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Die Horgenzeller schaffen das
Markus Haller mit Azubi Wasim Haider. Der Flüchtling aus Pakistan wartet auf seine Asyl-Anerkennung. Foto: Alfred Wiedemann
Großbaustelle Integration von Flüchtlingen: Rührige Helfer, fehlende Jobs und ein Bausparvertrag

Die Horgenzeller schaffen das

Idyll zwischen Obstbäumen und Kirchtürmen: Horgenzell im Bodenseehinterland. 5500 Einwohner, über 100 Asylbewerber. Ein Helferkreis kümmert sich.

13.08.2016
  • ALFRED WIEDEMANN

Horgenzell. Im alten Fiat kommt er zur Arbeit. Morgens um sieben, Parkplatz der Firma Haller Raumplanung in Horgenzell-Sattelbach. In Arbeitshosen und Firmenshirt steigt er aus: Wasim Haider, Asylbewerber aus Pakistan. Seit Monatsanfang ist er Parkettleger-Azubi. „Horgenzell ist richtig Heimat für mich“, sagt der 29-Jährige. „Die Kollegen super, die Arbeit, das Leben hier, richtig cool.“

Deutsch hat Haider sich draufgeschafft in den drei Jahren, die er schon da ist. Er kann die Sprache ziemlich gut. 20 Asylbewerber aus Pakistan und Indien sind 2013 in die Gemeinde nach Oberschwaben gekommen, nach Horgenzell und Wilhelmskirch. Ein Helferkreis mit 30, 40 Schaffern hat sie im Alltag unterstützt, Deutschstunden organisiert, Jobs gesucht. Nicht nur Haider hat Arbeit gefunden, alle sind irgendwie untergekommen. Semi als Helfer auf einem Bauernhof, Musa in einer Bäckerei, Kahawar ebenfalls... Jobs beim Maler, in der Küchenmontage, als Aushilfe oder Vollzeit, Hauptsache selbstverdientes Geld. Nur bei einem bleibt unklar, wo er gerade schafft. „Sie wollen ja alle arbeiten“, sagt Sylvia Dorner, für die Freien Wähler im Gemeinderat und seit Beginn im Helferkreis.

Wasim Haider ist jetzt der Erste der 20 mit Ausbildungsplatz. Sein Chef Markus Haller gibt ihm die Chance. Er kennt Haider, hat ihn zwei Jahre als Helfer in seinem Betrieb mit 35 Angestellten: „Am Anfang hat er abends die Werkzeugbezeichnungen gelernt, nach neun Monaten hatte er den Führerschein und nach einem Jahr einen Bausparvertrag.“

„Für unsere Firma ist Wasim ein Geschenk“, sagt Haller. Nachwuchs sei im Handwerk schwer zu bekommen. „Heute zählt nur Studium, wer eine Lehre macht, werde schief angesehen. Er sei gläubig, sagt Haller, und er sei überzeugt, „wenn man Menschen eine Chance gibt, kommt es wieder zurück“. Die Ausbildung soll Haiders Chance sein.

Dabei läuft sein Asylverfahren noch. Aus Pakistan sei er geflüchtet, weil er in Lebensgefahr war: Er sei wegen seiner Freundin zwischen muslimische Sunniten und Schiiten geraten. „Das ist wie Evangelische und Katholiken“, sagt er. Allerdings wie vor 400 Jahren: In Pakistan wird der Streit zwischen schiitischer Minderheit und sunnitischer Mehrheit blutig geführt. „Das wäre der Hammer, wenn Wasim wieder gehen müsste“, sagt Haller. Er hofft, dass sein neuer Azubi Asyl bekommt.

Anderen ist nicht mal recht, wenn sich ein Ausländer für sie krumm macht: Seine Raumausstatter-Firma habe Kunden im „Mittel- und Oberklassebereich“, erzählt Haller. Trotzdem gab es Beschwerden, dass er keinen Ausländer mehr schicken soll. „Im Großen und Ganzen sind die Leute aber in Ordnung“, sagt Haller.

Eine Menge Menschen in Horgenzell und Umgebung ticken richtig: Als vor drei Jahren die Asylbewerber in die Gemeinde kamen, lotste der Helferkreis die Neuankömmlinge durchs neue Leben. „Das hat nicht allen gefallen“, sagt Sylvia Dorner, die bei der Telekom arbeitet. Sie musste sich anhören, dass die Helfer nützliche Idioten seien, die für Bundeskanzlerin Merkel die Arbeit machten. „Aber wichtig ist, dass viele mithelfen. Bis heute.“

5500 Einwohner hat Horgenzell, Kirche, Gesamtschule, fünf Kindergärten, Kinderkrippe. Ravensburg ist zehn Kilometer weg, nach Friedrichshafen sind es 20 Kilometer. Im Bodenseehinterland ist's ruhig und ländlich, Postkartenidyll mit Äpfel-, Birnen- und Kirschbäumen überall.

