Nach der Sünde kam der Erfolg

Die Schönbuchbahn feierte 100 Jahre

100 Jahre Schönbuchbahn: Das ganze Wochenende feierten die Streckengemeinden von Böblingen bis Dettenhausen dieses Jubiläum. „Diese Bahn ist unsere Lebensader“ erklärten alle Festredner – und forderten die neue Landesregierung auf, die geplante Elektrifizierung der Strecke kräftig zu unterstützen.

18.07.2011

Von Martin Mayer

Dettenhausen. Sektempfang in Böblingen, Stadtfest in Holzgerlingen, historischer Jahrmarkt in Weil im Schönbuch und Jubiläums-Schau in Dettenhausen – alles verbunden mit Sonderzügen und Dampfzugfahrten des „Feurigen Elias“: Das überall zu Hunderten zusammenströmende Publikum zeigte am sonnigen Samstag aber auch am regnerischen Sonntag, wie eng verbunden die Gemeinden mit ihrem „Sauschwänzle“ sind.

Der Zulauf bekräftigte die Jubiläumsrede des Böblinger Landrats Roland Bernhard: Die 1966 von der Deutschen Bahn forcierte Idee, die 1910/11 in Betrieb genommene Strecke stillzulegen, war eine „irrige Entscheidung“ – „das war die größte vorsätzliche Sünde“, erinnerte Bernhard am Samstag beim Festakt in Weil unter Beifall zahlreicher Ehrengäste und Zeitzeugen. Gekommen waren Staatssekretärinnen, Abgeordnete, ehemalige und amtierende Landräte und Bürgermeister sowie Kreisräte aus beiden Landkreisen. Von den gut 17 Kilometern der Schönbuchbahn liegen nur knapp zwei im Kreis Tübingen. Aber die Reaktivierung der Bahn 1996 hatten Kommunalpolitiker aus beiden Landkreisen gemeinsam erkämpft.

Sowohl der Böblinger Landrat als auch sein Tübinger Kollege Joachim Walter dankten allen, die mit ihrem Kampf um die Schönbuchbahn deren heutigen Erfolg ermöglicht hatten. Landrat Bernhard und (als Gastgeber im Festzelt) der Weiler Bürgermeister Wolfgang Lahl forderten von der Landesregierung, die Elektrifizierung der Schönbuchbahn mit dem nötigen Geld – auch für die neuen Elektro-Fahrzeuge – zu fördern. Tübingens Landrat Walter schob die gleiche Forderung für die Ammertalbahn nach – ebenfalls ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Kreise Tübingen und Böblingen.

Die grün-rote Landesregierung sehe „in der Förderung sinnvoller Bahnprojekte“ einen wichtigen Baustein zur Reduzierung des Autoverkehrs, erklärte Staatssekretärin Gisela Splett in ihrer Antwort. Das Stuttgarter Verkehrsministerium werde künftig solchen Projekten „den Vorrang gegenüber prestigeträchtigen Großprojekten“ einräumen, erklärte die Grüne, die in Holzgerlingen an der Schönbuchbahn aufgewachsen ist. „Die Reaktivierung der Schönbuchbahn war ein Verdienst des bürgerschaftlichen und kommunalen Engagements“, rekapitulierte Splett: Mit dem symbolischen Streckenkauf „für einen Euro plus Mehrwertsteuer“ habe der Zweckverband aus der Schönbuchbahn „ein gelungenes Musterbeispiel für die Reaktivierung einer ehemaligen Nebenbahn“ gemacht und Verkehrsgeschichte geschrieben.

Bei der Reaktivierung hatten die Gutachter mit 2500 Fahrgästen pro Tag gerechnet. Inzwischen muss sich der Zweckverband auf 10 000 Fahrgäste pro Tag vorbereiten. Dafür werden die Elektrifizierung der Strecke und die Investition in neue und zusätzliche Fahrzeuge weitere Millionen erfordern. „Bleiben Sie der Schönbuchbahn treu und nutzen Sie sie reichlich“, forderten daher alle Redner im Weiler Festzelt.

Lebensader und Motor des Fortschritts

Die Geschichte der Schönbuchbahn ist in dem Jubiläums-Buch „Gleisgeschichten“ auf über 200 Seiten anschaulich zusammengefasst. Die Böblinger Kreisarchivarin Helga Hager beschrieb am Samstag beim Festakt und am Sonntag im Dettenhäuser Rathaus, „wie elementar die wirtschaftliche Existenz der Gemeinden an diese Bahn gekoppelt war“. Die Streckenverbindung, die seit den 1860er-Jahren geplant war, erschloss den Anliegern neue Arbeitsplätze in Böblingen oder Stuttgart und der Landwirtschaft neue Absatzmärkte – sie war „nicht nur Lebensader sondern auch Motor des Fortschritts“, sagte Hager.

Im Dettenhäuser Rathaus wurde am Sonntagmorgen auf zwei Etagen die Jubiläums-Ausstellung eröffnet. Dabei gab?s erneut Applaus für den Dettenhäuser Ehrenbürger Stefan Nau, der mit dem Frachtaufkommen seiner Behälterfirma – er garantierte 20 000 Tonnen pro Jahr – in den 1960er-Jahren die Schönbuchbahn vor der Stilllegung gerettet hatte. Applaus bekam auch Dettenhausens Ex-Schultes Kurt Dörr, der – so Hager – als „Pionier des Widerstands und der Reaktivierung“ den Kampf für die Bahn anführte.

„Wir lassen uns das Sauschwänzle nicht abschneiden“: Das damalige Protest-Plakat hängt jetzt im Dettenhäuser Rathaus. Kulturwissenschaftler Ulrich Hägele, der Kurator des Schönbuch-Museums, hat die Jubiläums-Ausstellung als „Musée sentimentale“ angelegt: Die Schau von Alltags-Objekten, persönlichen Erinnerungsstücken und Fotos aus Familienalben hat nun bis 19. August im Dettenhäuser Rathaus ihre letzte Station. Die Signallampen, Schaffnermützen oder Monatsbillets, so Hägele, „erzählen eine unspektakuläre Geschichte – aber es sind die Geschichten der Menschen, die mit der Bahn lebten und arbeiteten“. Ein Stück Schiene aus dem Jahr 1935 – Marke Krupp-Stahl – wird dabei auch zur Reminiszenz an die Zeit, als viele Fahrgäste zu Soldaten wurden und Kriegszerstörungen folgten.

Bürgermeister Thomas Engesser eröffnete danach in der Werkshalle der Schönbuchbahn die Jubiläums-Hocketse. Er würdigte die Verdienste seiner Amtsvorgänger für die Schönbuchbahn und fügte an: „Wenn der verstorbene Helmuth Bächle und Stefan Nau nicht schon Ehrenbürger wären, müsste man sie heute dazu ernennen.“ Für die WEG wurde die Bahn, so Prokurist Uwe Brücher, zum „Aushängeschild“. Gründe genug jedenfalls für Norbert Reiff und seine Musikanten bei der Hocketse das Schönbuchbahn-Lied zu intonieren.

Im Juli 1911 kam der erste Zug nach Dettenhausen. Als gestern bei der Dettenhäuser Jubiläums-Hocketse der „Feurige Elias“ am Bahnhof einfuhr, waren die Bahnfans aus dem Schönbuch in großer Zahl dabei – trotz des Regens.Bild: Faden

100 Jahre kompakt: Das Jubiläums-Buch.

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Erstellt:
18. Juli 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Juli 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2011, 12:00 Uhr

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