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Texte zum Gebrauch und Missbrauch

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia wird zehn Jahre alt

Wer etwas wissen will, schaut in Wikipedia nach. Wer in Google etwas sucht, stößt unter den ersten Treffern meistens auf einen Wikipedia-Artikel. Seit zehn Jahren gibt es die Internet-Enzyklopädie.

12.01.2011

Von EGBERT MANNS

Ulm Wenn Schüler und Studenten schriftliche Hausarbeiten abgeben, sind Lehrer und Dozenten wachsam. Zitate aus anderen Arbeiten sind erlaubt und erwünscht und müssen als Zitat mit Quellenangabe gekennzeichnet sein.

Seit zehn Jahren aber finden immer häufiger ganze Passagen aus der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia Eingang in schriftliche Arbeiten. Ohne dass sie als Quelle angegeben wird. Das Kopieren ist ja so einfach: "Einfach 2 Tastenkombinationen betätigen und auf drucken drücken", wie es jemand unter dem Pseudonym "Hamburghorn" in lässiger Bloggersprache formuliert.

Lehrern und Dozenten bleibt also nichts anderes übrig, als mit der gleichen Waffe zurückzuschlagen: Textpassagen aus der Arbeit kopieren und googeln oder mit speziellen Programmen im Internet suchen. Oft genug wird Wikipedia als Vorlage gefunden.

Selbst wenn die Internet-Enzyklopädie korrekt zitiert und als Quelle angegeben wird, ergibt sich das Qualitäts-Problem. Walter Delabar, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FU Berlin, beklagt in einem Blog: "Wikipedia-Einträge werden von Studierenden als verlässliche Informationsquellen angesehen und zitiert."

Problematisch ist das deshalb, weil Wikipedia eine freie Enzyklopädie ist, in der prinzipiell jeder einen Artikel veröffentlichen kann und in der jeder die Artikel ändern kann. Was von Vorteil ist, wenn kompetente Autoren einander ergänzen oder Neues einfügen. Was aber von Nachteil ist, weil die Identität vieler Autoren gar nicht bekannt ist.

Das führt zu manchen Verwerfungen: Firmen und überhaupt Institutionen passen auf, dass in Artikeln über sie nur das Richtige (Positive) steht. Scherzbolde fügen in Artikel absichtlich Fehler ein. Und manche Artikel veralten einfach.

Ein Beispiel: Um den Artikel "Vereinigtes Apostolat im Geist Mariens" hat sich schon lange keiner mehr gekümmert, der den Verein kannte. "Mitglieder", wie es im Wikipedia-Artikel heißt, hat er nicht gehabt, sondern die ihn tragenden Leute wollten als "Teilnehmer" bezeichnet werden. Von dem, was der Verein vorhatte, steht nichts im Artikel. Und dass es den Verein noch gibt, ist nicht sicher, weil der dazu gehörende Förderverein vor Jahren aufgelöst worden ist. Mit dem Artikel kann keiner etwas anfangen.

Deshalb sind Wikipedia-Informationen nicht verlässlich sicher - das studentische Projekt http://www.wissenschaftliches-arbeiten.org schreibt folgerichtig, dass Wikipedia "nicht als zitierfähige Quelle angesehen werden kann", auch wenn "viele Artikel der Wikipedia eine hohe Qualität aufweisen".

Am Beispiel des Artikels "Dioxin" zeigt der Wikipedia-Autor Friedhelm Greis in einem Artikel der dapd auf, wie das funktioniert: "Von den über eine Million Nutzern, die sich seit 2001 bei der deutschen Wikipedia angemeldet haben, trugen bislang 91 zu dem Dioxin-Artikel bei. Das ermittelt das Internetprojekt Wikiwatch, das die Zuverlässigkeit der Wikipedia-Artikel prüft. Der Dioxin-Beitrag wurde im November 2004 angelegt, seitdem rund 280-mal überarbeitet und mit 72 Fußnoten versehen. Nach Wikiwatch-Kriterien gilt er als ,zuverlässige Quelle, nach Wikipedia-Maßstäben ist er ,lesenswert".

Schüler, Wissenschaftler, Journalisten und wer auch immer etwas wissen will nutzen Wikipedia deshalb häufig zur Erstinformation. Insgesamt schauen laut der ARD/ZDF-Online-Studie von 2009 etwa zwei Drittel der Internetnutzer in Wikipedia nach.

Der Nachrichtenagentur dapd zufolge rangierte wikipedia.org im Dezember 2010 in Deutschland auf Platz 8 und weltweit auf Platz 7 der Liste der populärsten Internetseiten. 1 140 000 registrierte Benutzer gibt Wikipedia für seine deutschsprachige Version an: Erst wer sich registrieren lässt, kann nach vier Tagen mit der Arbeit an Artikeln beginnen.

Nutzerregistrierung ist ein Versuch, Unfug zu verhindern. Ein anderer ist, dass nur Administratoren entscheiden, ob ein neuer Artikel angelegt werden darf, ob ein Thema überhaupt "enzyklopädisch relevant" ist, ob Artikel gelöscht werden. Die derzeit 297 Administratoren sind von der Wikipedia-Community gewählt, das ist die Gemeinschaft der regelmäßigen Mitarbeiter.

Mittlerweile ist Wikipedia in Deutschland gut vernetzt. So hat der bereits zitierte Friedhelm Greis, ein Mitglied im Verein Wikimedia Deutschland, einem Förderverein für Wikipedia, den Artikel für die Nachrichtenagentur dapd schreiben dürfen.

Zwei Drittel der Deutschen schauen regelmäßig in Wikipedia nach. Foto: dpa

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Erstellt:
12. Januar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Januar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2011, 12:00 Uhr

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