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„Die Radler hat man vergessen“

Tübingens schlimmste Fahrradfallen

Tübingens schlimmste Fahrradfallen: Was bei der privaten Initiative für ein besseres Radwege-Netz herauskam.

01.06.2019

Von Ulrich Janßen

Tübingens schlimmste Fahrradfalle ist eine Tankstellenausfahrt. An der Reutlinger Straße, da, wo die Autofahrer ihre frisch betankten Fahrzeuge wieder in den Verkehrsstrom einfädeln, sieht zumindest die Jury des Wettbewerbs um den fahrradunfreundlichsten Ort der Stadt einen ihrer „Sieger“. Viele Autofahrer achteten an der Aral-Tankstelle nur auf Autos, die von links kommen. Die von rechts kommenden Radler, meist aus dem Französischen Viertel in Richtung Stadt unterwegs, würden übersehen und, wenn sie nicht aufpassen, angefahren. Einer dieser übersehenen Radler sitzt jetzt im Rollstuhl.

Aufgerufen zu dem Wettbewerb hatten Andreas Golding und Wolfgang Scharnke. Der Solarunternehmer und der Gastroenterologe sind keine Wutbürger, die nur schimpfen wollen. Ihnen geht es um Lösungen für Probleme, sie fordern mehr städtische Aufmerksamkeit für das ökologischste aller Verkehrsmittel, das Rad. „Fürs Bussystem hat man in Tübingen viel getan, aber die Radler hat man vergessen“, meint Scharnke. Mit ihrem Wettbewerb wollen sie die Radwege stärker in die Diskussion bringen. Die vielen Vorschläge haben sie deshalb akribisch zusammengestellt und aufbereitet. Auf der Website „tuebinger-fahrradfallen.de“ kann jede/r die vorhandenen Fallen ansehen – und gegebenfalls ergänzen.

Tübingens schlimmste Fahrradfallen. Platz 1: Tankstellenausfahrt an der Reutlinger Straße (Bild) und Neckarbrücke. Privatbild

Die beiden begeisterten Radfahrer ärgern sich schon lange über die schlechten Radwege in der Stadt und stifteten deshalb 500 Euro für ihren Wettbewerb (wir berichteten). „Weil viele Einsendungen so gut waren“, sagten die beiden dem TAGBLATT, „haben wir die Preise gesplittet“. Außer Golding saßen noch Landgerichtspräsident Reiner Frey und der Geograph Hans-Joachim Rosner in der Jury, die ihre Ergebnisse jetzt vorstellte.

Wettbewerbssieger Thomas Wipperfürth erhielt auch deshalb einen der beiden ersten Preise, weil er gleich einen Verbesserungsvorschlag machte: Die Verlegung des Radwegs um 20 Meter stadtauswärts würde den Radverkehr von der Tankstellenausfahrt wegnehmen. „Da hat man damals offensichtlich einen Fehler gemacht“, meint Scharnke.

Der zweite erste Platz geht an Stefan Braun. Seine preisgekrönte Fahrradfalle ist die Ecke, wo Neckarbrücke und Gartenstraße aufeinander stoßen. Hier stehen die Fahrradfahrer, die vom Zinser-Eck kommen, auf der mittleren Spur links neben den Bussen. Doch oft verdecken die mächtigen Busse dort die Ampel für Rechtsabbieger. Eine zusätzliche Ampel über der Abbiegespur könnte das Problem lösen, findet Braun, der sich außerdem eine bessere Kennzeichnung der Radler-Spuren an dieser Stelle wünscht.

Tübingens schlimmste Fahrradfallen. Platz 1: Tankstellenausfahrt an der Reutlinger Straße und Neckarbrücke (Bild). Privatbild

Mangelhafte oder sogar gefährliche Führung von Trassen wurde bei dem Wettbewerb mit Abstand am meisten beklagt. 35 Beiträge gab es allein dazu. So kreuzen sich auch an der schon erwähnten Neckarbrücken-Kreuzung die Spuren von Radlern und Bussen – was das Fahren vor allem für Radler stressig macht. Scharnke und Golding könnten sich deshalb vorstellen, den Radweg über die Neckarbrücke einfach komplett auf den rechten Gehweg neben das Geländer zu verlegen: „Auf dieser Seite der Brücke gibt es ja auch nichts zu fotografieren außer dem Wöhrdstraßen-Parkhaus.“

Ein Dorn im Auge war vielen Einsendern der Straßenzustand. Schlaglöcher, Bodenwellen oder herausragende Steine entdeckten die Teilnehmer an vielen Stellen in der Stadt. 19 Beiträge gab es dazu. 18 beschäftigten sich mit einer anderen Tübinger Spezialität, den plötzlichen Radwegs-Unterbrechungen. „Das ist ja hier fast schon die Regel“, meint Golding, der sich auch wundert, warum man jetzt unbedingt eine teure Brücke über die Steinlach bauen muss: „Vor und nach der Brücke herrscht doch das totale Chaos.“ Erst brauche man mal, pflichtet Scharnke bei, „einen guten Plan für die Anbindung der Brücke“.

Tübingens schlimmste Fahrradfallen. Platz 2: Plötzliches Poller-bewehrtes Ende eines Fahrradstreifens auf der Kusterdinger Straße vor dem Egeria-Areal (Bild) und gefährliche LTT-Unterführung. Privatbild

Dass es in einer Stadt wie Tübingen mit so vielen Radlern, mit einer so starken AL-Fraktion und einem so fahrradbegeisterten Oberbürgermeister immer noch kein befriedigendes Radwege-Netz gibt, können Scharnke und Golding nicht verstehen: „In Palmers neuen Plänen nach dem Oslo-Besuch kam das Wort Fahrrad nicht mal vor“, wundern sie sich, „ein Fahrradbürgermeister ist der schon lange nicht mehr.“ Es fehle in der Stadt derzeit an vielen Stellen „ein Blick fürs Rad“. Mit „hundert Meter blauem Band auf der Fahrbahn“ ein paar „Shared Spaces“ zu schaffen, das reiche jedenfalls nicht aus.

Die beiden haben viele Ideen, wie man die Situation der Radfahrer in Tübingen verbessern könnte. Man könnte Parkplätze streichen (entlang der Frondsbergstraße etwa), mehr Rad-Abstellplätze schaffen, den Lieferverkehr aus der Mühlstraße heraushalten. Das Wichtigste aber sei es, dass Radler die Innenstadt von außen bequem und gefahrlos erreichen können. „Wir brauchen ein Konzept für die großen Strecken“, sagt Scharnke, „für durchgängige Fahrradwege.“ Um das zu erstellen und kurz-, mittel- und langfristig umzusetzen, brauche man Personal. „Nötig ist eine kleine Abteilung mit einer entsprechend dotierten Leitungsstelle.“ Und die müsse auch Weisungsbefugnis haben.

Tübingens schlimmste Fahrradfallen. Platz 2: Plötzliches Poller-bewehrtes Ende eines Fahrradstreifens auf der Kusterdinger Straße vor dem Egeria-Areal und gefährliche LTT-Unterführung (Bild). Privatbild

Tübinger Fahrradfallen: So geht es weiter

Alle 128 Einsendungen für den Wettbewerb sind auf der Website tuebinger-fahrradfallen.de dokumentiert. Auch die Sieger werden dort demnächst ausführlich vorgestellt. Golding und Scharnke versprechen, dass sie die Seite, die auch eine Übersicht aller Fahrradunfälle in den letzten drei Jahren enthält, weiter pflegen und neue Beiträge aufnehmen wollen. Parallel dazu wünschen sie sich, dass die Stadt in Zukunft nicht nur Ingenieurbüros beauftragt, sondern sich ernsthaft „nach den Bedürfnissen der Radfahrer erkundigt“. Auch vom neuen, noch grüneren Gemeinderat erhoffen sie sich mehr Einsatz.

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Erstellt:
1. Juni 2019, 01:30 Uhr
Aktualisiert:
1. Juni 2019, 01:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Juni 2019, 01:30 Uhr

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