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Liebesworte und Rentenangst

Die Gutenachtgeschichte machte am Donnerstag im Bürgerhaus Weiler Station

Die Angst vorm Ruhestand des Ehemanns und Liebesschwüre prägten am Donnerstag die bereits sechsten Gutenachtgeschichten in Weiler. Rund 120 Gäste lauschten Melanie Ulmer, Christian Hörburger und dem Gitarrenduo Marco & Joachim.

20.08.2016
  • Hete Henning

Weiler. Weil’s nachmittags getröpfelt hatte und dunkle Wolken dräuten, hatte der Förderverein Bürgerhaus Weiler den Vorleseabend ins Innere des Gebäudes verlegt. „Ich hoffe, dass es nachher noch fürchterlich regnet“, sagte der Vereinsvorsitzende (und TAGBLATT-Vertriebschef) Egon Ruf und erntete amüsiertes Gelächter. Vergebens: Der Regen blieb aus.

Dass bei der Veranstaltung von Förderverein, SCHWÄBISCHEM TAGBLATT und Buchhandlung Osiander nicht alle Stühle im Bürgerhaus besetzt waren, lag möglicherweise daran, dass diesmal nicht der beliebte Shanty-Chor der Marinekameradschaft Rottenburg sang. Um auch mal was anderes zu bieten, hatte der Förderverein die Gitarristen Marco Colicchio aus Weiler und seinen Kollegen Joachim Kast engagiert. Beide unterrichten an der Musikschule in Reutlingen und hatten spürbar Spaß an den lateinamerikanischen Weisen und Rhythmen, mit denen sie das Publikum unterhielten – sommerliche Musik zum die Beine baumeln lassen, honoriert mit viel Applaus.

Melanie Ulmer, die Vorsitzende des Musikvereins Weiler, nahm als Erste und Einzige Platz im roten Lesesessel, Im Gepäck hatte sie Rosa Schmidts „Mein Mann, der Rentner. Das geheime Tagebuch einer Ehefrau“. Sehr humorvoll geht es darin um die Angst der Erzählerin vor der drohenden Pensionierung des Gatten und der damit einhergehenden Vollzeitehe sowie um Tricks, ihn sinnvoll zu beschäftigen. Ulmer, die im Dettinger Kindergarten als Erzieherin arbeitet, ist als Enddreißigerin eigentlich noch zu jung für das Buch. Sie habe es extra für die schon etwas reiferen Gäste im Bürgerhaus ausgesucht, verriet sie. Die allermeisten Besucher waren übers Verrentungsalter hinaus und angetan von dem, was sie da über Ruhestandsnöte hörten.

Zur Pause gab‘s Weckle mit Käse, Salami und gekochtem Schinken, und das Publikum hatte Gelegenheit, die Spendenhüte mit zu bestücken – 206,10 Euro kamen für den Förderverein zusammen.

Dann Christian Hörburger aus Obernau: Der 71-Jährige Philologe, Autor, Ex-Nachrichtensprecher und Linke-Gemeinderat hatte Liebesbriefe dabei und zog es vor zu stehen: In den Sessel könne man sich reinfläzen, „aber da kommen die Gefühle nicht so schön“. Hörburger las nicht, er inszenierte. Mit französischem Akzent himmelte er als Napoleon seine Josephine an und versprach: „Iesch werde Dir Dein Pferd schicken.“ Er säuselte und flüsterte, er bejubelte als Henriette Vogel den geliebten Heinrich von Kleist als „mein Süßtönender, mein Hyazinthenbeet, mein Wonnemeer“. Er deklamierte einen missratenen Heiratsantrag Friedrich Nietzsches und litt wie ein Hund als Henry Miller. „Wie unglücklich hast Du mich seit unserer Hochzeit gemacht“, schrieb der an seine fünfte Frau Hiroko Tokuda.– Ein gelungener Abend.

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20.08.2016, 01:00 Uhr
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