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Ein Pulver gegen dicke Hälse

Die Geschichte der Homöopathie und ihr Begründer Samuel Hahnemann

Ähnliches mit Ähnlichem heilen: Das Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung im Stuttgarter Osten widmet sich der Homöopathie und ihrem Begründer Samuel Hahnemann.

09.11.2011
  • ELKE HAUPTMANN

Stuttgart Am Anfang stand eine Sammlung zur Geschichte der Homöopathie - die weltweit bedeutendste ihrer Art. Untergebracht ist sie heute in einer unscheinbaren Villa im Stuttgarter Osten, dem ehemaligen Wohnhaus von Margarete Bosch. Die zweite Frau von Robert Bosch hatte das kleine Haus, das nach dem Zweiten Weltkrieg für sie in unmittelbarer Nachbarschaft zur großen Villa errichtet worden war, bis zu ihrem Tod im Jahre 1979 bewohnt. Zwei Jahre später wurde dort das noch junge Institut für Geschichte der Medizin (IGM) der Robert-Bosch-Stiftung eingerichtet.

Der Institutssitz verdeutlicht nicht nur räumliche Nähe zum berühmten Unternehmer: Die einzige außeruniversitäre Forschungseinrichtung in der Bundesrepublik verdankt ihre Entstehung dem starken Interesse Robert Boschs an der Geschichte des Gesundheitswesens im Allgemeinen und an der Homöopathie im Besonderen. Er, der bereits als Kind alternativ behandelt wurde, hatte in den 1920er-Jahren den Nachlass des Begründers der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755-1843), erworben. Es war Boschs erklärter Wunsch, diesen öffentlich auszustellen, doch wegen des Krieges kam es nicht mehr zum geplanten Bau eines "Paracelsus-Museums für Geschichte der Heilkunst". Später war die Sammlung der medizinhistorischen Forschungsstelle des Robert-Bosch-Krankenhauses zugeordnet - bis sie schließlich im Straußweg 17 ein eigenes Domizil erhielt.

Es ist ein Sammelsurium an Büchern, Objekten und Kuriositäten, über das Institutsleiter Robert Jütte wacht. "Ein einmaliger Schatz", sagt er und geht lächelnd an den Spanischen Fliegen vorbei, die gleich am Eingang hinter Glas liegen. Nebenan, im ehemaligen Wohnzimmer der Witwe Boschs, lagern alte Haus- und Reiseapotheken im Buchformat sowie Schächtelchen mit skurrilem Inhalt wie beispielsweise das "Pulver gegen dicke Hälse".

Daneben befinden sich in den Vitrinen auch Devotionalien - eine Haarlocke Hahnemanns, einige seiner Arbeitsgeräte und die "Bibel der Homöopathie", sein 1810 veröffentlichtes "Organon". Dort verzeichnete der im sächsischen Meißen geborene Arzt alle Symptome, die ein Stoff bei gesunden Menschen hervorrufen kann. Auf diesen Erkenntnissen basiert die Lehre: Hahnemann glaubte, dass sich eine Krankheit mit einem Wirkstoff bekämpfen lässt, der bei Gesunden Symptome hervorruft, die denen der Krankheit ähneln. "Ähnliches mit Ähnlichem heilen" nannte er 1796 dieses Prinzip. Hahnemann erforschte akribisch die Wirkung von Arzneistoffen - immerhin mehr als 2000 pflanzliche, mineralische und tierische Arzneistoffe kennt die Heilmethode.

Jütte öffnet einen Apothekerschrank und hält ein Fläschchen Arsen in die Luft. Eine Minidosis genügt, das Zeitliche zu segnen. Doch die millionenfache Verdünnung der hochgiftigen Substanz soll Krankheiten heilen. Jütte weiß um die Kritik an dieser Heilmethode, deren Wirksamkeit umstritten ist. Um ihren Fortbestand aber macht er sich keine Sorgen: "Die Homöopathie hat 200 Jahre überlebt, allen Angriffen zum Trotz." Und derzeit gewinne sie wieder an Schwung, vor allem in Indien und Lateinamerika.

Mit Vorurteilen aufzuräumen und die Hintergründe der Homöopathie zu beleuchten, haben sich Professor Jütte und seine Mitarbeiter auf die Fahnen geschrieben. Sein Team organisiert Tagungen und Fortbildungen, veröffentlicht jedes Jahr dutzende Publikationen und bietet interessierten Laien drei Mal im Jahr im Stuttgarter Rathaus Vorträge an. Diese locken regelmäßig gut 400 Zuhörer, berichtet Jütte stolz. "Medizingeschichte ist einfach spannend, weil Heilkunst mehr ist als eine reine Naturwissenschaft", meint der Historiker. Ein zweiter Forschungsschwerpunkt des Instituts ist daher die Sozialgeschichte der Medizin.

Vor allem im 19. Jahrhundert stieß die Homöopathie auf breites öffentliches Interesse. Nicht zuletzt hat die Behandlung berühmter Personen - von der Dichterin Annette Droste-Hülshoff bis hin zum "Teufelsgeiger" Niccolo Paganini - die Neugier auf diese Heilmethode geweckt. So gehören auch 5500 Patientenbriefe, die kränkelnde Menschen Hahnemann geschrieben haben, zur Sammlung. Durch sie, so Jütte, könne man nachvollziehen, wie der Schulmediziner dereinst zu seinen Erkenntnissen kam. Auch die Rezepturen für die wundersamen weißen Kügelchen, Globuli genannt, lagern wohlbehütet im Keller des Hauses - ebenso Hunderte Krankenjournale und Schriften von homöopathischen Ärzten. Die Bibliothek des Instituts mit ihren rund 30 000 Monographien und Zeitschriften ist einzigartig. "Nutzer aus der ganzen Welt leihen hier Bücher aus", so Jütte.

Info Die Sammlung des Instituts kann besichtigt werden, jedoch nur von Gruppen und nach vorheriger Anmeldung. Weitere Informationen gibt es im Internet unter http://www.igm-bosch.de

Die Geschichte der Homöopathie und ihr Begründer Samuel Hahnemann
Institutsleiter Robert Jütte steht vor einem Porträt des Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann. Foto: Elke Hauptmann

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09.11.2011, 12:00 Uhr
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