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Die Macht der alten Männer
Hinter der Kamera stehen noch immer meistens einflussreiche Männer. Regisseur Dieter Wedel, hier bei Dreharbeiten im Jahr 2009, soll diese Macht ausgenutzt haben. Foto: dpa
Sexismus

Die Macht der alten Männer

Die Vorwürfe gegen Dieter Wedel schockieren. Doch die Probleme liegen tiefer, sagen Frauen aus der Filmbranche.

01.02.2018
  • DOROTHEE TOREBKO UND LENA GRUNDHUBER

Ulm/Berlin. Nina Kronjäger kennt das Gefühl von Ohnmacht ziemlich gut. In der Ausbildung zum Beispiel. Als der Schauspielerin ältere Männer gegenüber saßen, jovial grinsten und damit andeuteten: Wir sind hier am Ruder. Doch Kronjäger hat kein Interesse an einer Opferrolle. Oder an Schuldzuweisung. Sie will das System der Benachteiligung von Frauen – wie viele andere auch – ändern.

Sie ist Teil einer Bewegung, die seit den Vorwürfen gegen Regisseur Dieter Wedel Fahrt aufnimmt. Mehrere Schauspielerinnen haben ihn in der „Zeit“ sexueller Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung beschuldigt. Wedel bestreitet das – doch demnächst beraten die ARD-Intendanten darüber. Denn der Vorwurf eines mutmaßlichen Vergewaltigungsversuchs wurde bereits 1981 in einem internen Bericht des Saarländischen Rundfunks dokumentiert, recherchierte die „Zeit“; Familienministerin Katarina Barley (SPD) hat „rückhaltlose Aufklärung“ gefordert. Die Vorgänge legen nahe: Es geht nicht um einen Einzelfall. Es geht um Strukturen.

„Die gesamte Film- und Kulturbranche ist sehr konservativ und hierarchisch strukturiert“, sagt Tatjana Turanskyj vom Vorstand des Vereins „Pro Quote Film“, der sich für Geschlechtergerechtigkeit in der Filmbranche einsetzt. Und in hierarchischen Arbeitsverhältnissen komme es eher zu Machtmissbrauch. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, macht dafür auch ein problematisches Künstlerverständnis verantwortlich. Das Klischee vom Genie, das außerhalb der Ordnung steht: „Das führt dazu, dass manche glauben, dass sie sich nicht an die Regeln zu halten haben.“

„Natürlich“ sei Missbrauch ein Thema, sagt Zimmermann. Berührung, Erotik spielten eine große Rolle im Schauspiel: „Wir bewegen uns da permanent an einer Grenze.“ Das Problem aber liege tiefer: „Wieso sind die Ängste und Abhängigkeiten so groß, dass Frauen meinen, sich nicht offenbaren zu können?“ Woher die Abhängigkeitsverhältnisse rühren, lässt sich zum Beispiel an der Studie „Frauen in Kultur und Medien“ ablesen, die der Kulturrat 2016 herausgebracht hat. „Wir waren über die Ergebnisse schockiert, weil wir dachten, wir sind besser als die Wirtschaft“, sagt Zimmermann, „aber wir mussten erkennen, dass wir schlechter dastehen.“ Der Gender Pay Gap unter freiberuflichen Kreativen im Kulturbereich insgesamt – der Einkommensunterschied von Männern und Frauen – lag 2014 bei 24 Prozent.

Strukturelle Benachteiligung

„Studien haben gezeigt, dass Frauen im gesamten Filmbereich strukturell benachteiligt sind“, sagt Turanskyj. Das betrifft in erster Linie kreative Schlüsselpositionen: Nur in 14 Prozent aller fiktionalen Produktionen im Öffentlich-Rechtlichen führen Frauen allein Regie, belegt eine Studie im Auftrag von ARD und ZDF. Nur ein Drittel der Absolventinnen, die vor 15 bis 20 Jahren ihren Abschluss in Regie machten, sei in dem Bereich angekommen. „Eine weibliche oder feministische Perspektive kommt so gut wie nicht vor, stattdessen Dauerberieselung durch stereotype Geschlechterklischees“, findet Turanskyj.

Die Diskrepanz in Sachen Gleichstellung zeigt sich auch in der Mitarbeiterstruktur. Zwar arbeiten bei der ARD nahezu gleich viele Mitarbeiterinnen wie Mitarbeiter und unterliegen teils einer Frauenquote, aber nur ein Drittel der Leitungspositionen ist weiblich besetzt. „Frauen sind in den obersten Positionen und im technischen Bereich unterrepräsentiert“, heißt es auch beim ZDF. Doch bedeutet eine höhere Anzahl an Frauen, dass Ungerechtigkeiten verschwinden?

Die Gleichstellungsbeauftragte des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), Lydia Lange, plädiert für eine Frauenquote. „Wenn es ebenso viele Chefinnen wie Chefs gibt, ändert sich das Miteinander, das Klima der Zusammenarbeit.“ Mehr Frauen in Leitungspositionen bedeutet, dass ihre Führungsrolle normal wird. Die Gleichstellungsbeauftragte des BR, Sandra David, hingegen spricht sich gegen eine Quote, aber für einen gesamtgesellschaftlichen Wandel aus. „Ich glaube nicht, dass es durch eine Frauenquote keinen Machtmissbrauch mehr geben würde. Es muss auf allen Ebenen klar sein, dass ein solches Verhalten nicht toleriert, sondern unterbunden wird“, sagt sie.

Dafür plädiert auch Schauspielerin Nina Kronjäger. „Das kreative Potenzial ist gleich verteilt – bei Männern und Frauen“, sagt sie. Warum nicht gemischte Teams fördern? Gemeinsam mit Männern kreativ sein, als gleichwertige Partner. „Wir können das System, das Machtmissbrauch fördert, ändern. Jetzt ist der Zeitpunkt dazu“, sagt sie. „Damit unsere Töchter das nicht mehr erleben müssen.“

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01.02.2018, 06:00 Uhr
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