Tübinger Kulturnacht am Samstag

Die Innenstadt tanzt, liest, spielt und musiziert

119 Vorstellungen, insgesamt 185 Mal gezeigt, in 1 Nacht, an etwa 70 Orten der Stadt. Wer nicht nur dem Zufall die Regie überlassen will, braucht einen Plan, nach eigenen Neigungen zusammengestellt. Und so macht es unser Modellbesucher am Samstag.

10.05.2012

Von Peter Ertle

Tübingen. Unser Kulturnachtsmodellbesucher streicht erst mal viele Veranstaltungen, die er auch außerhalb der Kulturnacht in Tübingen besuchen kann. Das erleichtert die Auswahl. Er schenkt sich die Eröffnung um 18 Uhr auf dem Marktplatz und geht stattdessen in die Paläontologische Sammlung (Sigwartstraße 10), wo er behauptet, zehn Jahre alt zu sein. Denn um 18 Uhr werden hier Kinder an Saurier, Säbelzahntiger, Höhlenbär und anderen Respekt einflößenden Tieren der Sammlung vorbei geführt.

Schattentänze, Eiertänze

Vielleicht bekennt sich unser Modellbesucher aber doch zu seinem Alter, dann sollte er um diese Uhrzeit lieber zum „Tanzfest für best agers“ ins Gemeindehaus Bachgasse schauen.

Um 19 Uhr geht er ins Stadtmuseum, um sich den neuen Film über Lotte Reiniger anzusehen (auch 22 Uhr). Der Film heißt „Tanz der Schatten“. Ins Programmheft vertieft stößt der Modellbesucher jetzt auf etliche Tänze, die um 19 Uhr beginnen: „Eiertanz auf dem Killesberg“ heißt ein Doppellesungsevent mit schwäbisch-bayrischem Lokalkolorit mit Julie Leuze und Claudia Brendler im Weinhaus Schmid. Zeitgleich gibt es Tänze der Gruppe Malikas, begleitet von Revital Herzog mit orientalischen Märchen und Akkordeon in der Jakobusgemeinde. Und unter dem Titel „gestern – heute – morgen“ zeigt das Tanztheater Tatü auf dem Tübinger Holzmarkt zeitgenössischen Tanz und Theater (auch um 22 Uhr).

Im Brunnen, im Turm

Unser Modellbesucher liebt die kurzen Veranstaltungen und wenn es ihm wo zu lange wird, geht er früher. Man kann ihn verächtlich einen Kulturzapper nennen, aber dafür kann er um 19.45 Uhr bereits zu „Hölderlin in Sprachen der Welt“ im Evangelischen Stift, was er aber nicht macht, weil er so den ganz anderen Zugang zum Tübinger Dichterheiligen verpassen würde, den das Hölderlin-Team bereits um 19.30 Uhr unter dem Titel „Ich werd verrückt – beim Hölder geht?s rund“ im Turm verspricht (auch um 22 Uhr).

Das dauert zwar nur eine halbe Stunde, trotzdem wird?s jetzt knapp zum Kino Löwen, wo um 20 Uhr die Wüste Welle Big Band spielt, ein Spektakel (auch 22.30 Uhr). Andererseits gäbe es auch Dietlinde Ellsässer, die um 20 Uhr in der Buchhandlung Wekenmann Gernhardt, Erhardt und Loriot liest (auch 21 Uhr). Oder auf dem Marktplatz Slammer aus der Region, die sich vom Publikum bewerten lassen. Auch Spektakel-verdächtig. Oder das Studio Literatur&Theater, das um 20 Uhr im Club Voltaire „7 Verabredungen zum Weltuntergang“ trifft (auch 22 Uhr). Oder das gepflegte Geigenspektakel in der Stadtbücherei: 18 strings. Absolut zu empfehlen. Und alles zur Tagesschauzeit.

Hoppla! Jetzt haben wir unseren Modellkulturnachtler im Getümmel verloren und können gar nicht sagen, wofür er sich letztlich entschieden hat. Wir sehen sie – sie ist zwischenzeitlich gleichberechtigungshalber eine Frau geworden – erst wieder um 21 Uhr, auf dem Weg zum Kulturamt, dort werden nun Wortartist Timo Brunke und Cellist Scott Roller eine halbe Stunde lang auftreten (auch 22 und 23 Uhr). Danach lässt sie japanische Teewege, Qi-Gong-Übungen und ähnliches links liegen und steigt stattdessen um 22 Uhr hinab in den Rathauskeller, wo sonst das LTT „Nosferatu“ spielt, diesmal aber der Tübinger Autor Marcus Hammerschmitt die passende Prosa liest, Titel: „Der Keller“. Während der Lesung fällt ihr ein, dass sie jetzt Janne Waglers Abstieg in den Brunnen vor dem Café Hirsch (22 Uhr) verpasst hat. Blöd.

Als unsere Modellkulturnachtlerin um 23 Uhr wieder rauskommt, begrüßt sie noch rasch Gitarrenvirtuose Thomas Maos und Gesangsvirtuosin Silvia Pfändner (bekannt aus „Mei Mutter mag mi net“), die nach Hammerschmitt dran sind und den Keller mit Improvisation bespielen. Aus dem Klo unterm Rathaus dröhnt derweil Elektrosound & Lyrik, die location ist sicher bizarr, sie will jetzt aber lieber Prominenten zuschauen, wie sie im Stadtmuseum Shilouetten von Kulturnachtsgästen schneiden. Boris Palmer ist sicher dabei, auch Hegel und Schelling sind angefragt, ihr Kommen ist noch fraglich.

Gute Fragen, schlechte Fragen

Da unsere Modellbesucherin Brecht&Weill mag und es bis zur Premiere von „Happy End“ am 9. Juni noch hin ist, springt sie um 23.30 Uhr rüber ins Museum, wo das LTT-Produktionsteam Lieder der Aufführung spielen wird. Zur Geisterstunde steht dann beim Taubenhaus eine „Stadtführung mit Gruselfaktor“ auf dem Programm. Aber vermutlich lässt sie die Nacht lieber in der Parkgaststätte beim Stammtisch Unser Huhn ausklingen, wo seit 20 Uhr gute und schlechte Fragen (GF-SF) präsentiert werden.

Das Künstlerensemble „Polidreck“ in der Kulturnacht vor zwei Jahren bei der Geldwäsche am Rathausbrunnen. Sie sind diesmal nicht mit von der Partie, dafür wird der Brunnen vor dem Café Hirsch zum Schauplatz einer Gefängnisbrief-Lesung aus der Tiefe.

Eintrittsbändel für 12 Euro (ermäßigt 7) gibt es am zentralen Stand auf dem Holzmarkt, an vielen Veranstaltungsorten und im Vorverkauf, dem TAGBLATT-Shop oder dem Bürger- und Verkehrsverein, wo auch die Programme ausliegen: Ein ausführliches, nach Orten gegliedert, und ein Flyer, nach Uhrzeiten gestaffelt. Mit beiden ausgerüstet kann man sich ganz gut orientieren. Im Netz findet sich das gesamte Programm unter www.kulturnacht-tuebingen.de

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Erstellt:
10. Mai 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Mai 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2012, 12:00 Uhr

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