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Tüftler und Macher

Die Kunst, auf(zu)räumen

Es ist der Sprung, den viele in unserer Zeit gerne wagen wollen und sich doch nicht trauen. Der Start-Up-Markt in Deutschland wächst weiter. Mit den großen Industriestandorten kamen auch die innovativen Start-Up-Ideen. Klar, der Ballungsraum mit der größten Neugründungsdichte bleibt Berlin. Allerdings haben Stuttgart, München und das Ruhrgebiet deutlich zugelegt und den Abstand auf den deutschen Platzhirsch verkürzt.

15.12.2017

Von TEXT: DAvid Amadu|FOTOs: Unternehmen

Nicht unbedingt ein klassisches Büro: Co-Working-Spaces im Großraum anstatt klar angeordneter Schreibtische.

Für die Neugründung des Unternehmens Laserhub fand Adrian Raidt beste Bedingungen im industriellen Stuttgart. „Hier hat man das nötige Kundenvolumen, ausreichend Partnerbetriebe und eben kürzeste Wege“, lobt Raidt „und auch die kreative Start-Up-Szene, die Berlin so berühmt und beliebt machte, ist langsam im Kommen.“ Entsprungen ist die Idee aus seiner Arbeit beim Maschinenbauer Trumpf, einem der führenden Hersteller für Laserschneidmaschinen, dort stellte er sich die Frage: „Was nutzen uns immer produktivere Maschinen, wenn diese nicht voll ausgelastet werden?“

Mit seiner Idee aus dem Sektor der Industrie 4.0, sorgt er für die effektive, schnelle und günstige Verteilung von Blechbearbeitungsaufträgen. Ziel seiner Technologie ist, dass Produktionskapazitäten von Blechbearbeitern besser ausgenutzt werden. Man darf sich das vorstellen wie ein Werk des Schweizer Künstlers Ursus Wehrli. Unter dem Titel „Kunst aufräumen“ oder „(Die) Kunst, auf(zu)räumen“, sortiert der Schweizer chaotische Bilder oder Ansammlungen nach Farbe, Alphabet oder Formen. Ganz gleich, ob das eines anderen Künstlers Schaffen ist, eine Pommes rot-weiß, Buchstabensuppen oder Menschen bei einem Freibadbesuch. Ähnlich wie Wehrli, versucht auch Raidts Software Ordnung in das Chaos bringen. Dabei überprüft sie die Arbeitsauslastung und die technische Ausstattung, der auf der Plattform registrierten Blechbearbeiter. Die Auftragsdaten werden direkt analysiert und ausgewertet, worauf der geeignetste Bearbeiter mit freier Kapazität ermittelt wird. Das garantiert dem Kunden eine schnelle und günstige Bearbeitung seines Auftrags, sowie auch den Blechbearbeitern eine konstante Nutzung ihrer Maschinen. Entscheidend dabei ist, dass man als Kunde von dieser Komplexität nichts mitbekommt. „Unsere Kunden laden bei uns ihre technischen Zeichnungen hoch, erhalten in wenigen Sekunden ein Angebot und können mit wenigen Mausklicks bestellen“, erläutert Raidt. Der Kunde hat nur einen Ansprechpartner, der sich um die Bestellung kümmert und für den Gesamtprozess die Verantwortung übernimmt – und zwar Laserhub.

So funktionieren Start-Ups schon jeher: Problem erkennen, reflektieren und beheben. Nur schnell muss man heutzutage sein. Aufgrund der immer rasanteren Geschwindigkeit, mit der Technologien auf den Markt kommen und wieder überholt werden, „muss man seine Idee am Zahn der Zeit auf den Markt bringen. Weniger lang tüfteln, schneller schon den Prototypen testen und Feedback einholen“. Selbiges gilt für den Kontakt mit Investoren, frühzeitig in Kontakt treten, seine Idee verkaufen und Vertrauen aufbauen. Auch wenn mittlerweile viele Start-Ups ohne großes Kapital in der Entwicklungsphase auskommen, so kommt doch der Moment an dem es ernst wird und finanzielle Unterstützung zumindest förderlich, wenn nicht sogar nötig ist.

