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Das Müllproblem auflösen

Die Kusterdinger Chemikerin Lena Stoll forscht in Nottingham am Recycling von Textilien

In den Container, als Putzlappen in die Küche oder in den Kleiderschrank von Nichten und Neffen: Für gebrauchte Kleidung gibt es oft noch eine weitere Verwendung. Doch wenn Kleider endgültig ihre Lebensdauer überschritten haben, landen sie – mit vielen anderen Stoffen wie Sitzbezügen, Rucksäcken und Dämmmaterial – im Müll. In Deutschland sind das schätzungsweise 1,5 Millionen Tonnen im Jahr. Eine Kusterdingerin versucht, das Recycling-Problem der Textilindustrie zu lösen.

26.08.2016
  • Lorenzo Zimmer

Kusterdingen / Nottingham. In ihrer Firma ist die gebürtige Kusterdingerin Lena Stoll eher für das Praktische zuständig. Die studierte Chemikerin arbeitet bei Worn Again in Nottingham. Die Firma hat hohe Ziele: Mit Geldern aus der Textilindustrie soll ein chemisches Verfahren perfektioniert werden, das es ermöglicht, die Hauptbestandteile von Textilien vollständig zu recyclen. Dabei handelt es sich in erster Linie um Baumwolle und Polyester. Ein Problem: Den Textilien werden vor dem Verkauf Färbemittel, Beschichtungen und andere chemische Zusätze beigemischt. Außerdem verändert sich insbesondere Polyester während seiner Verwendung – etwa als Kleidung: „Vor allem wegen der Enzyme in Waschmitteln wird die chemische Struktur der Faser eines Kleidungsstücks erheblich beschädigt“, sagt Stoll.

Stoll ist als „Scientist for research and development“ bei Worn Again beschäftigt, Wissenschaftlerin für Forschung und Entwicklung. Oder wie sie selbst sagen würde: „Als Laborratte.“ Und damit ist sie wichtiger Teil eines Projekts, das die Menschheit voranbringen will. Firmengründerin Cyndi Rhoades spricht in Interviews und Vorträgen immer wieder von ihrer „grünen Vision“ und dem Wunsch, das Textilmüllproblem – speziell im Hinblick auf den umweltunverträglichen Polyester – im Sinne aller Menschen zu lösen. Stoll genießt im Gegenzug dazu ihre Arbeit im stillen Kämmerlein: „Ich bin keine mitreißende Rednerin und wäre in der Lobbyarbeit ganz fehl am Platz.“ In der Gesellschaft von Schalen und Kolben fühlt sie sich hingegen wohl: „Da kann ich meine etwas stilleren Talente einbringen.“ Und am Ende sei es sehr befriedigend für sie, an diesem Projekt beteiligt zu sein.

Laut dem Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung (BIZ) fallen in Deutschland 1,2 Millionen Tonnen Textilmüll aus Haushalten an – weitere 300 000 Tonnen kommen aus der Industrie dazu. Sie werden verbrannt oder einer niedrigrangigeren Verwendung zugeführt – etwa vom T-Shirt zum Putzlappen oder vom Pullover zum Dämmmaterial. Vor allem die Herstellung der Stoffe ist ökologisch kostspielig: Das BIZ spricht von 25 000 Litern Wasser pro Kilogramm Baumwolle und unzähligen Chemikalien, die zur Herstellung nötig sind.

Der chemische Recycling-Prozess, an dem Worn Again arbeitet, ist bereits patentiert. Die Rechte liegen bei der Firma selbst. An der Entwicklung des Verfahrens war Stolls Kollege Adam Walker maßgeblich beteiligt. Die Aufgabe der Kusterdingerin ist es jetzt, seine Arbeit in einer systematischen Versuchsreihe fortzuführen: „Das ist klassische Laborarbeit, wie man sie sich vorstellt“, sagt Stoll. Das bedeutet: Schritt für Schritt. Sie arbeitet in kleinen Kolben und Bechergläsern: „Selten mal in einem 30-Liter-Reaktor.“ Darin experimentiert sie mit verschiedenen Kombinationen von Lösemitteln, verändert je nach vorliegenden Textilien und Färbemitteln die Abfolge der Schritte, die Konzentration der Lösemittel, die Temperatur oder den Druck. Details, wie die genaue Bezeichnung der Lösemittel und anderer verwendeter Chemikalien, darf Stoll nicht nennen: „Firmengeheimnisse.“

