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Ernährung

Die Masse kauft lieber billig: Bio auf der Kriechspur

Produkte aus ökologischer Erzeugung scheinen den Markt zu erobern. Aber nur 6,5 Prozent der Ackerfläche werden entsprechend bewirtschaftet.

25.09.2017
  • HANS GEORG FRANK

Heilbronn. Der Protest der Mitarbeiter war so massiv, dass die Geschäftsleitung kapitulierte. Nicht Lohnkürzung oder Leistungsdruck stifteten zum Aufstand an, es waren Weißwürste. Die wollte das Münchner Unternehmen fortan vom Bio-Metzger liefern lassen. Doch das Produkt entsprach nicht den Vorstellungen der Kantinengäste. Verträge mussten storniert werden, damit die gewohnte Kost wieder auf den Teller kam. Mit einer solchen Episode veranschaulicht Otto Geisel die Grenzen des vermeintlichen Bio-Booms. Geschmack, Gewohnheiten und der Geldbeutel bremsen die Umstellung beim Konsum.

Geisel (56) ist ein Fachmann für die organisierte Ernährung. Nach der Aufgabe des Hotels Victoria in Bad Mergentheim baute er in München sein Institut für Lebensmittelkultur auf. Derzeit betreut er 58 Projekte. Als einer der Initiatoren des Studiengangs Food Management an der DHBW Heilbronn brachte er bei einem Symposium zum zehnjährigen Bestehen seine Erfahrungen ein. Die Fragestellung lautete: „Bio für alle?“ Die Antwort fiel nicht eindeutig aus, auf jeden Fall wird zu Regionalität und Qualität geraten. „Dann kommt man automatisch zu Bio“, so Geisels These.

Obwohl Medien und Märkte den Eindruck erwecken, Bio-Lebensmittel seien stark nachgefragt, hat die Branche noch immer eine untergeordnete Bedeutung. Laut Ernährungsreport 2017 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) achten 57 Prozent lieber auf den Preis. Noch am ehesten auf dem Öko-Trip sind mit jeweils 10 Prozent die Jungen (14 bis 18 Jahre) und die Generation 60 plus, dazwischen kaufen nur 4 Prozent im Bioladen ein.

Kantine hat größeren Einfluss

Experten mahnen, dass ein Umdenken dringend notwendig sei. Dabei sieht Otto Geisel die Kantinen in einer wichtigeren Position als die Stars der Zunft: „Gemeinschaftsverpflegung ist der bessere Hebel als die Sternegastronomie.“ In vielen Unternehmen aber bestimme „der heilige Einkauf“, dass das Billigste in Töpfe und Pfannen komme. Von Zwang und Dogma hält Geisel freilich nichts, er setzt auf einen Bewusstseinswandel: „Am besten geht das über die Sinnlichkeit und die Parallelität der Angebote.“

Nach EU-Kriterien werden hierzulande erst 6,5 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche nachhaltig beackert. Nach Ansicht des BMEL kann der Anteil nur erhöht werden, wenn die Verbraucher bereit sind, „höhere Preise zu bezahlen und damit auch die besonderen Umweltleistungen und Qualitätsmerkmale zu honorieren“. Mit einem Umsatz von 8,6 Mrd. EUR ist Deutschland zweitgrößter Öko-Markt, hinter den USA (35,8 Mrd. EUR) und vor Frankreich (5,5 Mrd. EUR) Von dem Kuchen schneidet sich Georg Schweisfurth (58) ein Stück ab. In seinen 36 Basic-Läden, die der gelernte Metzger seit 1998 mit dem Versprechen „Bio für alle“ eröffnet hat, erwirtschaftet er einen Umsatz von 140 Mio. EUR. Bei Discountern diene „Bio“ allein der Profilierung, kritisierte er, „die anderen Produkte sind ziemlich mies“. Er glaubt, dass 80 Prozent der Konsumenten preisfixiert sind, die restlichen 20 Prozent seien qualitätsorientiert – und damit die Zielgruppe für hochwertige Bio-Erzeugnisse.

„Der Markt ist absolut aufnahmefähig“, betonte Rudolf Bühler (65) von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (Umsatz 130 Mio. EUR). Er bezweifelte die BMEL-Zahl, wonach nur 5 Prozent der verkauften Lebensmittel das Bio-Zeichen tragen. Die viel gepriesene Regionalität versteht der Demeter-Landwirt als „Teil eines konservativen Wertegerüsts“. Seine 1460 Mitglieder als „Qualitätsführer im gehobenen Fleischsegment“ bekämen mit Schwäbisch-Hällischem Landschwein und mit Boeuf de Hohenlohe höhere Preise als viele Kollegen. Der „Entwicklungshelfer im eigenen Land“ möchte, „die Natur bewirtschaften, nicht verwirtschaften“.

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25.09.2017, 06:00 Uhr
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