Hintergrund

Inzidenz: Die Null im Visier

Null statt 50: Das Bestreben der Politik, wieder 50 Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen zu erreichen, hält eine Gruppe von Wissenschaftlern für einen Fehler.

21.01.2021

Von Hajo Zenker

Berlin. Sie schlägt, anknüpfend an bereits 2020 publizierte Ideen, einen radikalen Lockdown vor, der zunächst zur Inzidenz von 10 führen und dann auf Null abgesenkt werden soll.

Zwei der Autoren, die Virologin Prof. Melanie Brinkmann und der Physiker Prof. Michael Meyer-Hermann, beide vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, hatten zu der Gruppe von Experten gehört, die am Montag im Vorfeld der Ministerpräsidentenkonferenz die Politik in Sachen Pandemiebekämpfung beriet. Für die Politiker von Bund und Ländern jedoch kamen noch viel mehr Beschränkungen offensichtlich nicht in Frage.

Denn die Null-Strategie bedeutet für ihre Erfinder, Fabriken, Büros, Baustellen, Schulen zu schließen, um alle direkten Kontakte auf ein Minimum zu beschränken. Ausnahmen könne es für Bereiche mit niedriger Ansteckungsgefahr, etwa hochautomatisierte Fabriken, geben. Obwohl ein solches Vorgehen auch die Wirtschaft noch einmal viel stärker als jetzt schon treffen würde, bekennt sich auch Prof. Clemens Fuest, Chef des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München, als Ko-Autor dazu. Das Papier geht denn auch davon aus, dass stärkere Eindämmungs-Maßnahmen zwar kurzfristig der Wirtschaft einen größeren Schaden zufügen würden. „Langfristig wurde dies durch die kürzere Dauer der Maßnahmen und die frühere Bewältigung der Pandemie überkompensiert.“ Eine inhaltlich ähnliche Petition im Internet, die unter anderem zur Finanzierung der Maßnahmen die Einführung einer europaweiten Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und die höchsten Einkommen fordert, hat bereits fast 74 000 Unterstützer gefunden.

Für den Epidemiologe und Virologen Klaus Stöhr, lange bei der Weltgesundheitsorganisation tätig, dagegen ist das alles „realitätsfern“, er hält sogar Inzidenzen von 130 bis 160 für handhabbar. Auch der Leipziger Epidemiologe Prof. Markus Scholz hält die Null bei uns für nicht machbar.

Das Ganze hat noch einen ganz anderen Haken: Für die Null-Verfechter gilt insbesondere Australien als positives Beispiel einer solchen Strategie, aber auch Neuseeland wird angeführt – beides Inseln. Weshalb die Autoren einräumen, dass es eigentlich zeitgleich und eng abgestimmt in der ganzen EU angewendet werden müsste, um geschlossene Grenzen zu vermeiden. Kaum vorstellbar, meint Georg Jochum, Professor für Europarecht an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.

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Erstellt:
21. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2021, 06:00 Uhr

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