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Mitarbeiter beklagen schlechte Organisation

Die Med ist ein Sanierungsfall

Die Medizinische Uni-Klinik soll 2,5 Millionen Euro einsparen: Umstrukturierungen, Stellenstreichungen, mehr Patienten sieht das Sanierungspaket vor. Bei den Pflegekräften wächst der Unmut über Arbeitsbedingungen und Missmanagement.

09.12.2010

Von Angelika Bachmann

Tübingen. „Projekt Promed“ nennt die Klinikums-Leitung das Sanierungskonzept. Seit 2009 nimmt die auf das Gesundheitswesen spezialisiert Unternehmensberatung ZeQ die sieben Abteilungen der Medizinischen Uni-Klinik unter die Lupe. Die Umsetzungsphase begann in diesem Jahr. Trotz wachsender Proteste bei den Mitarbeitern hält die Klinikumsleitung an dem Sparziel fest. Die Medizinische Klinik habe seit Jahren ein erhebliches Defizit. Die Zahlen seien schlecht – sowohl im Vergleich zu andern Medizinischen Kliniken als auch zu weiteren Uni-Kliniken in Tübingen, sagte der Leiter der Stabsstelle für Medizinplanung und Strukturfragen, Jens Maschmann.

Die Medizinische Klinik ist die größte Klinik im Tübinger UKT-Verbund: Etwa ein Drittel aller Patienten wird dort behandelt. Das Umsatzvolumen von 100 Millionen Euro entspricht etwa einem Drittel des Gesamtumsatzes.

Man wolle nicht nur Arbeitsplätze abbauen, sondern vor allem umstrukturieren und Abläufe verbessern. Ein Ziel sei, dass auf den Stationen reibungsloser und effizienter gearbeitet werde, sagen Maschmann und Pflegedirektorin Jana Luntz. Es werden Stationskonzepte erstellt, Tagesabläufe besser strukturiert, damit Visiten, Patientenaufnahme und -entlassung besser laufen. Man wolle verlässliche Strukturen schaffen, die am Ende auch den Mitarbeitern vieles erleichterten. „Es verändert sich in kurzer Zeit sehr viel“, sagt Luntz. Es sei verständlich, dass das bei den Mitarbeiter(inne)n zu Verunsicherung führe. Luntz appelliert aber auch, sich am Umbau-Prozess zu beteiligen: „Wir brauchen Rückmeldung: Was klappt wo nicht.“

Es gibt keine Bewerber für freie Stellen

Würden die Pflegekräfte diese Aufforderung annehmen, würden dieser Tage jede Menge Mitteilungen bei der Pflegedirektorin eingehen. Ein großes Problem ist die ständige Unterbesetzung. 13 Stellen wurden im vergangenen Jahr an der Medizinischen Klinik abgebaut. Zusätzlich haben jetzt aber weitere zehn Pflegekräfte die Klinik verlassen. Diese Stellen wollte man wieder besetzen, konnte es aber nicht: Es gab keine Bewerber. Der Markt an examinierten Pflegekräften sei leer gefegt, sagt Pflegedirektorin Luntz. „Eine stabile Dienstplanung ist derzeit nicht möglich“, so Maschmann. Für die Pflegekräfte der Med hat das zur Folge, dass sie ständig an freien Tagen einspringen müssen. Im Oktober sei sie jeden zweiten Tag angerufen worden, ob sie für eine kranke Kollegin einspringen könne, berichtete eine Pflegerin, die als Teilzeitkraft arbeitet. Die Überstundenkonten wachsen – das wiederum hatte zur Folge, dass Mitarbeiter von der Verwaltung ermahnt wurden, ihre Überstunden doch gefälligst abzubauen. Solche Querschläge lösen bei den Pflegekräften mittlerweile nur noch Kopfschütteln aus.

Viel schlimmer ist für viele, dass sie bei reduziertem Personal immer mehr Patienten versorgen sollen. Dabei seien Tagespläne oft völlig unrealistisch konzipiert. Das Herzkatheterlabor zum Beispiel sei auf 14 Patienten pro Tag ausgelegt. Häufig würden aber, um die Fallzahlen zu steigern, über 20 Patienten auf die Liste gesetzt. „Das ist utopisch, das abzuarbeiten“, beklagen Mitarbeiter und Personalrat. Die Folge seien nicht nur ständig zwangsweise angeordnete Überstunden. Auch für Patienten sei es nicht angenehm, den ganzen Tag auf eine Untersuchung zu warten, und dann am späten Nachmittag auf den nächsten Tag vertröstet zu werden.

Auch andernorts gibt es Engpässe, etwa in der Aufnahmestation. Von dort aus werden Patienten auf die Normalstation weitergeleitet. Weil das Personal häufig überlastetet sei, gebe es einen Rückstau in die Notaufnahme. Diese ist eigentlich nur für sechs, maximal acht Patienten ausgestattet. Häufig sei sie aber mit bis zu 16 Patienten belegt.

Bedenklich sei auch, dass man Überwachungs- und Pflegestandards nicht mehr halten könne, nicht mehr so oft, wie es eigentlich nötig sei, nach den Patienten schauen könne. Von ganzheitlicher oder aktivierender Pflege, etwa auf der Geriatrie, könne keine Rede mehr sein, beklagen die Pflegekräfte. Krankenpflegeschülerinnen könne man ohnehin nur noch „zwischen Tür und Angel“ anleiten.

Pflegehelfer sollen Entlastung bringen

2011 wird das Projekt Promed weitergeführt. Mit der Zeit würden dann auch Erfolge sichtbar, sagt Pflegedienstleiterin Luntz. Zudem werde es regelmäßige Besprechungen mit den Stationsleitungen geben, um Schwachstellen zu erkennen. Für das gesamte Klinikum wichtig sei die Frage, wie man dem Pflegenotstand entgegenwirken könne. Schon jetzt macht das Klinikum Vorverträge mit den Absolvent/innen der Krankenpflegeschule. Zudem wird überlegt, mehr Pflegehelfer auf Station einzusetzen. Diese könnten den Patienten etwa beim Waschen oder Essen helfen oder Sitzwachen machen.

Arbeitsverdichtung und schlecht organisierte Abläufe führen zu Frust beim Personal – und bei Patienten: Das Sanierungsprojekt an der Medizinischen Klinik hat noch viele Probleme zu lösen. Archivbild: Metz

Kommentar: Der Pflegenotstand hat viele Väter 09.12.2010

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Erstellt:
9. Dezember 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Dezember 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Dezember 2010, 12:00 Uhr

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