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Die Reutlinger Hochschule besitzt eine umfangreiche, teils jahrhundertealte Gewebesammlung
Raritäten aus Japan: Regine Lechler-Fiola, Emeritus Eugen Wendler, Textil-Dekan Michael Goretzky (von links). Bild: Haas
Textilgeschichte · Der Stoff, aus dem Träume sind

Die Reutlinger Hochschule besitzt eine umfangreiche, teils jahrhundertealte Gewebesammlung

Sie lagern in vergilbten Büchern und Ordnern in einem Kellerraum: Rund 500000 Stoffabschnitte umfasst die Gewebesammlung der Reutlinger Hochschule. Sie entstand seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

14.11.2017
  • Matthias Reichert

Damals siedelten sich viele Textilfirmen in Reutlingen an, die stoffliche Vorbilder brauchten. Seit 1850 archivierte die Stuttgarter „Centralstelle für Handel und Gewerbe“ zu Ausbildungszwecken Stoffe. Das dortige „Musterlager“ war das zweitälteste Gewebemuseum in Europa – mit Sammlungs-Schwerpunkt auf Ostasien. 1933 ging ein Teil dieses Fundus’ an das Reutlinger Technikum für Textilindustrie über. Die spätere Hochschule verfügte bereits über eine eigene Gewebesammlung. Hier wurden Stoffe aus halb Europa bezogen – Naturfasern aus Wolle, Baumwolle, Seide, Leinen.

Als Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend Chemiefasern die Produktion bestimmten, stellte die Hochschule die textile Sammeltätigkeit ein. Die Objekte werden nun für künftige Generationen digitalisiert, doch bisher sind erst 20000 bis 30000 Stücke erfasst. Prof. Michael Goretzky, Dekan der Fakultät für Textil und Design, möchte die Sammlung in einem Neubau präsentieren und mit der Zukunftsforschung kombinieren, um textile Materialentwicklung zu betreiben.

Bisher ist die Sammlung nicht öffentlich zugänglich. Dabei schlummern Schätze darunter. Etwa Stoffstücke aus dem Peru des 7. bis 9. nachchristlichen Jahrhunderts, darunter seltene Grabbeigaben: die Schenkung eines ehemaligen peruanischen Studenten, der zeitweise in Reutlingen studierte und 60 bis 80 solcher Raritäten seiner früheren Hochschule überließ.

Die Stoffe der Sammlung sind in unterschiedlichen Techniken hergestellt. Manche Stücke sind laut Dozentin Regine Lechler-Fiola topaktuell – obwohl sie 100 Jahre alt und älter sind. So enthalten die Musterbücher Seidenstoffe mit dreidimensionaler Gestaltung durch Hintergrundmuster, Baumwolle mit bunten Effekten, Westenstoffe von 1893, Flanell in allen Farben – und schon 1858 waren große Karos modern, zeigen die Bücher.

Das Herzstück der Gewebesammlung sind aber rund 900 Objekte aus dem Japan der Jahre von 1530 bis 1880. Die hat der gebürtige Bietigheimer Erwin Baelz zusammengetragen (siehe Infobox). Baelz war kaiserlicher Leibarzt in einer Zeit der Kulturrevolution. Japan hielt damals die eigene Kultur für barbarisch und ahmte die europäische und amerikanische Tradition nach. Erwin Balez hingegen trug japanische Relikte zusammen. 1881 übereignete er seine Stoffkollektion dem Stuttgarter Musterlager. Zwischen 1885 und 1891 verzeichnen dessen Bücher mehr als 4000 Ausleihungen. Teils verstümmelten Nutzer die Gewebe, indem sie Stoffstücke heraustrennten und für eigene Studienzwecke behielten. Dennoch sei die Sammlung sehr gut erhalten, sagt Dekan Goretzky.

Rund 900 Gewebefragmente aus der Japan-Sammlung gingen 1933 ans Reutlinger Technikum. Der heutige Emeritus Prof. Eugen Wendler hat den Schatz gehoben, als er 1980 die Festschrift zum 125. Gründungs-Jahrestag des Technikums schrieb. Seither hat er Gutachten renommierter Forscher eingeholt und Kontakte nach Japan geknüpft. Die Reutlinger Bestände suchen seiner Ansicht nach ihresgleichen. Die meisten Fragmente seien sogar datiert und mit dem jeweiligen japanischen Fachterminus bezeichnet.

„Diese Sammlung ist einzigartig in der ganzen Welt“, habe ein Kollege geäußert. Manche der Techniken und Gewebe seien in Japan gar nicht mehr bekannt, weiß Wendler. „Jedes Detail ist eine technische Offenbarung, jedes Muster hat eine symbolische Bedeutung“, schwärmt der Emeritus.

Er zeigt mit Gold und Silber ummantelte Papiere, kaiserliche Drachen, gestickte Feigen, Blüten aus dem 16. Jahrhundert, Bilder von Teezeremonien und Sumo-Ringern, Musterbücher für Kimonostoffe, Tempeldecken. Die Hochschule plant nun zunächst eine Publikation in Deutsch, Englisch und Japanisch über den Schatz, der so lange in Kisten und Kellern geschlummert hat.

Ein Mediziner mit Faible für die japanische Kultur

Erwin Baelzwurde 1849 in Bietigheim geboren. Er studierte in Tübingen und Leipzig Medizin. 1875 wurde er an die damals einzige medizinische Akademie Japans nach Tokio berufen. Sein Ruf als Wunderdoktor brachte es laut Prof. Eugen Wendler mit sich, dass er Leibarzt des damaligen Kronprinzen und späteren Kaisers von Japan wurde. Baelz unternahm ausgedehnte Reisen in die japanische Inselwelt und gründete dort ein Heilbad. Er trug über 6000 Zeugnisse der japanischen Kultur zusammen, darunter hunderte altjapanische Gewebefragmente, die heute zur Sammlung der Reutlinger Hochschule zählen. Nach 30 Jahren in Japan musste Baelz nach Württemberg zurück. König Wilhelm II. erhob ihn in den Adelsstand, 1913 starb er in Stuttgart.

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14.11.2017, 01:00 Uhr
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