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Acht Kommunen im Glemstal wollen die Schäden künftiger Sturzfluten massiv eindämmen

Die Lehren aus dem Desaster

Im Glemstal bei Stuttgart haben Hochwasser ein Umdenken bewirkt. Alle Einwohner können sich auf Extremregenfälle einstellen und Risiken vorbeugen.

27.08.2016
  • MARTIN HOFMANN

Dieser Sonntagmorgen wird den Glemstälern im Gedächtnis bleiben. Eine Regenfront zieht am 4. Juli 2010 über dem Einzugsgebiet des kleinen Flüsschens auf. Gegen 2 Uhr schüttet es zwei Stunden westlich von Stuttgart wie aus Kübeln – 160 Liter auf den Quadratmeter. Wenig später läuft das Wasser die Hänge herab – die Böden waren bereits durchnässt. Es gewinnt Geschwindigkeit auf asphaltierten Feldwegen, in Rinnsalen und Gräben. Eines der zahlreichen Symbolbilder: Im Ditzinger Stadtpark hebt der angeschwollene Beutenbach den 200 Kilogramm schweren Schachtdeckel wie eine Streichholzschachtel hoch, in einer dicken Fontäne schießt das Regenwasser aus dem Kanal.

Allein in Ditzingen mit seinen 24 000 Einwohnern richtet die Sommerflut 20 Millionen Euro Schäden an, 10 Millionen an Privatgebäuden, 10 Millionen an öffentlichen. Kindergärten, eine Schule am Hang und eine in der Talaue werden überflutet. Ein Teil des dort eingelagerten Stadtarchivs geht baden. In Schwieberdingen steht der Ortskern unter Wasser. Stadtteile von Leonberg und Gerlingen, ein Gewerbegebiet in Korntal-Münchingen werden überflutet. Zum Teil steht das Wasser in Häusern anderthalb Meter hoch. Schon ein Jahr zuvor hatte die Region mit Hochwasser zu kämpfen.

Solch ein Desaster wollten die Menschen nicht mehr durchleben. Die acht Kommunen im Einzugsgebiet der Glems entschieden sich rasch, künftigen Hochwassern die Stirn zu bieten. „Wir wissen ja nicht, wo der nächste Starkregen niedergeht“, sagt Anton Schühle, Leiter des Ditzinger Umweltamts. Mit den Folgen sind aber alle Bewohner konfrontiert. Die Stadt führt die Feder bei dem Projekt, Markus Moser, Hochwasserexperte des Regierungspräsidiums Stuttgart fungierte als Ratgeber.

Es galt zunächst, die Risiken abzuschätzen. Das Vorbild: Analysen der Hochwassergefahren, die das Land Baden-Württemberg für die größeren Flüsse erarbeitet hat. Die Kommunen nahmen dafür rund 160 000 Euro in die Hand und beauftragten die Heidelberger Geomer GmbH, den Abfluss starker Niederschläge in ihrer Region detailliert zu untersuchen. Das Ergebnis: Starkregen-Risikokarten. Sie zeigen aber nicht nur für jedes Grundstück, was dort bei schweren Gewittern passiert. „Die Bürger können es selbst regnen lassen und die Fließwege beobachten“, erklärt Schühle. Die Computer-Software simuliert Niederschläge von 60, 120 und 240 Millimetern (=Litern), die pro Quadratmeter fallen. In unterschiedlichem Blau eingefärbte Flächen geben die Höhen der durch die Extremereignisse zu erwartenden Flut an.

Die Regenabflusswege zeigen zuverlässig, wo Hochwasser Gebäude angreifen kann. Sie decken dabei gnadenlos Bausünden der Vergangenheit auf, als sich Planer, private und öffentliche Bauherren um hydrologische Gegebenheiten noch kaum Gedanken machten.

