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Stärkste Motivation für das eigene Unternehmen: Als Chef selbst entscheiden zu können

Die Gründe der Gründer

Existenzgründer bekommen Unterstützung - durch Rat und Tat, sprich Geld. Ob die staatliche Stütze nötig ist und auch passt, hat eine Studie umfassend untersucht. Fazit: Baden-Württemberg fährt gut damit.

14.03.2016
  • HELMUT SCHNEIDER

Stuttgart. Ute Binder aus Vöhringen bei Sulz am Neckar macht Mode aus recycelten PET-Flaschen und Hightech-Fasern. Stojan Dimitrov ist als junger Aussiedler vor 20 Jahren nach Rottweil gekommen und hat jetzt die Firma Moosmann CNC-Fertigungstechnik übernommen, bei der er als Lehrling begonnen hatte. Wsewolod Gornowskij nennt sich selbst den "Geigenarzt" von Tübingen; auch er übernahm die Werkstatt, in der er arbeitete, weil der Inhaber sie verkaufen wollte. Drei Beispiele einer Existenzgründung in Baden-Württemberg. Den dreien gemeinsam ist, dass sie das nötige Geld über einen Förderkredit der L-Bank Baden-Württemberg bekommen hatten.

Existenzgründung - das ist für Ökonomen mehr als nur ein Schlagwort. Am so genannten Gründergeist machen sie die Innovationskraft und Dynamik einer Volkswirtschaft fest. Die staatliche L-Bank wollte es genauer wissen und gab eine breit angelegte Studie in Auftrag. Wie steht Baden-Württemberg gründungsmäßig da? Was sagen die neugebackenen Selbstständigen, was war ihre Motivation? Und was sagen die Ökonomen: Bringt das viele Fördergeld auch volkswirtschaftlichen Mehrwert?

Axel Nawrath, Chef der L-Bank, bringt die 90-seitige Expertise auf diesen Nenner: "Die Ergebnisse machen Mut: Baden-Württembergs Gründer wollen etwas bewegen." Der Drang zu Selbstständigkeit scheint in wirtschaftlich schwierigen Zeiten größer zu sein als in guten. Anders gewendet: Wer einen sicheren Arbeitsplatz hat, sieht wenig Veranlassung, das Risiko einzugehen, eine Firma zu gründen.

Doch die Befragung der Studie kommt zu einem anderen Schluss. Weniger als 6 Prozent der Existenzgründer waren arbeitslos. Für fast zwei Drittel (62 Prozent) stand eine ganz andere Motivation hinter ihrer Entscheidung: der Wunsch, sein eigener Chef zu sein. Selbst entscheiden können beziehungsweise die eigene Geschäftsidee umzusetzen - das sind demnach die beiden zentralen Motive für den Schritt in die Selbstständigkeit. Nawrath sagt: "Gründer müssen nicht, sie wollen gründen und tun dies auch." Jeder Dritte (32 Prozent) nennt zwei weitere Motive: eine innovative Geschäftsidee und/oder die Marktlücke, die man dafür entdeckt hat.

Daran herrscht kein Mangel. Babak Fakor, ein Psychotherapeuth, der 1987 aus dem Iran gekommen war, behandelt in Friedrichshafen junge Frauen mit Essstörungen; Ashkan Yousefi Darani schneidert in Stuttgart Maßanzüge; Stefan Bless, Metzgermeister aus Möhringen, hat den Stuggi-Maultaschen-Konfigurator auf den Markt gebracht - eine Online-Bestellung, bei denen die Kunden ihre Maultaschen selber komponieren können. "Standard ist langweilig", sagt er.

Eine zweite Erkenntnis fördert die Studie ans Tageslicht: Baden-Württemberg ist Spitze. "Kein anderes Bundesland unterstützt Existenzgründer mit einer so großen Fördersumme", sagt L-Bank-Chef Nawrath und verweist auf die 1,7 Mrd. EUR, die er seit 2011 für die Gründer im Land locker gemacht hat. Das schlug auch auf den Arbeitsmarkt durch. Die neuen Selbstständigen schaffen jährlich 3400 Arbeitsplätze. Und sie schaffen Güter für jährlich 165 Mio. EUR an, was sich in einem höheren Sozialprodukt (255 Mio. EUR) vor Ort niederschlägt. Kurz: Existenzgründung bedeutet mehr Wachstum und mehr Wohlstand.

Ein drittes bemerkenswertes Ergebnis wird deutlich beim Blick auf die Branchen, aus denen die Gründer kommen. Mit 28 Prozent der Fälle und auch des Fördervolumens liegt das Gesundheits- und Sozialwesen an der Spitze; Rang zwei mit 18 Prozent der Fälle und mehr als 20 Prozent der Förderung: der Handel; erst auf Platz drei (12 Prozent Fälle/19 Prozent Fördervolumen) folgt das Verarbeitende Gewerbe, also die Branche, in welcher das Ländle bundesweit führend ist.

Existenzgründungen fördern - viertens - auch ein politisches Ziel: die Angleichung der Lebensverhältnisse im Land. Mehr als angenommen fließt das staatliche Fördergeld in ländliche Regionen mit unterdurchschnittlicher Wirtschaftleistung. Das stärkt die Ausgewogenheit zwischen den wirtschaftlichen Ballungsräumen und dem ländlichen Raum.

Bleibt schließlich die Frage, ob die Existenzgründer auch ohne Vater Staats Förderung sich selbstständig gemacht hätten? Die Antwort: Nein, zumindest nicht in diesem Maße. Mehr als die Hälfte geben an, ohne die Stütze gar nicht oder nicht in Baden-Württemberg gegründet (knapp 33 Prozent) beziehungsweise weniger investiert zu haben (25 Prozent).

Professor Friedrich Schneider, der wissenschaftliche Leiter der Gründerstudie, zieht deshalb ein ausgesprochen positives Fazit: Existenzförderung lohne sich, "sie leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung und Erneuerung der Wirtschaft Baden-Württembergs."

Zinsverbilligte Kredite und Bürgschaften

Studie Die Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung wertet 11 500 Förderfälle der L-Bank der Jahre 2011 bis 2014 aus und befragte zusätzlich 300 Gründer in Baden-Württemberg. Erstmals wurden in einer solchen Erhebung auch die volkswirtschaftlichen Wirkungen ermittelt, welche die mit Fördergeld unterstützten Existenzgründungen auslösen.

Förderung Die L-Bank hat ihre Existenzförderung vor fünf Jahren neu strukturiert. Sie bietet dabei zwei Programme an: die „Gründungsfinanzierung“ und die „Startfinanzierung 80“. Bei letzterer bürgt die Bank für 80 Prozent der Darlehenssumme, nimmt also dem Gründer das Risiko ab. Abgesehen davon bedeutet Förderung in der Regel: zinsverbilligte Kredite.

Volumen Beide Programme/Kredite werden immer stärker in Anspruch genommen. Die Zahl der Förderfälle nahm von 2700 auf 3100 im Jahr 2014 zu. Die Gründer investierten 2,5 Mrd. Euro; 1,7 Mrd. Euro nahmen sie an Krediten auf, die staatlich gefördert wurden. Infos im Internet unter www.l-bank.de/gruender sowie unter Telefon 0711-122 2345. hes

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14.03.2016, 08:30 Uhr
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