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Leben nach Tschernobyl

Die Fotografin Hermine Oberück reist seit fast 20 Jahren in radioaktiv verstrahlte Gebiete

Wie Menschen noch 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit den Folgen kämpfen, dokumentiert Fotografin Hermine Oberück.

20.04.2011

Von HOLGER SPIERIG, EPD

Bielefeld Die Bedrohung schmeckt nach Eisen. "Wenn Sie ein paar Tage in der verstrahlten Region unterwegs sind, haben Sie einen metallischen Geschmack im Mund", erzählt die Fotojournalistin Hermine Oberück. Seit fast 20 Jahren reist die Bielefelderin mit ihrer Kamera immer wieder in das radioaktiv verseuchte Gebiet um Tschernobyl, wo sich am 26. April 1986 die bislang verheerendste Kernreaktorkatastrophe ereignete. Mit ihren Bildern wolle sie vor einer Technik warnen, die nicht beherrschbar ist, sagt sie auch mit Blick auf die Atomkatastrophe in Japan.

Oftmals unternahm die Fotografin, die auch für den "Spiegel" und die "Zeit" arbeitet, ihre Reportagereisen, ohne einen Auftrag in der Tasche zu haben. Entstanden sind dabei Bilder von einer beeindruckenden Intensität, die die 60-Jährige jetzt in einem Fotoband "Leben nach Tschernobyl" zusammengestellt hat. Ihre Aufnahmen zeichnen sich durch einen aufmerksamen Blick aus, der nie in Voyeurismus abgleitet.

Der Auslöser für Oberücks Engagement war eine Friedensfahrt 1991 nach Minsk. Sie sprach mit Dorfbewohnern, die trotz hoher Strahlenbelastung weiter in ihrer Heimat leben wollen. Sie besuchte junge Frauen, die in der Geburtsklinik bangten, ob ihr Kind mit Strahlenschäden auf die Welt kommt. Und sie schaute sich Hilfsprojekte für die Menschen in den gefährdeten Gebieten an.

Noch immer erkranken in diesen Regionen deutlich mehr Menschen an Krebs als anderswo. Alte Menschen hätten dabei oftmals noch eine relativ lange Lebenserwartung, "aber die Kinder sind sehr viel bedrohter". Sie bekämen ständig Infekte, weil sie ein schlechtes Immunsystem haben.

Obwohl Oberück immer wieder in der Region zu Besuch ist, kann sie sich an manche Eindrücke immer noch nicht gewöhnen. So sei es in der weißrussischen Hauptstadt Minsk ganz normal, dass die Menschen, die an den Straßen Äpfel oder Pilze verkaufen, eine Bescheinigung über den Verstrahlungsgrad der Waren auslegen müssen.

"Lange schien das Thema Tschernobyl nur noch unter langjährigen Anti-Atomkraft-Aktivisten eine Rolle zu spielen. "Viele junge Menschen wissen kaum noch etwas über Tschernobyl", stellte die Fotografin immer wieder fest. Die Katastrophe in Japan hat die Situation nun komplett verändert. Dass Risiken der Atomkraft jetzt in Politik und Gesellschaft offen debattiert werden, bewertet sie positiv.

In ihrem Buch hat sie den Motiven aus Tschernobyl Bilder von Protesten gegen das Atomkraftwerk in Brokdorf gegenüber gestellt. Für das Buch, das bislang nur über das Internet zu beziehen ist, hat sie inzwischen die Hoffnung, einen Verlag zu finden, der es in die Buchläden bringt. Auch plant sie Ausstellungen.

Für Fotografen sei es immer schwerer, die atomare Bedrohung im Gebiet um Tschernobyl darzustellen, erzählt Oberück. "Irgendwann wird man nur noch romantische Landschaften sehen", vermutet sie. Doch der metallische Geschmack im Mund bleibt.

Das Porträt eines krebskranken Mädchens im Krankenhaus Minsk stammt aus Hermine Oberücks Bildband.

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Erstellt:
20. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. April 2011, 12:00 Uhr

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