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Die Gesellschaft oder ich
Katrin Wichmann als Nora am Deutschen Theater. Foto: Arno Declair
Armin Petras neue "Nora" in Berlin

Die Gesellschaft oder ich

"Nora" ist das Schlüsselstück der Frauen-Emanzipation. Ergo aus dem späten 19. Jahrhundert. Das passt dem heutigen deutschen Regietheater nicht in den Kram, wie Armin Petras in Berlin offenbart.

08.12.2015
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Man kann den Ibsen ändern, wenn man ihn ändern kann. Armin Petras hat es krampfhaft versucht und den raffinierten Psycho-Krimi "Nora" aus dem Jahr 1879 ins Hier und Heute genötigt. Das Deutsche Theater in Berlin spult die rohe "Überschreibung" mit dem üblichen Video- und Mikro-Aufwand in 75 Minuten als Horror-Trip vom Scheitern einer nur auf Lug und Trug basierenden Paarbeziehung in herzlosen Banker-Kreisen ab.

Armin Petras ist hauptberuflich offenbar in Stuttgart in seiner Dreifach-Eigenschaft als Schauspiel-Intendant, Regisseur und mit Doppelnamen gleich zweifach auftretender Dramatiker nicht ausgelastet und bringt sich deshalb an seinem früheren Wirkungsort Berlin gern in Erinnerung. Vor 16 Jahren hat er sich in seiner legendären Nordhausener Frühzeit diese Nora schon einmal vorgeknöpft. Jetzt hat ihn das Deutsche Theater beauftragt, das alte Stück zum ewiggültigen Thema, warum Männer und Frauen schlecht zusammenpassen, neu "einzurichten", sprich: umzudichten. Das hört sich grausam an.

Es geht, immer in Stichwort-Kürze, anhand des halbwegs von Ibsen übernommenen Plots um Sex, Geld, Verlustangst, Dokumentenfälschung, Karrieresorgen, Fremdbestimmung und brutale Marktgesetze mit ihrem maßlosen Konsumzwang. Die Kinder des heillosen Ehepaars sind ganz gestrichen. Der sich in der zur Karikatur neigenden Verkörperung von Bernd Moss am liebsten eitel selbstbefragende Torvald drückt das Dilemma so aus: "Ich muss herauskriegen, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich." Recht hat mit ihrem schreienden Unrecht natürlich die Gesellschaft. Leider ist Nora (Katrin Wichmann), diese "doofe Pussy", noch nicht so weit, das zu verstehen, und haut einfach ab. Sie hat die Schnauze voll vom sie lustvoll orgienhaft schmähenden Gatten. Apropos Schnauze: Im Totalkontrast zu Ibsen doziert Petras, eine Plattitüde an die nächste reihend, wann immer es passend erscheint oder auch nicht. Vielleicht ist er schon zu lange in Stuttgart, denn der flapsige Angeber-Jargon, den er seinem haltlos im Nirgendwo und Überall taumelnden Personal angedeihen lässt, ist schon eine ganze Weile nicht mehr up to date in Berlin-Mitte.

Stefan Pucher hat das kongenial inszeniert. Sein Markenzeichen sind x-beliebige Song-Einlagen und der seit Castorf zum Bestandteil jeder deutschen Regietheater-Übung gewordene Einsatz von Video auf rotierender Großbildwand. Die in der Entstehungszeit des Stücks spielenden schwarzweißen Videos sind tatsächlich das Überzeugendste an der ansonsten von allen guten Geistern und nicht zuletzt von Ibsen verlassenen Aufführung: Rückblendenhaft wird so, verschachtelt und verschnitten, die Fallhöhe spürbar, die zwischen der schludrig rabiaten Vulgär-Vergegenwärtigung eines symptomatischen Ehe-Scheiterns und der himmelweit feineren Originalversion besteht. Rien ne va plus. Oder "live is live", wie die Überschrift des Programmheftbeitrags von Armin Petras resümiert.

Info Am Schauspiel Stuttgart feiert Armin Petras nächste Regiearbeit am Freitag Premiere: "Der Sturm".

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08.12.2015, 08:30 Uhr
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