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Perspektiven

Die Königin des Härtsfelds

Das Abteikirche Neresheim gilt als eine der bedeutendsten des Spätbarocks. Doch sie war auch Schauplatz jüngerer Kriminalfälle.

24.08.2019

Von TOBIAS DAMBACHER

Blick auf die Benediktinerabtei Neresheim und die berühmte Abteikirche. Foto: Oliver Giers / Tobias Dambacher

Majestätisch thront die berühmte Barockkirche der Abtei Neresheim auf dem Ulrichsberg. Wer sich auf dem Härtsfeld aus Richtung Aalen oder Heidenheim nähert, hat kilometerweit einen spektakulären Blick auf das Kloster, das in vielerlei Hinsicht einzigartig ist: architektonisch und kunsthistorisch von überragender Stellung und in jüngster Zeit Schauplatz von gleich zwei außergewöhnlichen Kriminalfällen.

In den Fokus der „Soko Flagge“ geriet die Benediktinerabtei im Mai 2010. Es ist das Jahr der Entführung und Ermordung von Maria Bögerl aus Heidenheim. Der oder die Entführer parken ihr Auto im Innenhof der Klosteranlage, später sichern die Ermittler dort DNA-Spuren. Warum das Auto ausgerechnet an diesem viel besuchten Ort abgestellt wird, bleibt ein Rätsel. Die Leiche von Maria Bögerl wird rund drei Wochen später etwa zehn Kilometer entfernt entdeckt. Der Mordfall ist bis heute ungeklärt.

Mit einem Klosterkrimi der ganz anderen Art musste sich das Oberlandesgericht Stuttgart beschäftigen. Es ging um dubiose Millionengeschäfte des Altabtes Norbert Stoffels. Nach seinem Tod fanden sich 2014 in seinem Nachlass zwei heimliche Konten mit insgesamt 4,3 Millionen Euro. Ein Krefelder Anwalt, ein alter Schulfreund von Stoffels und beanspruchte über eine Million Euro. Er scheiterte aber mehrmals vor Gerichten. Anfang 2019 wies der Bundesgerichtshof die Ansprüche des Anwalts in letzter Instanz zurück. Die Mönche können das Geld in den teuren Erhalt der Anlage stecken, der sich zu rund 90 Prozent über Spenden und Sponsoren finanziert. Dennoch: Die genaue Herkunft der Neresheimer Klostermillionen bleibt ebenfalls bis heute ungeklärt.

Um Geld geht es auch, wenn man sich mit dem Architekten der barocken Kirche beschäftigt. Sie wurde nach den Plänen von Balthasar Neumann erbaut, einem der bedeutendsten Architekten dieser Zeit. Neumann wurde samt eines Planausschnitts der Neresheimer Abteikirche auf dem 50-D-Mark-Schein abgebildet, der von 1991 bis 2002 gültig war. In der europäischen Kunstgeschichte ist die architektonische Schöpfung Balthasar Neumanns von herausragender Bedeutung. Wer die Kirche betritt, sieht sofort warum: Es ist die Verschmelzung des Lang- und Zentralraums zu einem monumentalen Gesamtraum. Von 1747 bis 1792 wurde an der Kirche gebaut. Neumann selbst erlebte die Fertigstellung nicht mehr. Er starb 1753.

Unwillkürlich wandert der Blick des Besuchers nach oben zu den sieben Kuppelfresken des Malers Martin Knoller, die als Höhepunkt der Barockmalerei gelten und zu den wichtigsten des späten Barocks gezählt werden. Das Hauptfresko hat eine Fläche von 714 Quadratmetern.

Kunst, Architektur und Musik verschmelzen in der Klosterkirche zu einer gelungenen Gesamtkomposition. Der große Orgelbauer Johannes Nepomuk Holzhay sorgte Ende des 18. Jahrhunderts dafür, dass in der prachtvollen Kirche eine ebenso würdevolle Musik erklingen kann. Mit ihren 48 Registern und mehr als 3500 Pfeifen zählt seine Orgel zu den Meisterwerken im süddeutschen Raum. Nach einer sorgfältigen Restaurierung 1979 ist mittlerweile der ursprüngliche Zustand wieder weitgehend hergestellt.

Auch die Royal Academy of Music London weiß die Akustik und das Ambiente des Klosters zu schätzen. Seit 1991 kommen Studenten der Akademie mit ihren Professoren für eine Werkwoche in die Abtei Neresheim. Das tägliche Programm der Gruppe beinhaltet Proben in der Abtei, die musikalische Gestaltung von täglich drei Gottesdiensten, sowie öffentliche Konzerte in der Abteikirche, zu denen rund 1000 Besucher aus ganz Deutschland kommen. Seit 2016 sind die Abtei Neresheim und die Stadt Neresheim Ehrenmitglieder der Academy – eine seltene Auszeichnung und erstmals für eine Abtei und eine Stadt vergeben.

Doch nicht nur die schmucke Kirche lohnt sich für einen Besuch. Das Tagungshaus im Kloster Neresheim bietet 90 Betten in 54 Zimmern für Tagungen und Veranstaltungen, Verpflegung gibt es in der angeschlossenen Klostergaststätte.

SWP GRAIK

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Erstellt:
24. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. August 2019, 06:00 Uhr

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