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Die Piazza Venezia: Sinnbild für nationale Identität und Verkehrschaos
Versperrt die Sicht auf Kapitol und Forum: der „Altare della Patria“. Das Denkmal stiftet weniger Einheit als einst vorgesehen. Foto: afp
Machtdemonstration in Stein

Die Piazza Venezia: Sinnbild für nationale Identität und Verkehrschaos

Immer schon ein politischer Hotspot: Roms Piazza Venezia zwischen Napoleons Mutter, Mussolini-Aufmärschen und dem „Heimataltar“.

02.08.2016
  • BETTINA GABBE

Rom. Mühsam schlängelt sich der Verkehr um die Piazza Venezia zwischen dem Palazzo, von dem aus Benito Mussolini die Massen aufpeitschte, dem Nationaldenkmal, das Römer seiner kitschigen Architektur wegen „Hochzeitstorte“ nennen, und dem Palazzo Bonaparte. Von dem mit einer Holzverkleidung vor neugierigen Blicken geschützten Eckbalkon aus verfolgte die Mutter des französischen Kaisers Napoleon das Treiben auf der damals noch wesentlich kleineren Piazza.

Da fünf Hauptachsen der römischen Altstadt an dem Platz münden, ist das Verkehrschaos für überfüllte Busse, knatternde Mofas, Autos und vereinzelte Fahrräder unvermeidbarer Alltag. Die meisten beachten das Nationaldenkmal mit dem Grab des unbekannten Soldaten nicht mehr. Nur wenn italienische Kampfflugzeuge mit ohrenbetäubendem Donnern die Trikolore in den Himmel über das Gebäude malen, gerät die Fassade des Vittoriano in den Blick.

Unbeachtet und umstritten zugleich symbolisiert der rund 100 Jahre alte Prunkbau, der dem Pergamon-Altar nachempfunden ist, das schwierige Verhältnis vieler Italiener zu ihrer Nation. „What is this“, fragt ein Amerikaner neugierig auf der breiten Freitreppe zum Heimataltar, von dem viele Touristen gern den Panorama-Blick auf die Piazza Venezia genießen. Wächter mit Trillerpfeifen nötigen müde Besucher, die sich auf die gar nicht heilig aussehenden Stufen setzen, zum Aufstehen. Schließlich soll an diesem „Altare della Patria“ die Heimat verehrt werden.

Im Wunsch nach einer Stärkung des Nationalgefühls ließ der damalige Präsident Carlo Azeglio Ciampi im Jahr 2000 den Prunkbau wieder für Besucher öffnen. Seither können sie die Reliefs wieder aus der Nähe betrachten, die in ihrer Klobigkeit an den NS-Bildhauer Arno Breker erinnern und Italien als hehres Land der Arbeit, der Landwirtschaft und der Freiheit feiern. Im Bauch des riesigen Bronzepferdes, auf dem eine Statue des ersten italienischen Königs Viktor Emanuel II. sitzt, feierten einst die Arbeiter der Gießerei, die es hergestellt hatten, ein fröhliches Festmahl. Auf dem Weg zum außen am Gebäude angebrachten Fahrstuhl auf die obere Terrasse dokumentieren Fotos aus der Entstehungsgeschichte des 1911 fertiggestellten Gebäudes auch solche Aspekte italienischer Lebenskunst.

Immer wieder wurde der Abriss des in seiner Mischung aus antikisierenden Stilen wenig überzeugenden Gebäudes gefordert. Schließlich verdeckt es den Blick auf das Kapitol als eigentliches Zentrum Roms und das Forum Romanum. Die nationale Identität, die es beschwören soll, macht sich in Italien ohnehin nur beim Fußball bemerkbar. Ansonsten fühlen die meisten Bürger des erst 150 Jahre alten Staates sich mehr ihren Familien und ihren Heimatorten zugehörig als ihrem Land. Der Staat als Gesetzgeber oder in Form von Gesetzeshütern gilt eher als Fremdkörper denn als Beschützer.

