Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Auf vielen Klaviaturen

Die Musikschule bleibt sein Vermächtnis: Zum Tod von Helmut Calgéer

Keiner prägte die Tübinger Kultur der vergangenen Jahrzehnte so sehr wie Helmut Calgéer, Musikschul-Gründer, Musikmanager, Ehrenbürger der Stadt. Im Alter von 87 Jahren ist er nun gestorben.

21.04.2010
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. „Helmut Calgéer hat Tübingens Kulturleben über 50 Jahre geprägt wie kaum eine andere Persönlichkeit“, würdigte OB Boris Palmer gestern den am vergangenen Samstag Verstorbenen. „Mit seinem Tod verliert die Stadt nicht nur einen ihrer geschätzten Ehrenbürger, sondern einen Menschen, dessen nimmermüde Schaffenskraft uns weit über den Tag hinaus kulturell bereichert hat“, so Palmer. „Die Musikschule bleibt sein großes Vermächtnis, das wir pflegen müssen.“

Ein Glücksfall für die Stadt war es zweifellos, dass vor 55 Jahren ein junger Studienassessor am Kepler-Gymnasium anheuerte (und dort auch viele Jahre Musik unterrichtete): Denn bald schon begann Helmut Calgéer, parallel zu seiner Lehrtätigkeit, eine Musikschule auf die Beine zu stellen. Über fünf Jahrzehnte leitete er diese wohl erfolgreichste musikalische Talentschmiede des Landes. Keine andere Musikschule in Baden-Württemberg, auch nicht in der Landeshauptstadt, heimste so verlässlich und so zahlreich erste Preise und vordere Plätze bei „Jugend musiziert“-Wettbewerben ein.

Calgéer wusste, dass musische Bildung die Basis einer stabilen und besseren Gesellschaft bedeutet. Dafür setzte der gebürtige Oberschlesier alle verfügbaren Hebel in Bewegung, um Jugendlichen dieses Bildungserlebnis, nämlich das Erlernen eines Musikinstrumentes, zu ermöglichen. So schloss er beispielsweise mit dem damaligen Kepi-Rektor einen Pakt mit dem Ziel, das Gymnasium „zu instrumentalisieren“: Die Hälfte aller Schüler sollten nach einer bestimmten Zeitspanne ein Instrument beherrschen. Dass es am Ende 80 Prozent waren, erfüllte ihn mit Stolz.

Der Erfolg, der ihm Recht gab, half ihm oft Widerstände zu überwinden. Konsequent und ideenreich baute Calgéer von 1955 an ebenso die Musikschule auf, per Instrumenten-Spenden aus der Bürgerschaft, aber auch mit frappanter, findiger Zielstrebigkeit, was Finanzierungsquellen betraf.

Dies war der Beginn einer beispiellosen Multi-Funktionärskarriere: Zeitweilig stand Calgéer nicht nur als Präsident dem Landesmusikrat vor, den er mitbegründete, sondern er vertrat ihn auch lange auf Bundesebene. Ferner hatte er in 17 Kuratorien und Ausschüssen den Vorsitz und betreute zehn musikalische Landesensembles, für die er unzählige Tourneen organisierte: Darunter „sein“ geliebtes Tübinger Kammerorchester, mit dem er als Leiter und Dirigent über Jahrzehnte gewiss ’zig Mal die Welt umrundete. Tübingens Kultur-Botschafter par excellence.

Der Vielseitige, Umtriebige, auf vielen Klaviaturen spielend: Selbst wenn Calgéer im hohen Alter die meisten der kraftzehrenden Funktions-Ämter abgab, blieb er in Tübingen und darüber hinaus doch eine maßgebliche Instanz, die gehört wurde. „Mein Hobby ist die Musik“, verkündete er zum 80. Geburtstag, „und ich habe weiterhin Spaß an der Arbeit.“

Sie hielt ihn in erstaunlicher geistiger und körperlicher Frische – wovon man sich immer wieder bei einem der wenigen gesellschaftlichen Ereignisse, die Tübingen zu bieten hat, ein Bild machen durfte: Bei den gut besuchten Festsaal-Abonnementskonzerten des Kulturreferats. Dort traf man den älteren Herrn mit der straffen, disziplinierten Haltung bis vor kurzem verlässlich an.

Das ehemals studentische Kulturreferat, seit 1977 eine gemeinsame Einrichtung der Uni, der Museumsgesellschaft und der Stadt Tübingen, gilt ebenfalls als sein Verdienst. Als Kulturreferent holte Calgéer unermüdlich internationale Klasse in die Stadt, von Wilhelm Kempff über Gidon Kremer bis Anne Sophie Mutter. Als weltberühmte Geigerin konzertierte sie, ihm zuliebe, sogar einmal ohne Gage im Festsaal, weil Calgéer ihr am Anfang ihrer Karriere einmal spontan das Honorar verdoppelte, um der damals Dreizehnjährigen einen neuen Bogen zu gönnen.

Calgéer, der Ermöglicher: Keine vergleichbare Stadt hat mit so wenig (materiellen Mitteln) eine solch durchschlagende Wirkung erzielt: Auch dies ein Erfolg des kontaktfreudigen und improvisationsbegabten Impresarios.

Die Musiker-Stars fühlten sich bei Calgéer, dem geselligen Kommunikator, oft wie zu Hause (und waren es dann auch, bei ihm privat). Es erwuchsen Freundschaften daraus, etwa zu dem großen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch. Bei all dem blieb Calgéer angenehm unprätentiös; ein qualitäts- und selbstbewusster Bodenständiger, der sich nach den Reisen um die Welt auf eines besonders freute: Auf die saure Mischung Bratkartoffeln daheim.

Info

Helmut Calgéer hat sich eine familiär gehaltene Beisetzung ohne viele Trauerreden gewünscht. Sie wird am kommenden Samstag um 10 Uhr auf dem Bergfriedhof stattfinden.

Das Ehrenbürgerrecht der Stadt Tübingen

Sie ist die höchste Anerkennung, die eine Kommune ausspricht: die Ehrenbürgerwürde. 37 Tübinger Persönlichleiten sind seit 1868 auszeichnet worden, seit dem Mediziner Viktor von Bruns als erstem. Es folgten Oberlehrer und Oberbürgermeister, Fabrikanten und recht viele Professoren. Helmut Calgéer wurde vor drei Jahren zum 36. und bislang vorletzten Ehrenbürger der Universitätsstadt. Umgeben von der Troika Christiane Nüsslein-Volhard, Walter Jens und Hans Küng (allesamt 2002 geehrt) und zuletzt der Altenarbeit-Pionierin Alma Hämmerle. Begründet wurde die Ehrenbürgerschaft für Calgéer unter anderem mit seiner Tätigkeit als Musikpädagoge und Dirigent, als engagierter Förderer der Jugendmusik und der jugendmusikalischen Ausbildung.

Die Musikschule bleibt sein Vermächtnis: Zum Tod von Helmut Calgéer
Anlässlich des 85. Geburtstags erhielt Helmut Calgéer im Juli 2007 aus den Händen von Boris Palmer das Ehrenbürgerrecht: links Hildegard Calgéer. Archivbild: Metz

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

21.04.2010, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular