Medien

„Tausend Zeilen“: Die Frage nach der Quelle

Regisseur Michael „Bully“ Herbig nimmt sich mit „Tausend Zeilen“ den Fälschungsskandal beim „Spiegel“ um in Teilen ausgedachte Reportagen vor.

29.09.2022

Von Von Julia Kilian, dpa

Der Fälscher: Jonas Nay als Lars Bogenius in einer Szene des Filmes „Tausend Zeilen“   Foto: Marco Nagel/Warner Bros./dpa

Der Fälscher: Jonas Nay als Lars Bogenius in einer Szene des Filmes „Tausend Zeilen“ Foto: Marco Nagel/Warner Bros./dpa

Hamburg. Als der „Spiegel“ vor fast vier Jahren einen Fälschungsskandal in den eigenen Reihen öffentlich machte, ging die Nachricht um die Welt. Für seine Reportagen hatte Claas Relotius Szenen, Ereignisse, ganze Existenzen erfunden. Sein Kollege Juan Moreno deckte den Fall schließlich auf. Liest man heute noch einmal Details zu der Geschichte nach, wird einem klar, dass das ziemlich guter Filmstoff sein kann.

Nun macht guter Filmstoff alleine noch keinen guten Film. Regisseur Michael „Bully“ Herbig hat man lange mit der „Bullyparade“ oder Filmen wie „Der Schuh des Manitu“ verbunden. Er hat aber auch mit dem Drama „Ballon“ gezeigt, dass er historische Ereignisse so erzählen kann, dass sie im Kopf bleiben.

Jetzt also ein Fälschungsskandal im Medienbetrieb. Herbig hat sich am Buch von Moreno orientiert und sich beim Erzählen dabei nach eigenen Angaben auch ein paar Freiheiten genommen. Das Buch, das 2019 erschien, trägt den Titel „Tausend Zeilen Lüge“. Der Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt, heißt „Tausend Zeilen“.

Eine erste Herausforderung, die bei solchen Verfilmungen auftaucht, wurde ganz gut gelöst: Wie besetzt man die Rollen? Im Film spielt Elyas M’Barek einen Reporter namens Juan Romero. Er schreibt für die „Chronik“ – die „Avantgarde des deutschen Journalismus“, wie es jemand in der Redaktion ausdrückt. Während einer Recherche in Mexiko bekommt Romero den Auftrag, eine gemeinsame Geschichte mit seinem Kollegen Lars Bogenius zu verfassen.

Dieser Lars Bogenius ist ein schlanker Typ, mit blonden Haaren und einer vermeintlich bescheidenen Art. Zu anderen Menschen scheint er ausgesprochen lieb zu sein. Einem Kollegen, der fürs Faktenchecken zuständig ist, bringt er Gebäck mit. Er kümmert sich um seine kranke Schwester, behauptet er zumindest. Und gewinnt für seine Reportagen gleich mehrere Preise. Gespielt wird Bogenius vom Schauspieler Jonas Nay („Deutschland 86“).

Weil ihm die Geschichten des Kollegen zu perfekt vorkommen, wird Romero schließlich misstrauisch. Er beginnt zu recherchieren und stellt dafür auch sein Privatleben mit Frau und vier Töchtern zurück. Die Handlung spielt unter anderem zwischen Hamburg, Berlin und Los Angeles. Und Kabarettist Kurt Krömer taucht in einer wunderbaren Nebenrolle als Berliner Busfahrer auf.

Erzählt wird die Geschichte ein wenig im Stil von Filmen wie „The Big Short“. Schnell und mit etlichen Pointen. Anfangs kann sich das etwas ruckelig anfühlen, aber der Film wird recht schnell spannend. „Tausend Zeilen“ lässt sich auch gar nicht so leicht einem üblichen Genre zuordnen.

Der Film erinnert einen auch daran, dass Journalismus nicht eine perfekte Story bedeutet. Realität, sofern man sie zwischenmenschlich zu beschreiben versucht, ist nun mal komplizierter als eine gute Geschichte. Der Film blickt auch satirisch auf den Medienbetrieb, wird aber nicht zur pauschalen Medienschelte. „Es war nicht der Journalismus, der gelogen hat“, heißt es am Ende in einer Szene. Sondern der Journalismus sei belogen worden. Und nur der Journalismus habe genau das aufdecken können.

Eines löst der Film jedoch nicht ein, was man zu gern erfahren hätte: was einen Hochstapler wie Bogenius antreibt. Und wie es kommt, dass ausgerechnet ein seriöses Magazin dessen schamloses Treiben nicht schon viel früher durchschaut hat. dpa/kna

„Tausend Zeilen“, Deutschland 2022, 93 Min., FSK ab 12 Jahren, von Michael „Bully“ Herbig, mit Elyas M’Barek, Jonas Nay, Marie Burchard, Michael Ostrowski und Jörg Hartmann

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Erstellt:
29.09.2022, 06:00 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 42sec
zuletzt aktualisiert: 29.09.2022, 06:00 Uhr

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