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Migration

Die Sache mit den Wurzeln

Der Fall des Fußball-Stars Mesut Özil rückt die Frage der Integration ins Rampenlicht. Dabei ist es um sie inzwischen weitaus besser bestellt, als die meisten glauben.

24.07.2018
  • DIETER KELLER UND IGOR STEINLE

Berlin. Ist die Integration von Migranten in Deutschland gescheitert, nur weil Mesut Özil in der Fußball-Nationalmannschaft gescheitert ist? Der Fall ist nicht typisch. Zudem gibt es keine einfachen Antworten, schon weil die entsprechende Bevölkerungsgruppe groß ist: Jeder Fünfte, der in Deutschland lebt, hat einen Migrationshintergrund – das reicht von Spätaussiedlern aus Russland bis zu Einwanderern aus Afrika und Asien. Sechs Thesen.

Es gibt Rassismus. Die Frage ist, wie man mit ihm umgeht. Kein Zweifel: Migranten haben es im Alltag schwerer. Eine repräsentative Studie verglich den Erfolg anonymisierter Bewerbungen mit denen von Arbeitssuchenden mit identischer Qualifikation, aber ausländischem Namen. Das Ergebnis: Migranten sind klar im Nachteil. Zudem gehören Meldungen über rassistische Übergriffe zum traurigen deutschen Alltag. Diese Tendenzen müssen staatlich und gesellschaftlich bekämpft werden.

Trotzdem stellt sich Migranten jeden Tag die Frage: Wie gehe ich mit Rassismus um? Ali Ertan Toprak, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, hat dazu eine klare Meinung: Zuwanderer sollten sich nicht als Opfer begreifen. Denn das Pochen auf eine gesellschaftliche Sonderrolle wirke „in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen kontraproduktiv“, sagt er. Dies bedeute jedoch nicht, dass Migranten sich wegducken sollten. Vielmehr plädiert Toprak für mehr Selbstbewusstsein: „Viele von uns sind längst besser integriert, als Politik und Medien glauben“, sagt er.

Migranten stehen unter besonderem Leistungsdruck. Wer aufsteigen will, muss besser sein – und darauf legen Migranten Wert. Für drei von fünf jungen Leuten mit Migrationshintergrund ist es wichtig, im Leben sozial aufzusteigen, also mehr zu erreichen als die Eltern, das hat schon 2015 eine Allensbach-Umfrage für McDonald's unter 15- bis 24-Jährigen ergeben. Unter allen in dieser Altersgruppe – also mit und ohne Migrantenhintergrund – bejahten das nur zwei von fünf. Und die jungen Leute sind auch überzeugt, es zu schaffen: Sie äußern sich deutlich häufiger zuversichtlich als ihre Altersgenossen ohne ausländische Wurzeln.

Integration ist eine Frage der Bildung. Etwa ein Drittel der Migrantenkinder ist schlecht in der Schule, Probleme mit Disziplin sind an der Tagesordnung. Zahlreiche Studien benennen die Gründe: Migranten kommen häufig aus bildungsfernen Schichten. Während sich deutsche Kinder auf frühe Förderung ihrer Eltern verlassen können, findet in ausländischen Familien oft keine entsprechende „Vorerziehung“ statt. In seiner eigenen Biografie schildert Fußballer Özil das: Einen Kindergarten konnte sich seine Familie nicht leisten, sein Deutsch ist dementsprechend schlecht.

Wenn frühkindliche Förderung einen so großen Einfluss auf die Entwicklung junger Menschen hat, wieso reagiert die Gesellschaft nicht mit den nötigen Maßnahmen? Schon vor Jahren forderte der Migrationsforscher Klaus Bade eine Kindergarten-Pflicht für Kinder von Einwanderern mit schlechten Deutschkenntnissen. „Wer sein Kind nicht hinschickt, kriegt kein Kindergeld und muss unter Umständen mit Abstrichen auch bei anderen Sozialtransfers rechnen, denn er bürdet der Gesellschaft die sozialen Folgekosten des eigenen Erziehungsversagen auf“, war sein Argument.

Migranten sind gefordert, sich besser zu integrieren. Wer in Deutschland dauerhaft lebt, muss zumindest die Sprache lernen. Das befürworteten in einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung auch fast alle dauerhaft in Deutschland lebenden Ausländer. Drei Viertel von ihnen sprechen auch zu Hause überwiegend Deutsch. Bei einem sind gerade türkischstämmige Zuwanderer besonders „deutsch“: Sie streben in den Staatsdienst. Dorthin zieht es jeden Dritten, dagegen unter den Deutschen ohne Migrationshintergrund jeden Zehnten.

Über gut integrierte Migranten wird zu wenig gesprochen. Ob Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni, Sternekoch Nelson Müller oder Ex-Grünen-Chef Cem Özdemir, es gibt viele erfolgreiche Prominente mit familiären Wurzeln in anderen Ländern. Unternehmer mit ausländischem Hintergrund sind ein Beschäftigungsmotor, ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung: Zwischen den Jahren 2005 und 2014 nahm ihre Zahl um ein Viertel auf 709 000 zu. Dabei sorgten sie für 350 000 Arbeitsplätze – weniger in Handel und Gastronomie als in anderen Dienstleistungsbereichen und im produzierenden Gewerbe. 2016 war jeder fünfte Unternehmensgründer Ausländer oder in Deutschland eingebürgert, so die Erkenntnisse der Staatsbank KfW. Allerdings dürfte es sich weniger um Türken handeln als um Unternehmer mit Hochschulabschluss aus Westeuropa, also etwa aus den Niederlanden, Österreich oder der Schweiz.

Die Gesellschaft muss sensibler mit der Situation von Migranten umgehen. Migranten sind stärker von Armut bedroht als Menschen ohne Migrationshintergrund. Sie haben im Schnitt geringere Einkommen, was unter anderem am geringeren Bildungsniveau liegt. Dafür müssen sie nach Zahlen des Statistischen Bundesamts mehr für die Miete bezahlen. Dabei hat die einzelne Person im Haushalt weniger Platz. Also brauchen sie mehr Hilfe bei der Wohnungssuche und der Finanzierung, zumal sie häufig in große und damit teure Städte ziehen.

Und gerade muslimische und türkischstämmige Zuwanderer fühlen sich besonders häufig respektlos behandelt. Das beklagt jeder Sechste – unter russischstämmigen Zuwanderern und Deutschen ohne Migrationshintergrund ist es aber nur jeder Zwanzigste.

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24.07.2018, 06:00 Uhr
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