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Pickel, Petting, Popmusik

Die Jugend-Zeitschrift „Bravo“ wird 60 Jahre alt

Für Millionen Teenager war sie der Inbegriff der Jugend, jetzt nähert sich die „Bravo“ langsam dem Rentenalter. Heute wird sie 60 Jahre alt.

26.08.2016
  • MICHAEL OSSENKOPP

München. 26. August 1956: Die erste „Bravo“ ist auf dem Markt, und erstmals hat die Jugend in Deutschland ein eigenes Blatt. Zum Start lautet die Unterzeile noch „Die Zeitschrift für Film und Fernsehen“. Für 50 Pfennige geht das erste Heft mit dem Covergirl Marilyn Monroe über die Ladentheke.

Erfinder der Illustrierten waren der Journalist Peter Boenisch und Verleger Helmut Kindler. Boenisch, später „Bild“-Chefredakteur und Regierungssprecher von Helmut Kohl, sah in der Teenager-Zielgruppe nicht nur die Erwachsenen von morgen, sondern auch die Konsumenten der Zukunft. Kindler war schon unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs bei der neugegründeten „Berliner Zeitung“ tätig, in seinem Münchner Verlagshaus „Kindler & Schiermeyer“ erschien dann die „Bravo“.

Kein anderes Magazin bediente die Sehnsüchte und Wünsche der jungen Leute in der Bundesrepublik zeitgemäßer. In den spießigen 1950er Jahren sehnten sich Jugendliche nach Spaß und neuen Werten. Schon bald wurden die Geschichten über Kino und TV auf die populäre Musik ausgedehnt. 1957 berichtete „Bravo“ („Die Zeitschrift mit dem jungen Herzen“) neben James Dean auch über Elvis Presley.

1959 erschien der erste Starschnitt – bei dem man die von Heft zu Heft erscheinenden einzeln auszuschneidenden Teile zusammenfügen musste – mit dem französischen Sexsymbol Brigitte Bardot in Lebensgröße, verteilt auf elf Ausgaben. Sie galt als „ein Weib wie ein Satan“ oder als „Sünderin mit Kinderblick“. Der Idealtyp der jungen Frau blieben aber kokette, häusliche Teenager wie Romy Schneider oder Christine Kaufmann. Im selben Jahr wurde Peter Kraus als deutsches Pendant zu Elvis entdeckt. Der smarte Jüngling und Conny Froboess galten als neues Traumpaar.

Zur Berichterstattung über Stars und Sternchen kam 1962 mit dem „Knigge für Verliebte“ eine Aufklärungsreihe für Jugendliche hinzu. Liebesroman-Autorin Marie Louise Fischer gab unter den Pseudonymen „Dr. Christoph Vollmer“ und „Dr. Kirsten Lindstroem“ Ratschläge in Beziehungsfragen. Daneben wurden ab Mitte der 1960er Jahre Berichte über Pop-Künstler immer wichtiger. 1966 holte die „Bravo“ die Beatles zu einer Blitztournee nach Deutschland. Aber auch wenn Reporter Thomas Beyl mit Elvis, dem eher schüchternen „King of Rock’n’Roll“, eine langjährige Freundschaft verband, stand die Redaktion dieser „Negermusik“ anfangs noch skeptisch gegenüber.

In mehreren Kategorien verlieh das Jugendmagazin den „Otto“: Winnetou-Darsteller Pierre Brice gewann die Trophäe zwölf Mal.

1965 verkaufte Kindler die „Bravo“ mit einer Druckauflage von mehr als einer Million an den Axel-Springer-Konzern. Im August 1968 übernahm der Hamburger Bauer-Verlag die Zeitschrift, der Redaktionssitz blieb aber in München.

