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Die Schlimmste Nacht seit 1945
Totalschaden: Eines der vielen vom Tornado vollkommen zerstörten Häuser in Pforzheim vor 50 Jahren. Foto: Privat
Naturkatastrophe 1968

Die Schlimmste Nacht seit 1945

Nie zuvor gab es in Deutschland einen so starken Wirbelsturm wie am 10. Juli 1968 in einem Teil des Schwarzwalds.

04.07.2018
  • HANS GEORG FRANK

Pforzheim. Ein Indianer vom Stamm der Cherokee hatte die Zeichen instinktiv richtig gedeutet. „Das ist ein Tornado“, rief der US-Amerikaner in der rundum verglasten Aula der Pforzheimer Waldorfschule, „alle auf den Boden und die Stühle über die Köpfe.“ Das Licht war aus, immer mehr Fenster waren zerborsten. „Die Glassplitter fielen in alle Richtungen“, erinnert sich Gabriele Dörfel (83) an das dramatische Ende eines Konzerts für Gaststudenten. „Es war lebensgefährlich, da hätte Schlimmes passieren können“, blickt sie mit Schaudern zurück. Fünf bis acht Minuten seien alle auf dem Boden gelegen: „Einige haben geschrien, dann war es totenstill.“

Aula ohne Dach

Das Erlebnis am 10. Juli 1968 vergleicht die Rentnerin, die damals mit Ehemann und drei Töchtern auf dem Buckenberg wohnte, mit einer Nahtoderfahrung: „Der Film meines 33 Jahre währenden Lebens zog in jener Nacht an mir vorüber.“ Das Dach der Aula war weggerissen, auf dem ziemlich neuen Ford 12 M lag die Metallhaube eines Wasserturms. Die über ein Jahr dauernde Flucht aus Oberschlesien sei nicht so schlimm gewesen wie die 15 Minuten des Tornados, sagt Dörfel.

Aus einem Tief über Mittelengland hatte sich an jenem schwülheißen Mittwoch die schwerste Sturmkatastrophe in Südwestdeutschland entwickelt. Das Wetteramt in Freiburg hatte um 16 Uhr gewarnt vor „stürmischen Böen“. Was tatsächlich sechs Stunden später über den Schwarzwald und seine Ausläufer hereinbrach, war eine 20 Kilometer lange und bis zu 400 Meter breite Verwüstung. 3300 Häuser total zerstört oder schwer beschädigt, über 300 Menschen verletzt. Dass „nur“ ein Ehepaar, 58 und 59 Jahre alt, von Trümmern erschlagen wurde, ist unter dem Stichwort „Wunder“ verbucht worden.

Der Tornado hatte so heftig gewütet, dass eine Frau vom Balkon im zweiten Stock gerissen und auf die Straße geschleudert wurde. Wälder glichen einem Schlachtfeld, Autos waren zu Schrottknäueln zusammengeschoben. Die Luftwaffe stellte die Tiefflüge ein, weil sonst ramponierte Häuser wohl ganz eingestürzt wären.

Die verheerende Wirkung des Tornados war zunächst unklar. „Das ganze Ausmaß war erst am anderen Morgen zu überblicken“, so Gabriele Dörfel. Weil keine Straßenlampen mehr brannten, blieb die Szenerie im Halbdunkel von Taschenlampen und Autoscheinwerfern. Oberbürgermeister Willi Weigelt löste erst um 1.50 Uhr Katastrophenalarm aus.

Die Schäden hatten sich, wie bei Tornados üblich, auf einen relativ schmalen Korridor beschränkt. Im Nachbarort war davon nichts zu spüren. Else Maili (88) erzählte der „Pforzheimer Zeitung“, wie aus ihrem Dorf ein Mann im zerrissenen Schlafanzug in der Nachbarschaft habe Hilfe holen wollen, aber ausgelacht worden sei: „Die haben gar nicht geglaubt, wie schlimm es bei uns war – es war furchtbar, furchtbar.“

„Das war Pforzheims schlimmste Nacht seit dem Krieg“, waren sich Opfer wie Beobachter rasch einig. Die Stadt war am 23. Februar 1945 von britischen Bombern extrem stark zerstört worden. Nun, gut 23 Jahre später, hatten Bewohner neuer Häuser fast alles verloren – Einrichtung, Kleidung, Hausrat. Aber: Sie lebten. Für Schäden, sie summierten sich auf viele Millionen Euro, kam zumeist die Versicherung auf. Noch am Abend des Desasters eilten Helfer von überallher zum Aufräumen, darunter Hundertschaften von Soldaten. Husaren eines französischen Regiments packten beherzt zu. Dabei war auch ihre Kaserne betroffen, eine Wache war mit dem Postenhäuschen durch die Luft gewirbelt worden.

Aus dem ganzen Land wurden Glaser und Zimmerleute in den Raum Pforzheim beordert. Oberbürgermeister Willi Weigelt zeigte sich dankbar für die große Unterstützung nach der „schweren Naturkatastrophe“. Nur auf eine Form der Anteilnahme konnte er verzichten: Er appellierte an die sonst so erwünschten Gäste der „Goldstadt“ ihren Besuch so lange zu verschieben, „bis wieder normale Verhältnisse eingetreten sind“. Gaffer hatten mit ihren Fahrzeugen die Hilfskonvois und Reparaturtrupps behindert.

„Die Bäume liegen im Wohnzimmer“

Das Stadtarchiv Pforzheim gibt zum 50. Jahrestag ein Buch über den Tornado heraus. „Die Bäume liegen im Wohnzimmer und die Möbel im Garten“, heißt die erste historische Übersicht. Der Historiker Patrick Sturm hat viele Berichte der Einsatzkräfte und Verwaltung aus der Zeit vor einem halben Jahrhundert ausgewertet. Er fasst den Verlauf der Katastrophe, das Ausmaß der Schäden, die Trümmerräumung und Instandsetzung zusammen. Die Broschüre mit 72 Seiten aus dem Verlag Regionalkultur kostet 9,90 Euro.

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04.07.2018, 06:00 Uhr
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