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Versehrte Seelen

Die „Helden“ des Georg Baselitz im Frankfurter Städel

Eine beeindruckende Ausstellung im Städel-Museum: die „Helden“ des Georg Baselitz. Ein Maler zeigt dreckige deutsche Vergangenheit.

30.08.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Frankfurt/Main. Nein, sie stehen nicht auf dem Kopf, diese Helden. Erst 1969 drehte Georg Baselitz seine Motive um 180 Grad, kehrte er seine Malwelt um – und schuf sein Markenzeichen. „Die Helden“ und die „Neuen Typen“ aber blicken den Besucher im Frankfurter Städel direkt an. Und erschüttern: Es sind kräftige Kerle, ja Kolosse, mit kleinem Kopf und fragenden Augen, die Schlimmes gesehen haben müssen; die Männer sind verletzt, versehrt, mutlos, haben einen geschundenen Leib und oft ein schutzlos erigiertes Glied. Sie taumeln in desolater Uniform durch trostlose Landschaft. Heftiger, rauschhaft aggressiver Pinselstrich, schmutzige Farben: „Ich bin ein deutscher Künstler“, sagte Baselitz einmal, „und was ich mache, ist in der deutschen Tradition verwurzelt. Es ist hässlich und expressiv.“

„Vorwärts Wind“ heißt ein Bild: Der männliche Krieger vor einem kahlen, nicht weniger wunden Baumstamm breitet erstarrt in einer Blutlache die Arme aus, als hätte er keine Chance, in die Zukunft zu entkommen, als drückte sie ihn zurück, als fesselte ihn die Vergangenheit. Ein klein hingezeichneter Schubkarren neben dem linken Fuß signalisiert vielleicht: Leichenberge hat er geschoben, dieser einsame Soldat; seine Schuld ist groß. Ein anderer „Held“ geht beinamputiert am Stock, eine offene Hand zeigt eine stigmatisierende Wunde. „Versperrter Maler“ lautet der Titel: Wer da mit großer Last aufbricht, das muss auch der Künstler selbst sein, ein Außenseiter.

Der Ausstellungsbesucher passiert in diversen Sälen eine ganze Horde solcher „Helden“ und verbindet diese Eindrücke in unseren Tagen zunächst auch mit den Psychogrammen von Selbstmordattentätern: kranken Menschen, nur vermeintlichen Helden, verblendeten Tätern. Solche Assoziationen verweisen vielleicht auf die Aktualität dieser Baselitz-Schau, greifen aber natürlich zu kurz. Man staunt dann vielmehr über ein großes, schon 50 Jahre altes „Schlüsselwerk“ eines zornig-selbstbewussten Künstlers, der längst zu den Berühmten gehört.

In einem wilden Schaffensrausch entstanden die „Helden“ und „Neuen Typen“ 1965/1966. Das Städel-Museum präsentiert 70 Gemälde und Arbeiten auf Papier, noch nie war die bedeutende Werkgruppe monografisch gebündelt zu sehen. Baselitz war damals Stipendiat der Villa Romana in Florenz gewesen, hatte in Italien die Kunst des Manierismus studiert: Im 16. Jahrhundert waren dort Vasari, Pontormo, Bronzino und Co. frech angetreten gegen die Etablierten und verzerrten in ihrem sehr persönlichen Stil, so extravagant wie originell, die vertraute Bilderwelt. Gerade erst rückte das Städel diese Italiener in einer „Maniera“-Schau spektakulär ins Licht. Die Baselitz-Helden marschieren passend hinterher, der jetzt nach San Francisco gewechselte Städel-Chef Max Hollein hat sie noch kuratiert.„Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug Ordnungen gesehen“, sagte Baselitz im Jahre 1995.

Seine „Helden“ waren in den sechziger Jahren eine Provokation, verweigerten den unkritischen Optimismus: in einer Zeit erst 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang der NS-Diktatur, als im Wirtschaftswunderland die Aufarbeitung der Vergangenheit noch allgemein störte. 1963 erst hatte der Auschwitz-Prozess in Frankfurt begonnen.

Auch suchte der 1938 geborene Baselitz, der im Osten Berlins nach zwei Semestern wegen „gesellschafspolitischer Unreife“ von der Hochschule geflogen war und dann im Westen Karriere machte in aufgeheizten Sittlichkeitsdebatten und 1963 wegen vermeintlich obszöner Malerei vor Gericht stand, seine Identität als Künstler. Er war selbst ein Außenseiter im ideologischen Streit zwischen „internationaler Abstraktion“ und „sozialistischem Realismus“.

Gerade mal 27 Jahre alt war Baselitz, als er seine „Helden“-Position formulierte, in Berlin dann in monumentaler Ausführlichkeit das Figuren-Personal schuf. Und er forderte damit, wie Hollein im Katalog schreibt, ein Nachdenken heraus: „Sind das Füchtlinge aus dem Gestern, die ihre toten, verwesten, verrohten Länder endlich verlassen wollen, aber nicht können?“

Es war freilich, wie Hollein weiter erklärt, auch der Maler selbst, der über seine eigene Arbeit im Verhältnis zu dieser Gesellschaft reflektierte. Es war ein „Anmalen gegen die Zeit“, und es entstand, so Hollein, ein „künstlerisches Manifest“, ein „Markstein“ der zeitgenössischen Malerei. „Es sind Gestalten, die einhalten, Halt suchen, Haltung suchen – so wie der Künstler selbst in einem damaligen Umfeld.“ Und diese „Helden“ und „Neuen Typen“ des Georg Baselitz tauchen heute nicht auf wie fremde Gespenster, es sind erschreckende Zombies, die niemand verdrängen kann. Zeitgenössische Kunst, auch nach 50 Jahren.

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30.08.2016, 06:00 Uhr
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