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Freizeit-Historiker graben in Polen erneut nach Nazi-Zug

Die Schatzsuche geht weiter

Gibt es ihn? Das Rätsel um einen ominösen, mit Gold beladenen Nazizug könnte bald gelöst werden. In zehn Tagen wollen private Historiker ihn ausgraben.

06.08.2016
  • DIETRICH SCHRÖDER

Walbrzych. Ist es nur eine Art Loch-Ness-Geschichte zum Füllen des Sommerlochs oder doch viel mehr? Seit einem Jahr jedenfalls sorgen deutsche und polnische Freizeit-Historiker mit Georadar-Aufnahmen für Schlagzeilen, die sie im Norden der Stadt Walbrzych, dem einstigen Waldenburg, gemacht haben.

In dieser Ecke Niederschlesiens hatten die Nazis nach ihrer Niederlage bei Stalingrad im Zweiten Weltkrieg mit dem Bau des Führerhauptquartiers „Riese“ begonnen. Dieser Unterschlupf für Adolf Hitler, der eine Alternative zur Wolfsschanze in Ostpreußen sein sollte, wurde zwar nie fertiggestellt. Jedoch soll – so die Theorie der Schatzgräber – am 29. Januar 1945 ein gepanzerter Zug aus Breslau nach Waldenburg gefahren sein und dort bis heute in dem verschütteten Tunnel stehen.

Im August 2015 hatten der polnische Bauunternehmer Piotr Koper und sein deutscher Kompagnon Andreas Richter Aufnahmen gezeigt, die sie mit einem Georadar-Gerät gemacht hatten, dessen Reichweite bis 40 Meter unter die Erdoberfläche reicht. Mit etwas Fantasie sind darauf Umrisse eines Zuges mit gepanzerten Geschützaufbauten zu erkennen. „Die Theorie, dass der Zug Gold oder Kunstschätze an Bord hat, stammt gar nicht von uns“, sagen die beiden. Davon, dass der Zug wichtige Dokumente oder Gegenstände in Sicherheit bringen sollte, sind sie aber überzeugt.

„Am 15. August können jetzt die Grabungen beginnen, nachdem die polnischen Behörden ihre Genehmigung erteilt haben“, sagt Christel Focken. Die 55-Jährige, die in Wegendorf bei Altlandsberg (Märkisch-Oderland) lebt, ist selbst begeisterter Geschichtsfan und leitet den Bundesverband der Privaten Historiker. Schon vor Jahren hat sie ein Buch über das Objekt „Riese“ geschrieben, und sie bietet auch Exkursionen zum Ostwall bei Meseritz (Miedzyrzecz) und zur Wolfsschanze im früheren Ostpreußen an.

„Koper und Richter haben mich zur Pressesprecherin bei den Ausgrabungen in Waldenburg gemacht“, berichtet sie. Für sie selbst sei gar nicht der Goldzug, sondern vielmehr die Frage, wohin der Tunnel führt, in dem dieser stehen soll, das Spannendste am Unternehmen. Denn nur knapp zwei Kilometer Luftlinie vom Grabungsort entfernt, ragt das Schloss Fürstenstein (polnisch: Ksiaz) auf einem Berg hoch über Walbrzych.

Dessen letzter Besitzer, Hans Heinrich XV. von Pleß, war von den Nazis enteignet worden, als diese mit dem Bau von „Riese“ begannen. Der Umstand, dass von Pleß hoch verschuldet war, weil er seiner englischen Frau Daisy – einer Tante von Winston Churchill – kostspielige Geschenke gemacht hatte (unter anderem eine sieben Meter lange Perlenkette), kam den Nazis entgegen.

Auf jeden Fall führen vom Schloss aus tiefe Schächte in die Unterwelt, die wiederum mit dem Tunnel verbunden sein könnten, in dem der Zug steckt. „Ich konnte den Behörden von Walbrzych schon mehrere Tunnel zeigen, von denen sie nichts gewusst hatten“, berichtet Focken. Ihr Großvater war übrigens als Ingenieur der Kriegsmarine an der Entwicklung von Kampfschiffen beteiligt. „Als ich sechs war, erzählte er mir von Zügen, mit denen Maschinenteile und Ausrüstungen gegen Ende des Krieges in Bergwerke verlagert wurden“, erzählt sie. So sei ihr Interesse an Geschichte entstanden.

Für die Suche nach dem Zug sollen zunächst Grabungen an drei Stellen vorgenommen werden, von deren Ergebnis das weitere Vorgehen abhängig sein wird. Von dem Umstand, dass Forscher der Bergakademie Krakau schon im Winter bei einer staatlich finanzierten Untersuchung keine Spuren vom Zug fanden, lassen sich die Privatforscher nicht beeinflussen. „Die haben ganz einfach an der falschen Stelle gesucht“, ist Christel Focken überzeugt. Denn der verschüttete Tunnel, dessen Existenz auch der Geologe Janusz Madej von der Bergakademie bestätigte, weise zwei Schächte auf. „Und die haben einfach den falschen genommen“, so die Brandenburgerin.

Der vermeintliche Goldzug ist für die Stadt Walbrzych längst zum Touristenmagnet geworden. Neben Goldbarren aus Schokolade, die den Aufdruck „Deutsche Reichsbank“ tragen, T-Shirts und jede Menge pseudo-wissenschaftlicher Bücher werden auch Totenköpfe mit Hakenkreuzen und andere fragwürdige Souvenirs verkauft.

An den Kosten für die Grabung wollte sich die Stadt trotzdem nicht beteiligen. „Falls da unten wirklich Schätze liegen, hätten Koper und Richter Anspruch auf zehn Prozent Finderlohn, der aber nach polnischem Gesetz auf maximal 300?000 Zloty (gut 70?000 Euro) beschränkt wäre“, sagt Focken.

Aber selbst wenn man „nur“ den Nazi-Zug ohne bedeutende Ladung fände, wäre dies schon eine Sensation. Christel Focken hat sich das schon ausgemalt: „Sie brauchen sich nur mal vorzustellen: So ein Tunnel mit drei Eintrittskassen und Tausenden Touristen im Jahr – was das für ein Geschäft wäre!“

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06.08.2016, 06:00 Uhr
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