Kreis Tübingen

Die Pressemitteilung des Landratsamts

Der Tübinger Landrat Joachim Walter appelliert an die Bevölkerung, Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten.

19.03.2020

Von ST

Im Landkreis Tübingen ist die Zahl der bestätigten Corona-Infizierten mittlerweile auf 125 Personen angestiegen. Verdachtsfälle werden über eine vom DRK betriebene Teststation auf dem Tübinger Festplatz nach vorheriger Anmeldung getestet. Bis heute wurden dort rund 1600 Personen getestet.

Landrat Joachim Walter, DRK-Vorsitzende und Leitende Notärztin Dr. Lisa Federle und Gesundheitsamtsleiterin Dr. Birgit Walter-Frank nahmen in einem Pressegespräch zu verschiedenen Fragestellungen und aktuellen Entwicklungen Stellung.

Corona-Tests

Die Labore, die die Tests auswerten, sind durch die steigenden Fallzahlen völlig überlastet, was dazu führt, dass die getesteten Personen mittlerweile oftmals länger als 5 Tage auf ihr Testergebnis warten müssen. Das Gesundheitsamt informiert die betroffenen Personen, sobald das Ergebnis vorliegt. Wer nach einer Woche noch keine Meldung erhalten hat, kann von einem negativen Testergebnis ausgehen. Zahlreiche Menschen melden sich mit der Bitte, einen Test zu bekommen. Viele von ihnen sind jüngeren Alters, haben milde Symptome oder keinen direkten Bezug zu einer infizierten Person.

Landrat Joachim Walter hat vor diesem Hintergrund das Gesundheitsamt angewiesen, nur noch diejenigen Personen zum Test zu schicken, die einen direkten Kontakt zu einer nachweislich infizierten Person haben oder aus einem der Risikogebiete kommen UND stärkere Symptome (Fieber ab 38 Grad) aufweisen. „Das Testmaterial steht nicht unendlich zur Verfügung“, so Walter. „Vor allem ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sind bei der Infizierung stark betroffen, Kinder und jüngere Menschen übertragen die Krankheit jedoch - oftmals, ohne selbst Symptome zu haben.“

Fast alle bisher im Kreis Tübingen bestätigten Erkrankten können die Erkrankung in der häuslichen Isolation auskurieren. Wir müssen unser Augenmerk deshalb zum einen dringend auf diejenigen richten, die schwere Symptome entwickeln und medizinische Hilfe benötigen - und zum anderen auf die, die auf Grund ihres Alters oder einer Vorerkrankung einer gewissen Risikogruppe angehören.“ Die Tests müssten dann dringend für diese Personen und für medizinisches Personal zur Verfügung stehen.

Die tägliche mediale Auswertung von Fallzahlen sei aus seiner Sicht überdies wenig zielführend, da diese keine wirkliche Aussagekraft hätten. „Wo mehr getestet wird, gibt es auch mehr Fälle“, so Walter.

Maßnahmen dienen dem Schutz von Risikogruppen

„Das Virus ähnelt einer Grippe, ist aber deutlich schneller ansteckend“, so Dr. Lisa Federle. Seine Ausbreitung sei nicht mehr aufzuhalten. „Wenn es uns aber gelingt, die Ausbreitung des Virus so zu verlangsamen, dass unsere Krankenhäuser Herr der Lage bleiben, dann können alle Erkrankten gut versorgt werden.“ Landrat Walter ergänzt, dass es hierbei auch um die Versorgung der Menschen gehe, die an anderen schweren Erkrankungen leiden.

„Sie dürfen nicht durchs Raster fallen“, so Walter. Es gelte deshalb vor allem, das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. „Dazu kann und muss jetzt jede und jeder Einzelne beitragen“, appelliert Walter an die Kreisbevölkerung. Dazu sei es geboten, in erster Linie Kontakte auf das absolute Mindestmaß zu beschränken oder einzustellen, keine Veranstaltungen oder Freizeiteinrichtungen zu besuchen.“ Es sei leider festzustellen, dass sich viele Menschen nicht an den dringenden Rat der Kanzlerin halten würden.

Mit der Schließung von Schulen, Kindertagesstätten und weiterer Einrichtungen und mit Regelungen für Veranstaltungen und den Einzelhandel hat die Landesregierung bereits sehr weitreichende Maßnahmen beschlossen. „Sie alle haben zum Ziel, zur Verlangsamung der Verbreitung beizutragen“, so Walter. Wenn sich nun aber Kinder und Jugendliche angesichts des schönen Wetters draußen in Gruppen tummeln, dann gehen wir am Ziel dieser Maßnahmen vorbei.“

Kinder und Jugendliche, die an Corona erkranken, würden die Krankheit selbst meist „locker wegstecken“, so Dr. Federle. „Allerdings stellen sie als Überträger eine Gefahr für die Risikogruppen dar“.

