Tübingen · EU-Wahl

Die Grünen liegen erstmals vorn

Die Grünen feiern, die SPD ist bestürzt und Tübingen hat, weil Claudia Haydt von der Linken es nicht schaffte, keinen Vertreter mehr im EU-Parlament.

27.05.2019

Von ran, an, uja

Drei Wahlen auf einmal: Wähler und Wahlhelfer hatten gestern viel zu tun –hier im neuen Wahllokal im Güterbahnhof-Areal. Bild: Uli Rippmann

Enttäuschung bei SPD und CDU nach den ersten Hochrechnungen über die starken Stimmenverluste der beiden Parteien bei der Europawahl, gemischte Gefühle bei der FDP und der Linken, Jubel bei den Grünen, die ihr Ergebnis von 2014 nahezu verdoppeln konnten: Ähnlich wie bundesweit war gestern am Wahlabend auch die Stimmung bei Parteien und Kandidaten in der Region. Eine Sondersituation gab es nur bei der Linken, deren Kandidatin Claudia Haydt sich Chancen auf ein Mandat ausgerechnet hatte, bei einem Minus ihrer Partei von rund 2 Prozent und dem Verlust von zwei Sitzen dann aber doch nicht zum Zug kam.

Im Trend lag der Wahlkreis Tübingen gestern auch bei der gestiegenen Wahlbeteiligung. In den Wahllokalen gab es vielerorts wegen des großen Andrangs ungewöhnlich lange Wartezeiten. Schon um die Mittagszeit lag die Wahlbeteiligung landesweit um gut fünf Prozent höher als vor fünf Jahren um die selbe Zeit.

Die Grünen sahen ihre Erwartungen sogar noch übertroffen. Klimaschutz und Umwelt – die großen Themen vor der Wahl – brachten viele Wählerstimmen. „Das Ergebnis ist besser, als wir erhofft hatten“, sagte der Grünen-Kandidat Wolfgang G. Wettach. Seine Partei habe „einen Kurs der Eigenständigkeit gefahren“ und sei damit „flügelübergreifend wahrgenommen worden“. Die Auswertung der Wählerwanderung zeige, dass die Grünen von allen Parteien hinzugewonnen hätten. Erfreut registrierte er auch, dass der unerwartete europaweite Stimmenzuwachs jetzt die „Groko“ im Europäischen Parlament beschränke. Die Grünen hätten bereits gezeigt, dass sie auch „länderübergreifend Mehrheiten finden“ können.

Für Claudia Haydt, Kandidatin auf Listenplatz 7 der Linken, herrschte am Wahlabend schnell Klarheit. Hätte ihre Partei ihr bundesweites Wahlergebnis von 2014 von 7,4 Prozent wenigstens annähernd halten können, wäre der Tübingerin ein Mandat wohl sicher gewesen. Doch mit den schon früh am Abend prognostizierten 5,5 Prozent kommt die Linke nur noch auf 5 statt wie bisher 7 Sitze, und Haydt geht leer aus.

Europawahl 2019 in Tübingen. Bild: Uhland 2

Sie verfolgte die ersten Hochrechnungen im Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale der Linken in Berlin. Die Stimmung sei gemischt gewesen, berichtet sie. Einerseits habe bei den Versammelten Freude über den Stimmenzuwachs für die Linke bei der Bremer Bürgerschaftswahl geherrscht. Doch viele seien wegen des Ergebnisses bei der Europawahl deprimiert gewesen. „Es war wenigstens keine Zitterpartie“, sagt Haydt. Der Prozent-Verlust sei für ihre Partei „schon bitter“ – nicht aber für sie selbst. Haydt ist Abgeordneten-Mitarbeiterin und arbeitet als Dozentin an Hochschulen. Sie vermutet, dass „die Zersplitterung des linken Lagers“ in viele kleine, konkurrierende Parteien eine Rolle gespielt hat. Überdies sei es der Linken nicht gelungen, deutlich zu machen, das auch sie Umweltthemen repräsentiere – trotz ihres Engagements im Hambacher Forst. Ihre Partei müsse intern beraten, wie man so etwas besser kommunizieren könne. Dass die Sammlungsbewegung Aufstehen und Sahra Wagenknechts angekündigter Rückzug von der Spitze der Bundestagsfraktion der Linken eine Rolle gespielt haben könnte, glaubt die Tübingerin nicht. „Ich sehe gar nicht, was wir groß falsch gemacht haben“, sagt sie: „Gegen den Trend kann man manchmal nichts machen.“

Der SPD-Kandidat für Südwürttemberg, Dieter Heidtmann, hatte auf einem aussichtslosen Listenplatz kandidiert. Wenigstens ein Ziel sah er erreicht: „Wir wollten eine Pro-Europa-Wahlstimmung erreichen. Das ist gelungen. Und es hat sich gelohnt, diese Zeit für Europa zu investieren.“ Das Ergebnis kommentierte die SPD-Kreisvorsitzende Dorothea Kliche-Behnke: „Ein bitterer Abend für die SPD.“

Europawahl 2019 im Kreis Tübingen. Grafik: Uhland 2

„Zufrieden, aber nicht glücklich“: Das war die erste Reaktion von Christine Jerabek, Kreisvorsitzende der Frauen Union. Ihre Partei musste bundesweit einen Verlust von um die 7,5 Prozent hinnehmen. Zufrieden, weil Norbert Lins, dessen Ersatzkandidatin sie war, dem EU-Parlament weiter angehört – womit Jerabek ihr Hauptziel erreicht hat. Aber nicht glücklich, weil die Landesvorsitzende der Frauen Union, Inge Grässle, ihr seit 2004 gehaltenes Mandat wohl verloren hat.

Selbstverständlich hätte die Rottenburgerin auch gehofft, dass die CDU insgesamt besser abschneidet. Aber die Partei vertrete nun einmal in erster Linie das Thema Wirtschaft und sei konservativ. In den letzten Tagen sei zunehmend der ebenso wichtige Klimaschutz in den Blick geraten. „Ich habe versucht, zwischen den Themen zu vermitteln. Ob ich es geschafft habe, ist die andere Frage“, sagt die Kandidatin aus Rottenburg. Es werde nun intern Diskussionen geben. Aber es helfe nichts, „sich zu verfälschen“.

Auf Platz 125 der Europawahlliste hatte FDP-Kandidat Julian Barazi von Anfang an nie eine Chance auf einen Platz im Parlament. Entsprechend gelassen verfolgte er gestern den Wahlausgang. „Wir können zufrieden sein“, erklärte er dem TAGBLATT, „wir haben die Zahl unserer Sitze fast verdoppelt.“ Er freue sich auch, dass der baden-württembergische Spitzenkandidat Horst Glück es ebenso in das Parlament geschafft habe wie die Vorsitzende der Jungen Liberalen.

Dass die Grünen am Sonntag so punkten konnten, versteht Barazi nicht. „Unser Vorschlag mit den Zertifikaten ist einfach besser für die Umwelt, denn es schafft doppelte Anreize für die Unternehmen.“ Vielleicht habe man die eigenen Ideen aber nicht „stark genug kommunziert“, räumte Barazi ein. Das wolle man beim nächsten Mal besser machen, sagte der Student.

Zum Dossier: Europawahl 2019

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Erstellt:
27. Mai 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Mai 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2019, 01:00 Uhr

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