Der Künstler in seinem Element

Die Kusterdinger Fotografin und Designerin Martina Rall porträtiert Schauspieler, Autoren, Musiker

Von Ulrike Pfeil

Wann gelingt es der Fotografie, die Identität eines Menschen abzubilden? Diese Frage beschäftigt die Kusterdinger Designerin und Fotografin Martina Rall. Eine Zeitlang spielte sie mit den Identitäten von Stars – und ihrer eigenen. Heute ergründet sie die Persönlichkeiten von Künstlern mit der Kamera in beobachtenden Porträt-Serien.

Die Kusterdinger Fotografin und Designerin Martina Rall porträtiert Schauspieler, Autoren, Musiker

Macht es sich Tatort-Ermittler „Matteo Lüthi“ hier in Bergschuhen auf der Bank vor einer Schweizer Berghütte gemütlich? Ach nein, der Schauspieler Roland Koch tut nur so, als säße er ganz entspannt, in der Tiefgarage des Stadttheaters von St. Gallen. Ein Beispiel aus der Porträtserie von Martina Rall.

Das ist doch Romy Schneider auf dem Filmplakat, und hier nochmal, mit dem Muster des Eiffelturms über dem Dekolletee. Aber irgendetwas ist anders. Es ist Romy Schneider und wieder nicht – denn es ist Martina Rall in Romy Schneider. Die Künstlerin hat ihr Gesicht in das Porträt der Schauspielerin montiert. Ein Spiel mit Verfremdung, mit Sein-wollen-wie, ein Experiment in Verwandlung.

Martina Rall hat dasselbe mit anderen Stars der Film- und Popindustrie versucht: „Being . . .“ heißt die vor wenigen Jahren entstandene Serie von irritierenden Ikonen, denen sie ihre eigenen Züge geliehen hat, auf Leinwand gedruckt, mit Schriften und Zitaten collagiert. „I never think of myself as an icon“, sagt Audrey Hepburn mit dem Mund und den Augen von Martina Rall. Being Marilyn Monroe, being Maria Callas, being Frida Kahlo, ja, sie hat sogar ausprobiert, wie es aussähe, Michael Jackson zu sein.

Ist dieses irritierende Spiel anmaßend? Martina Rall hat sich das anfangs selbst gefragt: „Ist das narzisstisch?“ Andererseits: Es sind Figuren, meist Frauen, mit denen sie etwas Eigenes verbindet, mit denen sie sich identifizieren kann. Schlüpft man damit nicht gewissermaßen in die andere Person hinein? Wird sie nicht ein Teil des Ichs? Ein Zitat des amerikanischen Dichters William Carlos Williams gab ihr schließlich Gewissheit, dass ihr Projekt eine berechtigte künstlerische Suche war: „Der Künstler“, sagt Williams, „malt immer und ewig nur eins: ein Selbstporträt.“

Das Tüllgewand der

Sängerin vibriert

Die gedruckten, teils mit Öl nachträglich übermalten Porträts führten Martina Rall zu einer neuen Arbeit, die ebenfalls mit Identitätssuche zu tun hat – nun aber mit der von anderen: Seit einiger Zeit fotografiert sie Künstler, Musiker, Autoren in kleinen Serien. Sie begleitet sie unauffällig beobachtend mit der Kamera, fängt verschiedene Augenblicke und Stimmungen ein, greift auch gelegentlich zu kompositorischen Tricks wie Überblendungen oder absichtlichen Unschärfen. Nur keine all zu glatten Agentur-tauglichen Bilder: „Ich suche Momente des künstlerischen Ausdrucks“, sagt sie. „Mir geht es um diesen künstlerischen Prozess.“

Ihre Porträtserien, die sie gern zu Triptychen (dreiteiligen Sequenzen) oder Büchern arrangiert, sind geduldige, aufmerksame Studien, die eine Persönlichkeit in mehreren Facetten zeigen wollen – auch wenn die Porträtierten sich der Gegenwart einer Fotografin bewusst sind (manchmal bringt Martina Rall sich durch Spiegelungen selbst im Bild noch mit der Kamera in Erinnerungen), und auch wenn sie mitspielen, „inszenieren“ und posieren.