Diese Erkenntnisse führen zum zweiten, weit komplizierteren Schritt: Schutz vor Überflutung. Neben dem Aufstellen von Einsatzplänen bei Hochwasseralarm hat Ditzingen zügig begonnen, eigene Gebäude abzusichern, in denen Menschen besonders gefährdet sind: vor allem Kindergärten, Altenheime, Schulen und,falls vorhanden, Krankenhäuser.

Der Fokus richtete sich nicht darauf, neue, kostspielige Rückhaltebecken auszuheben, sondern es mit vielen kleinen, finanzierbaren Veränderungen zu versuchen. Beispiel: Konrad-Kocher-Schule. Die drei Gebäude stehen an einem Hang. Auf einem asphaltierten Weg schoss das Regenwasser aus den oberhalb liegenden Äckern an einem Spielpatz vorbei auf die Schule zu. Nun hat die Stadt den Weg verlängert. Eine leichte Steilkurve leitet das Wasser auf den Spiel- und Sportplatz. Von dort fließt es langsam auf unterhalb liegende Felder und Grünflächen ab. Drei Steinmauern an den Schulgebäuden, höhere Randsteine zum Sportplatz, eine Welle vor der Rampe ins Kellergeschoss runden die Umbauten ab. Kostenpunkt: eine niedrige fünfstellige Summe. Die Schule ist gegen Starkregen, der 120 Liter auf den Quadratmeter ausschüttet, immunisiert. Die Nagelprobe, dass dies auch klappt, war ein heftiger Gewitterguss in diesem Sommer.

Nach ähnlichem Muster verfahren alle Kommunen im Glemstal. Dazu werden sämtliche Mauerdurchbrüche und Lichtschächte an Gebäuden oder Zufahrten zu Garagen überprüft. So stand etwa ein Feuerwehrhaus am tiefsten Punkt der Talaue. Es wird vorrangig abgesichert. Haus- und Grundstücksbesitzern empfehlen die Gemeinden, ihrem Beispiel zu folgen. Aufgespürt werden überdies Flächen, die versiegelt sind, aber das Nass aus den Wolken aufnehmen können, ohne etwa den Straßenverkehr zu gefährden.

Eingang findet die Risikoanalyse in alle Flächennutzungs- und Bebauungspläne. Die Kommunen schreiben Bauherrn vor, Parkflächen nicht zu versiegeln oder Zisternen einzubauen. Öffentliche Gebäude werden im Zweifel auf einen Sockel gesetzt. Ein Neubaugebiet in Ditzingen erhält unter der Hauptzufahrtsstraße zwei Wasser-Rückhalteräume. Landwirte werden angehalten innerorts fünf Meter, außerorts zehn Meter breite Ackerrandstreifen anzulegen. Sie werden für die Ernteverluste entschädigt.

Was der Rückhalt des Niederschlags bringt, kann jeder Grundstücksbesitzer berechnen. Es entlastet die Kanalisation, deren Ausbau gewaltige Summen verschlingen würde. Wer das Wasser in Haus und Garten nutzt, spart zusätzlich Wasser- und Abwassergebühren. Unabdingbar für eine Vorsorge ist die „Gewässerbegehung“. Mit ihr wird verhindert, dass auf Überflutungsflächen an Bächen Material – Heuballen, Holz, Komposthaufen, Schutt – gelagert wird, das Abflüsse verstopft und Flutwellen auslöst.

Das Land Baden-Württemberg empfahl nach der Katastrophe von Braunsbach allen Kommunen, den Glemstälern zu folgen. Wie dort, erhalten sie für das Erstellen von Starkregenkarten samt Risikoanalyse 70 Prozent der Kosten bezuschusst. Für Maßnahmen, die Wasser außerhalb von Ortschaften zurückhalten, gibt es denselben Betrag. Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) wartete bei der Präsentation des Leitfadens zum Starkregenrisiko mit dem banalen, aber einleuchtenden Satz auf: „Das nächste Unwetter kommt bestimmt.“

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27.08.2016, 06:00 Uhr
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