Die jungen Männer aus Pakistan und Indien blieben nicht die einzigen Asylbewerber: Seit Frühjahr kamen fast 100 weitere aus Afghanistan, Gambia, Kamerun, Iran und Irak. Eine Riesenaufgabe für die Helfer. Die Arbeitsbereiche sind aufgeteilt: Begleiten zu Ämtern und Ärzten, Hilfe beim Papierkram, Räder herrichten, damit die Flüchtlinge die Busfahrkarte sparen können, wenn sie nach Ravensburg auf Behörden oder in den Boxverein gehen. Mittwochs ist Begegnung angesagt – Asylcafé im katholischen Pfarrheim, offen für alle.

Renate Boivin kümmert sich um Arbeit, guckt, was die Flüchtlinge können, was die Firmenchefs wollen. Was für die ersten 20 geklappt hat, sei für die vielen Neuankömmlinge schwierig. Landratsamt und Arbeitsamt helfen zwar, Zuschüsse zum Lohn seien möglich und der Papierkrieg zum Beispiel für ein „Praktikum“ zum Testen nicht so wild. „Einfache Jobs sind aber Mangelware.“ Beispiel Erntehelfer: Das machen schon Rumänen und Polen. Oft überschätzten die Flüchtlinge ihre Kenntnisse, oft fehlt es am Deutsch. „Ein Bauhelfer, der das Werkzeug nicht kennt, geht nicht.“

Das Aneignen von Sprache klappt gut, wenn man Lernerfahrung hat, sagt Maria Ammon, eine der Deutschlehrerinnen. Diese fehlt, wenn man nur fünf Jahre Schule hatte. Mehr Unterstützung für die Helfer wünscht sich Ammon, sie als Lehrerlaie sich etwa einen Pädagogikkurs.

Immerhin: Gegen Langeweile hat eine Aktion geholfen, die Sonja Adler vom Helferkreis organisiert hat: Flüchtlinge ernteten Springkraut ab, das sich in der Natur breitmacht und einheimischen Pflanzen verdrängt.

Klar, es könnten mehr Horgenzeller mitmachen, sagt Roswitha Pohnert, Familienbeauftragte der Gemeinde und auch engagiert, „aber es ist eine Menge passiert und es wird viel gemacht.“ Klar auch, dass es Klippen gibt, auch offene Ablehnung. Sonja Adler ist mit einem Flüchtling aus Gambia aufs Rutenfest, das Ereignis in Ravensburg. An einem Festzelt wurden sie abgewiesen: Der Veranstalter wünsche keine Schwarzen im Zelt, so die Security.

Die Helfer müssen auch mal schräge Vorstellungen von Flüchtlingen geraderücken. Ob es stimmt, dass deutsche Frauen mit jedem Mann anbandelten, wurde Sylvia Dorner schon gefragt. Oder: Die Helfer, meinten viele Flüchtlinge würden für ihren Einsatz bezahlt. „Das kommt nicht von irgendwelchen Merkel-Sprüchen, sondern vom Alltag etwa in Afghanistan: Da versorgen zig Hilfsorganisationen aus Europa die Einheimischen mit Unterricht und Medizin“, sagt Dorner. „Das muss man eben erklären, dass wir nicht einfach acht Stunden am Tag Sprachunterricht geben können, sondern, dass wir das unbezahlt machen, in der Freizeit, fast immer zusätzlich zu Beruf und Familie.“

Auch Wasim Haider hilft im Helferkreis mit. Egal, woher die Flüchtlinge kommen, alle müssten Geduld aufbringen, das falle schwer, sagt er. Und sie müssten Deutsch lernen. „Sonst geht gar nichts.“ Ergebnis offen. Tariq, 25, einer der Flüchtlinge, der 2013 nach Wilhelmskirch gekommen ist, soll zurück nach Pakistan. Der Behördenbescheid kam gerade. „Tariq hat immer gearbeitet“, sagt Haider. Er hofft, dass er der Abschiebung entgeht. Auch einer der Horgenzeller Flüchtlinge aus Afghanistan hat einen Abschiebebescheid erhalten. Andrea Ibele vom Helferkreis war mit ihm beim Anwalt. Den müssen Asylbewerber selber zahlen. Es gehen nur Raten, 50 Euro monatlich – für die Hoffnung auf ein Leben hier.

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13.08.2016, 06:00 Uhr
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