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Ziad KalthoumBild: Hermann




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28.05.2018

Von Dorothee Hermann

Ziad Kalthoum hat Syrien hinter sich gelassen, aber freigegeben hat ihn der Krieg trotzdem nicht. Der 37-jährige Filmemacher desertierte vor fünf Jahren aus Assads Armee und lebte zunächst acht Monate versteckt in Damaskus, bis es ihm gelang, in den Libanon zu fliehen. „Ich weigerte mich zu kämpfen“, sagte Kalthoum am Rande der Vorführung seiner mehrfach preisgekrönten Doku „The Taste of Cement“ im Tübinger Kino Arsenal.

Sein Film wählt eine ungewöhnliche Perspektive auf den Krieg in Syrien: Er begleitet syrische Flüchtlinge im Libanon, die als Bauarbeiter in Beirut riesige Wolkenkratzer hochziehen. Die Kamera (Talal Khoury) zeigt die Männer auch in extremen Vertikalen, auf schmalen Gerüststangen zwischen Himmel und Meer – als würden sie artistengleich über dem Abgrund balancieren, um dem Bodenlosen mit Stahlgittern und Beton Strukturen einzuziehen, mit deren Hilfe Menschen sich wieder im Leben einrichten könnten.

Sie selbst profitieren nicht von dem, was sie schaffen. Die disziplinierten Malocher mit den traurigen Gesichtern, bei denen jeder Handgriff sitzt, nächtigen im Keller der Rohbauten, mit einer Lage Karton notdürftig gegen Kälte und Feuchtigkeit geschützt. Der Verdienst soll bei umgerechnet 10 Dollar pro Tag liegen, was dem Preis einer Schachtel Zigaretten entspricht.

Abends sitzen sie gebannt vor dem Fernseher oder dem Smartphone, um sich über das Kriegsgeschehen in der Heimat auf dem Laufenden zu halten. Manchmal scheint sich das Bild einer Detonation in der Iris eines der Männer zu spiegeln, als wäre es für immer dort eingebrannt. „Ihre Familien sind in Syrien“, sagte der Filmemacher auf TAGBLATT-Nachfrage. „Sie würden wollen, dass die Männer kämpfen.“

Im Film vermeldet ein Transparent in arabischer Sprache: „Für syrische Bauarbeiter gilt ab 19 Uhr eine Ausgangssperre. Zuwiderhandlungen werden bestraft“ (so die Übersetzung der Untertitel). Sie leben wie Gefangene, unter sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen, sagte der Regisseur: „Die Ausgangssperre soll die Syrer dafür bestrafen, dass sie vor dem Krieg weggerannt sind.“

Zudem sollten die Flüchtlinge daran gehindert werden, über den Krieg in Syrien zu reden, bei dem die libanesische Hisbollah ein wichtiger Akteur ist. Und Libanon benutze die syrischen Bauarbeiter, um seinerseits nach 15 Jahren Bürgerkrieg das eigene Land wiederaufzubauen.

Eine Drehgenehmigung bekam Kalthoum nur, weil er behauptete, sich auf die Schönheit der Architektur konzentrieren zu wollen. Als aufflog, was er tatsächlich vorhatte, flog das Filmteam von der Baustelle.

In einigen Szenen rückt die Realität des Krieges so nahe, als wäre die Kamera auf das Geschützrohr eines Panzers montiert: Es sind russische Panzer, sagte Kalthoum im Publikumsgespräch nach der Vorführung. Er habe die Aufnahmen eines russischen Fernsehsenders als Internet-Video entdeckt und einmontiert. Es handle sich um Propaganda-Aufnahmen beziehungsweise um Marketing für die abgebildeten Panzerfabrikate.

„Taste of Cement“ war in Tübingen bereits beim Arabischen Filmfestival Anfang Oktober zu sehen, wo der Film mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Regisseur Kalthoum, mittlerweile in Berlin lebend, hat ihn „allen Arbeitern im Exil“ gewidmet.

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Erstellt:
28. Mai 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Mai 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2018, 01:00 Uhr

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