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Wo mancher Schatz gehoben wird

Die Rathaus-Sanierung auf der Zielgraden – mit Hightech und historischem Anspruch

Das altehrwürdige Tübinger Rathaus musste schon viele Um- und Anbauten über sich ergehen lassen. Noch in den 1960ern wurde das 1435 errichtete Gebäude mit viel Beton und Stahl verschlimmbessert. Die aktuelle Sanierung orientiert sich an historischen Originalzuständen, integriert zugleich moderne EDV-, Brandschutz- und Heizungstechnik – und öffnet das Entree in Richtung Marktplatz.

17.01.2015

Von vor

Tübingen. Noch ist es staubig und düster in der künftigen Empfangshalle. In neun Monaten – da wollen Oberbürgermeister Boris Palmer und seine Verwaltung wieder ins Rathaus am Markt ziehen – soll jede Menge Licht ins geräumige Entree fallen. Eine durchgehende Glasfront ersetzt dann die einst weitgehend geschlossene Erdgeschoss-Fassade samt der schweren hölzernen Eingangstüre. „Aus der Trutzburg wird ein gläserner Eingang“, sagt Palmer zu dem Tross von Presseleuten, die der Hausherr über die Rathaus-Baustelle führt.

Dürfte ein echter Hochzeits-Renner werden: Das künftige Trauzimmer, zuvor: Kleiner Sitzungssaal.

Was genau in dieser Empfangshalle untergebracht wird, ist noch nicht klar. Soviel: „Rechts eine Ausstellungsfläche, links Empfang und touristische Information“, sagt Palmer. Wie berichtet, möchte der OB gerne den Bürger- und Verkehrsverein (BVV) mit einer touristischen Dependance samt Infotheke, Büro und zugleich als „Lotsen fürs Rathaus“ im neuen, publikumsfreundlichen Foyer ansiedeln. Doch der BVV besteht bislang darauf, dass die Stadt für die Kosten aufkommt – weswegen Kommune und Verein noch einigen Gesprächsbedarf haben.

Viel Luft nach oben, links die Glasfront: OB Boris Palmer (4. von rechts) erklärt den Rathaus-Umbau in der künftigen Eingangshalle.

Wo vom Herbst an Tübinger und Touristen eintreten, sind einst Pferdefuhrwerke unterm Rathaus durchgefahren, haben Marktbeschicker ihre Handkarren gezogen. Davon zeugt ein wieder freigelegter, längst zugemauerter Torbogen an der Rückwand des Eingangsbereichs – zugleich die hintere Begrenzung des ersten Bauabschnitts von 1435. Eine der zwei mächtigen Eichenstützen – zwei sind noch übrig, der Rest ist längst in Beton gegossen –, die die Last des Gebäudes trägt, ist nur noch in Teilen vorhanden. Weil der Gescheckte Nagekäfer – im Volksmund auch Totenuhr genannt – den Hauptträger völlig zerfressen hat, musste er teils mit neuerem Eichenholz aufgefüllt, im unteren Teil gar komplett ersetzt werden, erklärt Andreas Haas, Leiter des Fachbereichs Hochbau und Gebäudewirtschaft. Allein für die aufwendige, statisch aber wichtige Sanierung des Pfostens wurden vom Gemeinderat abgesegnete Zusatzkosten von 400 000 Euro fällig. Insgesamt wird die Rundumsanierung statt geplanter 8,9 Millionen wohl 10,1 Millionen Euro kosten. Was Palmer angesichts des Gebäudealters und der teils beträchtlichen baulich-statischen Herausforderungen kein Kopfzerbrechen bereitet.

Der Gescheckte Nagekäfer fraß sich durch: sanierter Eichenträger in der Eingangshalle.

