Literatur

Die Finalisten der Mittelstrecke

Kein Titel hat mehr als 290 Seiten: Die sehr unterschiedlichen Romane der Shortlist laden zum schnellen Kennenlernen ein. Und wer sind die Favoriten auf den Sieg?

16.09.2020

Von JÜRGEN KANOLD

Die Romane der Shortlist. Foto: Montage: Scherer

Frankfurt/Main. Für abwechslungsreiche Lektüre sorgt die Jury des Deutschen Buchpreises in diesem Jahr. Niemand muss sich durch Wälzer kämpfen. Diese Auszeichnung wird gewissermaßen auf der Mittelstrecke vergeben: Alle sechs Romane der jetzt verkündeten Shortlist bleiben unter der 300-Seiten-Marke. Das große Werk? Uwe Tellkamp gewann 2008 mit dem knapp 1000 Seiten dicken „Turm“, Frank Witzel, der Sieger 2015, beschäftigte die Leser nicht nur mit einem langen Titel, sondern auch 817 Seiten: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“.

Dünn muss die Qualität der von einer siebenköpfigen Jury gesichteten insgesamt 206 Titel deshalb nicht sein. Und ein Epos findet sich ja trotzdem im Finale: Anne Webers Lebenserzählung der 96-jährigen Anne Beaumanoir mit dem entsprechenden Titel: „Annette, ein Heldinnenepos“. Seitenzahlen sind kein Kriterium, aber der beste Roman des Jahres sollte schon prämiert werden, und Robert Seethalers Bestseller „Der letzte Satz“, der es noch auf die Longlist geschafft hatte, ist zwar feine Literatur, aber eigentlich nur eine kurze Erzählung.

Die Favoriten der vielfältigen bis disparaten Auswahl? Bov Bjergs Roman „Serpentinen“, schon im Januar erschienen, hat ein überwältigendes Kritiker-Echo geerntet. Eine düstere Vater-Sohn-Geschichte aus dem Schwäbischen, der „Auerhaus“-Autor aus Heiningen tritt sprachlich virtuos als Ich-Erzähler auf, der als Kind mitansehen musste, wie sich sein Vater umbrachte. Suizid als Familienfluch. Und aktuell gefeiert: Thomas Hettches „Herzfaden“, ein Roman über die Augsburger Puppenkiste. TV-Großkritiker Denis Scheck erkühnte sich von einem „Triumph der Literatur“ zu sprechen, auch verhandelt der Roman deutsche Geschichte, was beim Deutschen Buchpreis immer gut ankommt. Aber eigentlich liefert Hettche nur eine unterhaltende, relativ berechenbare Romankonstruktion.

Andererseits: Vier Frauen stehen mit ihren Büchern auf der Shortlist, und im vergangenen Jahr gewann Saša Stanišic. Quotendenken hilft aber auch nicht weiter. Dorothee Elmigers Roman „Aus der Zuckerfabrik“ ist vielleicht zu experimentell, Deniz Ohdes „Streulicht“ ein Debüt. Einen zwingenden Favoriten, eine zwangsläufige Favoritin gibt es nicht. Und wie jedes Jahr steht die Jury in der Kritik – warum ist kein Literat mit ostdeutscher Vergangenheit dabei, warum etwa stand Lutz Seilers Roman „Stern 111“ noch nicht mal auf der Longlist? Weil er den Preis der Leipziger Buchmesse schon gewann?

Für die Buchbranche aber ist der Deutsche Buchpreis, dessen Verleihung am 12. Oktober wegen Corona in Frankfurt nur per Stream im Internet zu erleben sein wird, als Werbefaktor so wichtig wie nie. Denn die anschließende Buchmesse fällt als Live-Ereignis für die Massen weg.

Im Finale: Der in Heiningen geborene Bov Bjerg. Foto: Jens Kalaene/dpa

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Erstellt:
16. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. September 2020, 06:00 Uhr

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