Die Arbeit an „Artists in Action“ setzt Vertrauen voraus, oft beruht sie deshalb auf einer persönlichen Bekanntschaft. Karl Friedrich Fürst von Hohenzollern etwa porträtierte Martina Rall in seiner Eigenschaft als Jazz-Saxofonist; ihr Kusterdinger Nachbar, der Bassist Paul Müller, spielt in dessen Band „The Jivemates“. Den Tübinger Schriftsteller Peter Prange („Das Bernstein-Amulett“), den sie noch aus der eigenen Studienzeit im Brechtbau der Universität kennt, besuchte sie zu Hause an seinem Arbeitsplatz. Die Sängerin Mirella Leone erlebte sie bei einem Konzert in Tübingen; ihr diffuses Tüllgewand scheint auf den Fotos wie ihre leidenschaftliche Stimme zu vibrieren.

Am intensivsten hat Martina Rall bisher den Schauspieler Roland Koch begleitet. Der gebürtige Schweizer, der zum Ensemble des Wiener Burgtheaters gehört, ist dem deutschen Fernsehpublikum in verschiedenen Rollen bekannt geworden. Zu den populärsten gehört die des Schweizer Ermittlers Matteo Lüthi in den Bodensee- „Tatorten“ mit Eva Mattes. (Die allerdings im nächsten Jahr nicht mehr fortgesetzt werden.)

Rall hatte Roland Koch flüchtig kennen gelernt, als er in jungen Jahren 1987 bis 1990 am Tübinger LTT verpflichtet war. In dieser Zeit war sie dort für ein Jahr Dramaturgie-Assistentin. „Alle meine Porträtierten“, sagt sie, „haben einen Tübingen-Bezug.“ Jahrzehnte später wurde sie beim „Tatort“-Gucken als Fotografin auf Koch neugierig. Sie kontaktierte ihn per Fanpost, und er sagte nach kurzer Zeit ja zu einer Fotostrecke.

In Konstanz beobachtete die Fotografin ihn bei Dreharbeiten, in St. Gallen, wo er dieses Jahr am Theater inszenierte, lief sie einen Tag in seinem Leben mit, bei der Arbeit mit Schauspielern im Theater, beim Entspannen im Hotel, abends in einem Lokal. „Ich bin dann wie die Maus“, beschreibt sie ihre zurückhaltende Vorgehensweise. „Ich bin wie gar nicht da.“ Eine Sequenz am Burgtheater soll noch folgen.

„Tatort“-Kommissar

in der Tiefgarage

Gern legt Martina Rall in den Bildern eine Distanz zwischen sich und ihr Objekt: Sie fotografiert durch Scheiben, durch Zwischenräume, einmal darf der Schauspieler sein Gesicht hinter einem Polaroid von sich selbst verstecken. Die interessantesten Fotos, in Schwarz-Weiß, entstanden in einer Tiefgarage, vor grauem Beton. Koch, der spielerisch mit der kalten Umgebung agiert, der sich selbst und den Raum zum Leben bringt. Ein erster Fotoband ist schon erschienen.

Trotz aller Anerkennung ernährt die Kunst des Künstler-Porträts die Fotografin noch nicht nachhaltig und exklusiv. Jahrelang hat die studierte Romanistin Martina Rall für das italienische Konsulat italienische Schüler in Deutsch unterrichtet. Bis das Programm für Migrantenkinder aus Italien nach der Bankenkrise gestrichen wurde. Davor verbrachte die gebürtige Kusterdingerin eine Zeit an der italienischen Riviera, als Mitarbeiterin der „Riviera-Côte-Azur-Zeitung“, die dort für die zahlreichen Emigranten aus deutschsprachigen Ländern erscheint. Sie hat Produzenten für eigene Design-Objekte gefunden – die Mokkatassen mit dem Schriftdekor, in die sie den Kaffee schenkt, hat sie selbst entworfen.

Nach Kusterdingen kehrte die heute 53-Jährige vor Jahren zurück, weil sie dort das kleine alte Häuschen in der Scherrgasse mit den niedrigen Decken, dem schmalen Treppenaufgang und den Holzdielenböden, in dem schon ihre Urgroßmutter lebte, als Atelier günstig nutzen kann. Aber auch, weil Kusterdingen eine kleine, feine und rührige Künstlerszene hat, in der sie sich mit anderen austauschen kann. Von Anfang an hat sie bei den „Tagen der offenen Ateliers“ auf den Härten mitgemacht, die jedes Jahr im Mai stattfinden.

Info: Künstlerporträts aus der Serie „Artists in Action“ von Marina Rall sind zur Zeit in einer Ausstellung in Uhingen (zwischen Ebersbach an der Fils und Göppingen) zu sehen: Ideen und Küche, Kanalstraße 49. Geöffnet werktags Mittwoch bis Freitag von 10 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr, bis 28. Februar 2015.

Den Bildband über Roland Koch gibt es unter www.blurb.de.


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28.12.2014 - 12:00 Uhr