Eine der wichtigsten Rubriken entstand im Oktober 1969. Der Autor und Psychotherapeut Dr. Martin Goldstein gab als „Dr. Sommer“ Antworten auf Leserfragen. Zu seinem Team gehörten Psychologen, Gynäkologen sowie Kinder- und Jugendärzte. In der Hochphase gingen wöchentlich zwischen 3000 und 5000 Briefe ein. Dabei zeigte sich eine fast naive Unerfahrenheit: „Kann man durch Badewasser schwanger werden?“, „Kann ich ein Kondom zweimal benutzen?“, „Mein Freund liest Sex-Hefte, soll ich Schluss machen?“, „Werde ich süchtig, wenn ich einen Hasch-Raucher küsse?“.

Aufgrund der Sexualberatung wurden 1972 zwei Ausgaben mit Artikeln zum Thema Selbstbefriedigung indiziert, da man diese als jugendgefährdend einstufte. Hierzu hieß es in einem unfreiwillig komischen Statement der Bundesprüfstelle: „Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane.“

Weitere Indizierungen folgten 1977 und 1984/85. Dennoch blieb die „Bravo“ stets eine Zeitschrift des Massengeschmacks. In den 1970er Jahren nahmen die Blattmacher das Aufkommen von Punk und New Wave eher irritiert zur Kenntnis: „Was sind das bloß für Typen?“, wunderten sie sich 1977 über die Sex Pistols.

Dafür wurde ausführlich über die ESC-Gewinner Abba berichtet. Bei einem Fotoshooting der „Bravo“ hielt jedes Mitglied einen großen Buchstaben vor den Körper und niemandem fiel auf, dass Björn sein „Pappmaché-B“ spiegelverkehrt zeigte. Der Band gefiel der Fehler so gut, dass sie daraus ihr Logo machte. In den 1980ern prägten Nena, Modern Talking und Madonna die Ausgaben. Chefreporter Alex Gernandt war über Jahre hinweg angeblich weltweit der einzige Journalist, der damals Michael Jackson begleiten durfte.

Auch in der DDR war die „Bravo“ äußerst begehrt, für die Staatsführung galt das Jugendmagazin aber als dekadentes Gedankengut aus dem Westen. Dennoch wurde es vom „Kommitee für Unterhaltungskunst“ lückenlos gesammelt, archiviert und ausgewertet. Der Besitz war nicht erlaubt, die Einfuhr streng untersagt. Bei Besuchen im damals befreundeten sozialistischen Ausland wie Bulgarien oder Ungarn wurden unter der Hand für ein Exemplar bis zu 60 Mark gezahlt.

1979 hatte das Magazin seine höchste Druckauflage: 1?830?700 Exemplare. 1996 wurden immer noch etwa 1,4 Millionen Hefte pro Woche verkauft. Zudem erschienen europaweit „Bravo“-Ausgaben, unter anderem in Polen, Rumänien, Russland, Spanien und Portugal.

Doch seit Jahren befindet sich die Auflage der deutschen Ausgabe im freien Fall. Denn über Facebook, Twitter und Co. können sich Teenager online schneller über Stars informieren. Beinahe seltsam mutet es daher an, wenn Chefredakteurin Nadine Nordmann die Abgrenzung zum Netz betont: „Immer up to date zu sein, setzt Jugendliche unter Stress, deshalb sind die Online- und Printausgaben der ,Bravo‘ getrennt.“

Die 2014 gestarteten Sparmaßnahmen – die Illustrierte erscheint statt wöchentlich nur noch alle 14 Tage und Jutta Stiehler, langjährige Leiterin des Dr.-Sommer-Teams, sowie Foto-Chefin Christina Bigl, wurden entlassen – konnten den Niedergang nicht bremsen. Der Leser erhält von „Dr. Sommer“ nun unpersönliche General-Antworten. Und immer häufiger füllen Skandalgeschichten die Seiten, mitunter werden Stars krass runtergemacht. Außerdem geriet die Jugendzeitschrift wegen nicht als Werbung gekennzeichneter Texte und fragwürdiger Mode-Empfehlungen mit rückständigem Frauenbild in die Kritik. Aktuell liegt die verkaufte Auflage noch bei 131?487 Exemplaren – für je 1,95 Euro.

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26.08.2016, 06:00 Uhr
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