Ende des Jahres will das Start-up – „Kann man eine Firma nach zehn Jahren noch so nennen?“, fragt Stoll – umstrukturieren und in ein größeres Labor umziehen. Ihr kleines Büro in London haben Stolls Kollegen bereits aufgegeben – sie arbeiten derzeit von Zuhause oder wie in der Start-up-Szene üblich aus Cafés oder Parks. Bald soll ein zentralisierter Firmensitz in Nottingham entstehen. Dann will Chefin Rhoades auch weitere namhafte Geldgeber ins Boot holen. Mit dem wissenschaftlichen Durchbruch rechnet Stoll bis in zwei Jahren: „Daran, dass unser Prozess chemisch funktioniert, gibt es keinen Zweifel.“

Jetzt geht es darum, andere Probleme zu lösen: Worn Again muss das Verfahren so wirtschaftlich wie möglich hinbekommen. Stoll: „Leider bedeutet die harte Realität des freien Marktes, dass sich recycelter Polyester nur verkaufen lassen wird, wenn er sowohl bei der Qualität als auch beim Preis mit frisch hergestelltem Polyester aus Erdöl mithalten kann.“ Und das ist nicht die einzige Schwierigkeit für Worn Again: „Wir müssen Nicht-Chemiker davon überzeugen, ihre Angst vor Lösemitteln und Chemikalien abzulegen.“ Denn gerade in der Plastikindustrie verstehe man unter Recycling vornehmlich Schreddern und Schmelzen: „Dieses Vorgehen ist bei Textilien wegen der Vermischung mit Baumwolle und den ganzen anderen Stoffen völlig ungeeignet.“ Denn im Gegensatz zu PET-Flaschen bestehen Kleidungsstücke nur ganz selten aus reinem Polyester.

Neben der Verfeinerung des Recycling-Verfahrens im Labor müssen Stoll und ihre Kolleginnen und Kollegen einen Weg finden, den Prozess für einen Einsatz im großen Stil hinzubiegen: „Es ist durchaus ein Problem, dass sich die im Chemielabor verwendeten Methoden und Substanzen nicht immer so einfach auf den ganz anderen Maßstab einer technischen Großanlage übertragen lassen“, so Stoll. Hier kommen firmenexterne Chemie-Ingenieure ins Spiel, mit denen Worn Again bereits zusammenarbeitet.

Der Haupt-Geldgeber des Projekts ist der Textilriese H&M: „Es ist natürlich verlockend, das zynisch zu betrachten und es als Greenwashing zu bezeichnen“, sagt Stoll. Doch aus ihrer Erfahrung gebe es gerade in diesem Bereich oft reine Lippenbekenntnisse der großen Firmen: „Wenn dann mal jemand bereit ist etwas zu riskieren und den Worten auch Taten folgen zu lassen, muss man das schon respektieren.“ Doch auch Stoll ist bewusst, dass es dabei viel um Marketing und eine PR-Wirkung geht: „Es wäre naiv davon auszugehen, dass heutzutage ein Großkonzern aus reiner Wohltätigkeit und Menschenliebe in Forschung und Entwicklung investiert.“

Durch den Brexit hat sich an Stolls Situation in Nottingham nicht viel geändert: „Seitdem habe ich aber schon mehrere scherzhafte Heiratsanträge bekommen – jeder will plötzlich die deutsche Staatsbürgerschaft“, sagt sie und lacht. „Aber mal ernsthaft: Der Austrittsprozess beginnt ja vermutlich nicht vor 2017 offiziell.“ Bis dahin könnte sich Stoll auch in Großbritannien einbürgern lassen. „Ich gehe ohnehin davon aus, dass hochqualifizierte Arbeitskräfte hier willkommen sind und auch weiterhin bleiben.“ Ihre Familie in Kusterdingen fehlt ihr trotzdem. Und einige typische Eigenschaften ihrer Heimat hat sie sich erhalten: „Zum Beispiel meine schwäbische Sparsamkeit. Die wird mir aber zugute kommen, wenn das Pfund so weiter fällt.“

Von Kusterdingen über Bristol nach Nottingham

Lena Stoll ist 1989 in Tübingen geboren und wuchs in Kusterdingen auf. Nachdem sie die dritte Klasse übersprungen hatte, besuchte sie das Wildermuth-Gymnasium und machte 2006 im ersten Jahrgang des G8-Modells mit 17 Abitur. Nach zwei Semestern Biochemie begann sie 2007 ein Diplomstudium der Chemie, das sie 2012 abschloss. Von 2013 bis 2014 absolvierte sie einen Forschungsaufenthalt an der Universität in Bristol. Nach einem Jahr als Projektleitern für Geschäftsentwicklung beim britischen Forschungsinstitut TWI begann sie 2015 mit ihrer Arbeit für Worn Again. Sie ist zudem Schatzmeisterin einer britischen Krebshilfe-Organisation.

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26.08.2016, 01:00 Uhr
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