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Die Schweden auf Du mit dem Du
© Roxana Bashyrova /Shutterstock Foto: Shutterstock
Höflichkeit

Die Schweden auf Du mit dem Du

Angestellte duzen ihre Chefs: In Schweden ist das normal. Doch der Zeitgeist wird wieder konservativer.

01.09.2017
  • André Anwar

Stockholm.. „Welche Unterstützung bekommst du von deiner Frau Ulla, wenn es hart wird im Job?“: So interviewen schwedische Journalisten ihren Ministerpräsidenten Stefan Löfven. Auch der Arzt wird von Patienten geduzt, der Richter vom Angeklagten und der Konzernchef von seinen Arbeitern. So war es aber nicht immer.

Früher waren die Schweden sogar viel förmlicher als etwa die Deutschen. Das „Sie“ wurde von Chefs gegenüber ihren Untergebenen benutzt, um den gesellschaftlichen Unterschied zu markieren. Die Höflichkeitsanrede in Schweden bestand bis in die 60er Jahre hinein aus einem komplizierten Dreiteiler unter Anwendung der dritten Person Singular: „Möchte der Herr Apotheker Lindvall zu Mittag essen?“, konnte das dann heißen. Wer sich unsicher über den Titel einer Person war, versuchte die Anrede durch passive Formen völlig zu umschiffen, etwa indem man sagte, „wird noch eine Abschrift gewünscht?“

Ein Befreiungsschlag

In das sozialdemokratische, auf Gleichheit ausgelegte schwedische Volksheim und in den progressiven Zeitgeist Ende der 60er passten die umständlichen Anredeformen nicht mehr hinein. Also ging man gleich einen Schritt weiter. Obwohl kein exakter Tag für die Du-Reform festgelegt wurde, gilt der 3. Juli 1967 als Schlüsselereignis. „Es wird mich freuen, zu hören, dass ihr mich mit Bror ansprecht“, sagte Bror Rexed, Generaldirektor des staatlichen Medizinalwerkes auf einer Versammlung zu den Angestellten.

Ministerpräsident Tage Erlander fand Rexeds Vorstoß richtig: „In der sozialdemokratischen Partei sind wir schon seit den 30er Jahren auf der gesamten Linie beim Du“, sagte er. Auch andere Unternehmenschefs boten ihren Untergebenen das Du an. Es verbreitete sich in Krankenhäusern, Schulen und anderen Einrichtungen. Zwei Jahre später bot der frischgebackene Ministerpräsident Olof Palme auf seiner allerersten Pressekonferenz den Journalisten das Du an. Davon inspiriert begannen diese, alle gesellschaftlichen Größen in Interviews zu duzen. Innerhalb weniger Jahre war die Du-Reform vollzogen.

Sie wurde von den das Land prägenden Sozialdemokraten als Befreiungsschlag für mehr Gleichheit und Demokratie gefeiert. Der gefühlte Abstand zwischen den Menschen nahm ab, der Führungsstil in den Unternehmen wurde weicher. Nur die Mitglieder der Königsfamilie werden auch heute mit Titel und möglichst indirekt angesprochen.

Siezen verbreitet sich wieder

Im Arbeitsleben ist das Du aber nicht immer von Vorteil. So klagen gerade Deutsche, die in Schweden arbeiten, darüber, dass es durch den freundschaftlichen Umgangston schwer sei, Privat- und Berufsleben zu trennen. Bitten wie „du, sei doch so lieb und mache Überstunden“, könne man kaum mit Tarifregeln kontern, weil man ja so freundschaftlich mit dem Chef umgehe. Professionelle Kritik ist schwieriger.

Doch auch eine gegenläufige Bewegung gibt es im heutigen Schweden, das von der Rückbesinnung auf konservative Werte und der Bewunderung für die Königsfamilie geprägt ist. Junge Leute, die in Geschäften oder Restaurants arbeiten, sagen immer häufiger „Sie“ zu Kunden. Auch das „von“ in Nachnamen wird gern zur Schau gestellt, selbst in kreativen Berufen. Und wer nicht adelig ist, ändert seinen Nachnamen in etwas, das adelig klingt.

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01.09.2017, 06:00 Uhr
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