Ob im Treppenhaus, in künftigen Büros oder Sälen: Überall hängen noch Strom- und Computerkabel von der Decke. Böden sind offen, Wände unverputzt, allenthalben nackter Beton und unverkleidete Holzbalken. Kaum zu glauben, dass hier bereits im September wieder alle Büros bezogen werden sollen, von Grund auf renovierte Sitzungssäle und die Cafeteria, das Trauzimmer wie auch die Toiletten auf Nutzer warten. „Es wird alles sehr viel schöner als zuvor“, freut sich Palmer.

Zusammen mit Architekt Christoph Schultze präsentiert der OB ein auch vor dem Umbau schon vorhandenes Schmuckstück: Der ringsum mit bemaltem Holz getäfelte Kleine Sitzungssaal wird künftig zum schmucken Trauzimmer. Die gewölbte Holzdecke in jenem alten Gerichtssaal mit darüber geschichteten Lehmwickeln diente wie auch die Wand der Wärmedämmung in einem der wenigen mit Ofen beheizbaren Rathaus-Räume, so Schultze.

Andere Schätze aus alten Tagen mussten beim Umbau erst gehoben werden – etwa der 1495 auf das bisherige Rathaus draufgebaute Hofgerichtssaal. Der Dachstuhl wurde für das neue Stockwerk abgebaut und später wieder draufgesetzt. Seit 1514, dem Jahr des Tübinger Vertrags, wurde der Saal dauerhaft vom Hofgericht genutzt. Das höchste Gericht in Württemberg bekam seinen festen Sitz als Dank Herzog Ulrichs für die Tübinger Hilfe beim Niederschlagen des Bauernaufstands im Remstal. Im Zuge der 1960er-Renovierung war der Hofgerichtssaal „in sieben Büroräume zerlegt“ worden, so Palmer. Schon bald wird hier der neue Kleine Sitzungssaal mit ovalem Tisch zu finden sein.

Alles neu: Im 2. Stock, wo einst Büro- und Lagerräume waren, soll eine Cafeteria entstehen, erklärt OB Boris Palmer beim Rathaus-Rundgang.

Runderneuert wird auch der Große Sitzungssaal ein Stockwerk tiefer: Befreit von einem Abstell-Eck, in dem auch Technik untergebracht war, bekommt der nun größere Saal einen neuen Eingang und im Halbrund angeordnete Gemeinderats-Sitze verpasst. Außerdem, wie die gesamte Fassade (auch der jetzt noch mit Blenden versehene Hofgerichtssaal), Fenster mit größeren Scheiben und ohne Sprossen. Das komme dem Originalzustand am nächsten, erklärt Hochbau-Mann Haas.

Apropos Original: Da hat die „Kaputtsanierung“ mit ihrer „Allmacht in Beton“ (Palmer) in den 1960er Jahren manches verschlimmbessert, was nun wieder aufgehübscht wird. Zum Beispiel die hässlichen Betonpfeiler im Erdgeschoss. Die werden unten mit Sandstein verkleidet und oben verputzt. Statt, wie zunächst geplant, Tübinger Rhät- wird dafür Pliezhäuser Stubensandstein verwendet – wie auch für die Rathausböden. Laut Haas wurde eben jener Stubensandstein schon früher am Rathaus verbaut.

Bei aller historischen Rekonstruktion ist Palmer, Haas und Schultze wichtig darauf hinzuweisen, dass in dem alten Gemäuer künftig jede Menge Hightech für schnelle Datenübertragung und moderne LED-Beleuchtungskonzepte, für barrierefreien Zugang, für Brand- wie auch für Klimaschutz sorgt. Dank Dämmung, neuer Fenster und des mit Gas betriebenen Blockheizkraftwerks im Keller – das neben Strom so viel Wärme produziert, dass damit perspektivisch auch Nachbargebäude geheizt werden können – soll im Rathaus der CO2-Ausstoß um mehr als die Hälfte und auch die Heizkosten beträchtlich gesenkt werden.

Heizungstechnik vom Feinsten: Im uralten Gewölbekeller unterm Rathaus ist der 6000 Liter fassende Warmwasserspeicher des gasbetriebenen Blockkraftwerks untergebracht.