Um seine Idee des starken Staats in Anlehnung an die römischen Kaiser mit Leben zu füllen, ließ der italienische Diktator Benito Mussolini vom Nationaldenkmal an der Piazza Venezia aus eine Prachtstraße quer über das Forum Romanum bis zum Kolosseum bauen. Ebenso wie beim Bau der gleichzeitig geplanten Prachtstraße zum Petersdom wurden dabei zahlreiche Gebäude abgerissen. Heute bildet die quer über die Kaiserforen führende Straße den breitesten Zugang zur Piazza Venezia. Zwei Wochen lang bauen Arbeiter jeweils vor dem Nationalfeiertag am 2. Juni Tribünen zu beiden Seiten der Prachtstraße auf, damit geladene Gäste die Militärparade vom Kolosseum zum Heimataltar an der Piazza Venezia genießen können. Am 2. Juni 1946 entschied sich eine knappe Mehrheit der Italiener bei einer Volksbefragung für die Republik und gegen die Monarchie als Staatsform.

Schräg gegenüber des Heimataltars mit dem Grab des unbekannten Soldaten, an dem jeweils am 2. Juni ein Kranz niedergelegt wird, pflegte Mussolini auf dem Balkon des Palazzo Venezia die Menschenmassen mit kämpferischen Parolen anzustacheln. Von hier aus erklärte er 1940 Paris und London den Krieg. Damit begann das Kriegsbündnis mit Hitler-Deutschland, aus dem Italien 1943 aussteigen sollte, indem es mit den Alliierten einen Waffenstillstand schloss. Lange vor Mussolini diente der Palazzo Venezia mit seinem Balkon Papst Paul II. als Residenz. Der Venezianer hatte den Palast im 15. Jahrhundert mit Travertin vom nahen Kolosseum und dem hinter der Piazza Venezia liegenden Teatro Marcello verkleiden lassen. Mit seiner massigen Architektur überlebte der Palazzo bis heute die städtebaulichen Veränderungen des italienischen Königreichs und des faschistischen Italien.

Dass Machtdarstellung auch unter Verzicht auf Prunk funktioniert, das machte Papst Franziskus bei seinem Antrittsbesuch beim italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano klar. In einem Kleinwagen fuhr er zur Überraschung der zufällig anwesenden Passanten über die Piazza Venezia hinauf zum Quirinal, der Residenz des Präsidenten. Der selbst eher bescheiden auftretende Napolitano hatte den Platz noch im bis dahin als standesgemäß geltenden offenen Oldtimer der Luxusklasse überquert. Die Bilder erinnerten unfreiwillig eher an Paraden von Diktatoren aus der Heimat des argentinischen Papstes als an die parteiübergreifende Funktion des Garanten der Verfassung, für die Napolitano selbst von seinen politischen Gegnern angefleht wurde, sich gegen seinen erklärten Willen ein zweites Mal zum Staatsoberhaupt wählen zu lassen.

Ungerührt von Präsidenten, Päpsten und Carabinieri, die mit lauten Sirenen an ihm vorbeifahren, ist der Verkehrspolizist auf der versenkbaren Verkehrsinsel am unteren Ende der Piazza Venezia längst in die Filmgeschichte eingegangen. Von der Commedia all'italiana mit Marcello Mastroianni und Vittorio Gassman bis hin zum römischen Woody-Allen-Film genießt der Säulenheilige als Hüter des Verkehrschaos seine ganz eigene Form der Allmacht über alle Motoren – egal, ob Sechszylinder, Kleinwagen oder neuerdings Elektrotaxi.

Der Platz

Piazza Venezia Der Platz verdankt sein heutiges Aussehen Abrissarbeiten und Neubauten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Das italienische Königreich ließ hier zu Ehren von Viktor Emanuel II., dem ersten König des 1861 gegründeten Staates, ein Denkmal errichten. Benito Mussolini ließ den dadurch bereits stark vergrößerten Platz zum Forum Romanum hin öffnen, um einen Zugang zur gleichnamigen Prachtstraße zu schaffen. Seine Macht berief sich damit auf die der römischen Kaiser. Künftig, wenn die neue Metro-Linie C fertiggestellt sein wird, ist der Platz auch unterirdisch erreichbar.⇥gab

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02.08.2016, 06:00 Uhr
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