Walter und Dr. Federle appellieren deshalb dringend an die Bevölkerung, sich an die Regelungen und die üblichen Abstands- und Hygieneempfehlungen zu halten - für sich selbst, aber vor allem auch zum Schutz der risikobehafteten Bevölkerungsgruppe. „Wer sich jetzt nicht an die Vorgaben hält, dem muss gesagt werden, dass er damit andere in Gefahr bringen kann“, macht Walter die Dringlichkeit der Lage deutlich. Wer das riskiere, der nimmt zusätzlich in Kauf, dass das Land zu Maßnahmen greifen müsse, die bislang noch ausgeklammert wurden. „Damit würde unsere Freiheit massiv eingeschränkt. Schon die Folgen der bisherigen Maßnahmen bringen große Einschnitte vor allem für Wirtschaft und Handel mit sich. Eine Verschärfung der Maßnahmen würde diese Folgen zusätzlich verschlimmern. Ich setze hier auf die Solidarität und das Verantwortungsbewusstsein der Bevölkerung!“

Erfassung der Fälle und Kontaktpersonenmanagement

Wird dem Gesundheitsamt ein positiver Fall übermittelt, so wird die betroffene Person so schnell wie möglich informiert und gebeten, ihre engen direkten Kontaktpersonen zu unterrichten und eine entsprechende Liste zu erstellen. Bei 120 infizierten Personen geht schon allein die Zahl der engen Kontaktpersonen ins Unermessliche. „Sie alle zu erfassen, zu informieren und zu betreuen ist eine Aufgabe, der wir schlicht nicht mehr in vollem Umfang nachgehen können“, so Dr. Birgit Walter-Frank. Darüber hinaus beschäftige sich das Amt tagtäglich mit Anrufen besorgter Menschen beispielsweise aus dem Umfeld einer Kontaktperson. „Einige Menschen scheinen so von ihrer Angst geleitet, dass wir sie oft kaum beruhigen können“, so die Leiterin des Gesundheitsamts. Man habe selbstverständlich Verständnis für die Sorgen und Ängste - bis zu einem gewissen Grad, ergänzt Landrat Walter. Aber auch hier appelliere er an die Menschen, sich mit der gebotenen Ruhe zu verhalten. Es bestehe für Menschen, die keiner Risikogruppe angehören, kein Anlass für totale Panik im Zusammenhang mit der Erkrankung - und erst recht nicht für unsolidarisches Verhalten.

Corona-Hotline im Landratsamt

Das Landratsamt hat über 200 eigene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür gewinnen können, im Schichtdienst an der täglich von 8-18 Uhr besetzten Corona-Hotline für die Fragen der Bevölkerung zur Verfügung zu stehen. Täglich gehen hier 500-900 Anrufe ein. Immer mehr Fragen drehen sich um die Themen Kurzarbeitergeld, Entschädigung und ähnliches. Hierzu können die Kreise keine Auskunft geben. Das Landratsamt bittet hier dringend darum, sich mit diesen Fragen an die Arbeitsämter, die IHK bzw. den Arbeitgeber zu wenden. Medizinisch relevante Fragen werden an das Gesundheitsamt weitergeleitet, welches von über 30 Studierenden der Medizin Unterstützung erhält.

Ausblick

In der aktuellen Situation ist es von zentraler Bedeutung, die allgemeinmedizinische Versorgung insgesamt sicherzustellen. Insbesondere ist es geboten, Patientinnen und Patienten mit unklarem Fieber und vor allem mit Infekten der oberen Lungenwege gesondert zu untersuchen und zu behandeln. Vor allem Patienten, die unter häuslicher Quarantäne oder unter Krankschreibung ohne direkten Arztkontakt stehen und schwerer erkrankt sind, brauchen medizinische Hilfe. Um die allgemeinen Hausarztpraxen für alle Patienten als sicheren Raum zu erhalten, wird der Kreis gemeinsam mit dem DRK und der Kassenärztlichen Vereinigung in Kürze eine Notfall-Ambulanz als infektiologische Ergänzung zu den niedergelassenen Ärzten in Tübingen einrichten. Diese soll aber nur dann aufgesucht werden, wenn der Hausarzt keine Untersuchung und Behandlung vornehmen kann.

Mit dieser Möglichkeit können Praxen und die Klinik entlastet werden. Die Patientenzuweisung erfolgt entweder direkt aus der Teststelle, vom Gesundheitsamt oder durch den Hausarzt. Es ist nicht möglich, direkt zur Ambulanz zu kommen. Die Praxis wird täglich von 9 bis 18 Uhr besetzt sein. Der Start wird den Ärztinnen und Ärzten des Kreises rechtzeitig bekannt gegeben.

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Erstellt:
19. März 2020, 17:32 Uhr
Aktualisiert:
19. März 2020, 17:32 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. März 2020, 17:32 Uhr

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