Trotz Renovierung wird weiterhin Platznot im Rathaus herrschen. Sogar noch mehr als zuvor, weil einige der alten Säle wieder entdeckt und hergerichtet wurden, in denen zuvor Büros untergebracht waren. Das bedeutet: Einige Abteilungen wie das Rechtsamt oder die Stabsstelle Gleichstellung und Integration werden bald in der renovierten (dann ehemaligen) Grundschule in der Münzgasse logieren, deren Schüler/innen im September in die Lindenbrunnenschule umziehen.

Damit nicht genug der Verwaltungs-Rochaden: Die oberen Stockwerke im Blauen Turm, in denen derzeit noch Palmer und große Teile der Verwaltung residieren, werden im Herbst nahtlos an Baubürgermeister Cord Soehlke und seine Mitstreiter(inne)n übergeben. Die müssen wegen des Umbaus und der Erweiterung des Technischen Rathauses sogar auf sechs verschiedene Domizile ausweichen, etwa ins Obergeschoss des Hauptbahnhofs und der benachbarten Discounthalle.

Auch wenn die 2000 Teilnehmer/innen beim Stadtlauf am 20. September am dann rundumerneuerten, technisch modernisierten und statisch ertüchtigten Rathaus vorbeihecheln werden: Gerüste werden wohl noch bis mindestens Ende Oktober die Fassade verdecken. Es gilt, erklärt Haas, die Schokoladenseite des 580 Jahre alten Kleinods ein bisschen mehr zum Strahlen zu bringen. Die dem Marktplatz zugewandte Fassade wird restauriert und gereinigt – auf dass Tübingen-Touristen das neben Hölderlinturm und Neckarfront beliebteste Fotomotiv in Zukunft wieder farbenfroh ablichten können.

Sanierung des Tübinger Rathauses

Sanierung des Tübinger Rathauses

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Tor in die Vergangenheit: Unter diesem steinernen Bogen konnte man einst mit der Kutsche vom Marktplatz zur Rathausgasse durchs Gebäude fahren.

Deutlich schöner als bisher: Das neue Trauzimmer im sanierten Tübinger Rathaus.

Auch hinter der Wandverkleidung des historischen Gerichtssaals verbirgt sich moderne Technik.

Wie genau das Foyer des sanierten Rathauses eingerichtet wird, ist noch nicht endgültig entschieden.

Nur zwei der alten Holzpfeiler sind erhalten - und auch die mussten teilweise erneuert werden.

Dieser Pfeiler war teuer: 400.000 Euro kostete der Versuch, ihn zu erhalten. Doch es stellte sich heraus, dass Schädlinge das alte Holz großteils zerfressen hatten.

Die Betonpfeiler aus den 1960er Jahren im Foyer werden noch mit Pliezhäuser Stubensandstein verkleidet, der auch an anderer Stelle im Rathaus verbaut wurde.

Wandputzmuster fürs Foyer im EG: Die linke Variante soll_APOSTROPHE_s werden.

Hier soll das künftige Casino für die Stadträte entstehen.

Fenster Richtung Marktplatz: Die linke Variante (ohne Sprossen) wird es werden. So sahen die Fenster übrigens auch im historischen Original aus.

Das Wappen von Bad Urach an einem Deckenbalken im historischen Rathaussaal.

Das Wappen der Pfalzgrafen an einem Deckenbalken im historischen Rathaussaal.

Die Stuckdecke ist historisch nicht bedeutend genug - sie wird mit Gipskartonplatten abgehängt.

Viel Geld kostet bei der Tübinger Rathaussanierung die Technik, die später hinter Gipskarton verschwinden wird.

Kabel sind wichtig für eine moderne Stadtverwaltung.

Im Keller erinnert Manches an die frühere Heizungsanlage.

Im Keller des sanierten Rathauses arbeitet ein Blockkraftwerk, hier im Gewölbekeller der 6000 Liter fassende Pufferspeicher.

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Erstellt:
17. Januar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Januar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2015, 12:00 Uhr

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