Der Weg dorthin ist allerdings geprägt von Unsicherheiten. Ist meine Idee die richtige? Was macht man bei der ersten Krise? Gerade bei anfänglichen Ungewissheiten, ist die beste Rückmeldung meist von bereits erprobten Start-Up Gründern einholbar. Eine der besten Plattformen, um mit den Erfahrenen der Branche in Kontakt zu treten, sind all die Start-Up Messen und Conventions. Was die ersten Schritte im Bereich Krisenmanagement angeht, so empfiehlt Adrian Raidt sich Zeit zu lassen, nichts überstürzen und als Gründerteam kritisch darüber zu diskutieren. „Bloß keine Entscheidung erzwingen, nur weil man meint, die Zeit würde einem davon laufen.“

Auch die negativen Kommentare von Freunden oder Verwandten müssen einen in der Gründungsphase kalt lassen: „Da darf man sich nicht verunsichern lassen, zu mir sagte man auch einmal: ‚Theoretisch eine gute Idee, aus meiner Erfahrung allerdings wird das nichts werden‘. Ein paar Tage später sagte dann ein Kunde: ‚Auf ihre Lösung habe ich gewartet‘.“ Das Finanzierungsumfeld ist derzeit gut und Kapital steht eigentlich ausreichend zur Verfügung. „Wer mit der Finanzierung Schwierigkeiten hat, sollte sich zunächst nochmal kritisch mit seiner Idee auseinandersetzen“, so Raidt.

Wenn man allerdings positives Feedback von Kunden bekommt und mit seiner Idee ein Bedürfnis zu decken scheint, dann hat man eine gute Chance, den Durchbruch auch zu schaffen. Wie bei Laserhub: inzwischen arbeitet Raidt mit ausgewählten Blechbearbeitern, hauptsächlich in Baden-Württemberg aber auch in Thüringen und in Bayern. Hauptsache die Produktion liegt in Deutschland. Bis Ende 2018 sei der Plan, 30 Blechbearbeiter in das Portal aufzunehmen, momentan gehören fünf Partner dazu. Sein Unternehmen mit Sitz in Stuttgart, ist eines der wenigen, die sich mit traditionellen Fertigungsindustrien auseinandersetzen, wie Raidt sagt: „Für Endkunden wurden in den vergangenen Jahren schon unglaublich viele digitale Lösungen entwickelt. Im Bereich der Geschäftskunden gibt es noch viele Möglichkeiten und Notwendigkeiten, die es auszuschöpfen gilt. Und wo soll das herkommen, wenn nicht aus Baden-Württemberg, dem Land der Tüftler?“

Mit dem ersten Erfolg kam auch das erste Büro. Die Wahl war hier nicht schwer. Über die Jahre hat sich ein gewisses Start-Up-Ökosystem in Großraumbüros der deutschen Städte etabliert, daher „haben wir bewusst einen Schreibtisch in einem sogenannten Co-Working-Space angemietet. Der ständige Austausch mit anderen Unternehmern aus anderen Themenfeldern, gegenseitiger Gedankenanstoß und Ideen-Brainstorming ist gigantisch. Dort kann es gut und gerne auch passieren, dass andere Gründer ihre Idee verwerfen und stattdessen in deinem Unternehmen einsteigen wollen.“

Denn gerade in den Großraumbüros wird die ursprüngliche Start-Up Kultur bewahrt und weitergelebt. „Da dachte ich, dass ich heute schlecht angezogen auf der Arbeit erscheine, Jeans und T-Shirt, und war immer noch overdressed“, schmunzelt Adrian Raidt auf die Frage ob denn Hemd oder Hoodie bei der Arbeit zum Einsatz kämen. Aber das ist eben die Ungezwungenheit in der Welt der kunterbunten Start-Ups. Die anders als bei Usrus Wehrli nicht einfach in Rot, Weiß und Pommes eingeteilt werden kann.

Die Verteilerkette, die ein
Blechbearbeitungsauftrag bei Laserhub durchläuft.

Adrian Raidt, Gründer von Laserhub: „Was nutzen uns immer produktivere Maschinen, wenn diese nicht voll ausgelastet werden?“

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Erstellt:
15. Dezember 2017, 07:15 Uhr
Aktualisiert:
15. Dezember 2017, 07:15 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2017, 07:15 Uhr

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