen und Balingen machten sie laut Anklage Beute im Wert von etwa 40000 Euro. Dabei gingen sie teils brachial vor: Hielt eine Tür stand, durchbrachen sie eben eine Wand. So hinterließen sie Schäden an den Gebäuden in Höhe von etwa 20000 Euro. Am schlimmsten traf es einen Landwirt aus Hagelloch: Um ihre Spuren in einer Maschinenhalle zu verwischen, zündete einer der Männer sie kurzerhand an. Der Wert der Beute war denkbar gering, es wurden nur einige Kanister Diesel aus Traktoren abgeschlaucht. Aber die Brandfolgen kosteten etwa 750000 Euro.

Die vier Männer aus Serbien und Bosnien, die sich in Deutschland um Asyl bemüht hatten, waren nach eigenen Angaben in Flüchtlingsunterkünften von einer aus Bosnien stammenden Familie angeworben worden. Für sie hätten sie zunächst die Fahrräder gestohlen und nach Dußlingen in einen Container gebracht. War der voll, fuhr ein 20-Jähriger die Ware in einem Fiat Ducato nach Bosnien, wo sie verkauft wurde. Als der Transport bei einer Kontrolle aufflog, stiegen die Männer auf die Schuppeneinbrüche um.

Die Kammer machte einen Deal

Das Gericht hatte den Angeklagten in Absprache mit der Staatsanwaltschaft vorab einen Deal angeboten: Sollten sie glaubhafte Geständnisse ablegen und damit den ursprünglich auf 44 Verhandlungstage angesetzten Prozess deutlich verkürzen, wurden ihnen relativ niedrige Strafen zugesichert – je nach Beteiligung an den Diebstählen und der Brandstiftung zwischen zwei und fünf Jahren Haft.

Daran hielt sich dann auch die Anklage: Sie forderte für einen 33-Jährigen wegen schweren gewerbsmäßigen Bandendiebstahls in vier Fällen zwei Jahre Gefängnis und für einen 51-Jährigen wegen 26 Fällen drei Jahre. Ein 23-Jähriger sollte für drei Jahre und drei Monate in Haft. Er ist an mindestens 31 Diebstählen und Einbrüchen beteiligt gewesen, hatte aber direkt nach der Verhaftung gestanden und wichtige Hinweise auf die Hintermänner gegeben. Für den ebenfalls voll geständigen 26-Jährigen, der in 30 Fällen stahl und außerdem die Brandstiftung in Hagelloch gestand, forderte die Anklage fünf Jahre Knast.

Die Männer seien nicht mit dem Vorsatz nach Deutschland gekommen, hier Straftaten zu begehen, so Staatsanwalt Nicolaus Wegele. „Aber es brauchte nur wenig Überredung, es reichte das Wedeln mit dem Geldschein.“ Die Anträge im Rahmen des Deals lagen – gemessen an der hohen Zahl der Diebstähle – eher niedrig. Das begründete Staatsanwältin Michaela Nörr damit, dass die Männer im Prozess glaubhaft Reue zeigten – und ihre frühen Aussagen den Ermittlern enorm bei der Aufklärung halfen.

Lob für die Aussagebereitschaft

Das betonten auch alle vier Verteidiger und schlossen sich den Forderungen der Anklage an. „Er hatte große Angst – und sagte trotzdem aus“, lobte Rechtsanwalt Önsel Ipek, der den 26-jährigen Brandstifter vertrat, seinen Mandanten. Und Christian Niederhöfer, der den am häufigsten an den Beutezügen beteiligten 23-Jährigen verteidigte, nahm für seinen Mandanten in Anspruch: „Er trug dazu bei, das Ganze aufzudecken“ – obwohl er dafür im Knast angegangen worden sei.

Daniel Petrovic verteidigte den 51-Jährigen, der aus bitter armen Verhältnissen von Serbien nach Deutschland kam. Er gab zu bedenken, warum sich die Familienväter überhaupt drauf eingelassen hatten, für ihre Auftraggeber klauen zu gehen: Das wedeln mit Geldscheinen verfange eben eher „bei Menschen, die schon am Boden sind.“ Und Holger Böltz, Verteidiger des am wenigsten beteiligten 33-Jährigen, erinnerte daran, dass die Diebe kaum etwas verdient hätten – „und die Führungsebene lebt in Saus und Braus“. Für seinen Mandanten, dessen Familie während der Haft offenbar zerbrach, bat er um Bewährung.

Gericht: Das Gastrecht missbraucht

Die Richter der Großen Jugendkammer gewährten sie ihm nicht. Sie verhängten die von der Anklage geforderten Strafen. Zwar hätten die Männer nicht den großen Reibach gemacht, so der Vorsitzende Armin Ernst: Auch für sehr teure Räder bekamen sie nur 70 bis 100 Euro. „Aber sie sind keine kleinen Diebe, sondern Mitglieder einer Bande.“ Die nun geahndeten Taten stünden außerdem für eine viel größere Zahl von Diebstählen und Einbrüchen.

Alle vier seien vor Armut oder Verfolgung nach Deutschland geflohen. Hier hätten sie zwar kein luxuriöses Leben, aber doch Sicherheit und Schutz vor Verfolgung erhalten. „Wenn man dann hier stiehlt, ist das ein Missbrauch des Gastrechts.“

Zum Dossier: Die Ducatobande

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Erstellt:
26. Oktober 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Oktober 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2017, 01:00 Uhr

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Tübinger56 26.10.201716:22 Uhr

Da würde es mich als Geschädigter interessieren ob die 4 Verbrecher, dann nach der Haftstrafe gleich abgeschoben oder hier dann Asyl gewährt bekommen?!

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