Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Drei Wege zum Abitur

Die Einrichtung neuer Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen ist weiter umstritten

Vordergründig geht es bei der Frage um neue Oberstufen an Gemeinschaftsschulen nur um wenige Fälle, doch dahinter steht die Frage nach der Zukunft der „Schule für alle“.

01.04.2018

Von Axel Habermehl

Wie weiter zum Abi? Nur zwei Gemeinschaftsschulen haben bisher eine Oberstufe. Foto: Deniz Calagan/dpa

„Tricksersei“, „Stimmungsmache“, „Neiddebatte“: Während letzte Woche landesweit Eltern von Viertklässlern ihre Kinder an weiterführenden Schulen anmeldeten, entbrannte eine öffentliche Diskussion über die Oberstufen an Gemeinschaftsschulen. Die Fronten scheinen verhärtet: Während Befürworter im Ausbau der Schulart bis zum Abitur die Vollendung der „Schule für alle“ sehen, kritisieren Gegner das als unnötige Doppelstruktur und Konkurrenz für berufliche Schulen und Gymnasien. Was steckt hinter dem Streit? Einige Fragen und Antworten:

Worum geht es? An Gemeinschaftsschulen sollen Kinder aller Leistungsstufen zusammen lernen. Unterricht, so das Konzept, findet in gemischten Klassen auf Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialniveau statt. Die ersten Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg wurden 2012 eingerichtet. Nun stehen die ersten Jahrgänge am Ende der 10. Klasse vor dem Realschulabschluss. Absolventen, die das Abitur anstreben, müssen entscheiden, wie sie weitermachen.

Welche Möglichkeiten haben sie? In der Regel müssen Gemeinschaftsschüler nach Klasse 10 die Schule wechseln, um die Oberstufe zu besuchen: Entweder sie gehen auf ein berufliches oder auf ein allgemeinbildendes Gymnasium. In beiden Fällen dauert ihre Oberstufe drei Jahre. Die dritte Möglichkeit: Sie besuchen eine Gemeinschaftsschule mit Oberstufe. Auch dort führt der Weg in drei Jahren zum Abitur. Doch das geht bisher nur an zwei der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land: in Konstanz und Tübingen.

Warum nur so wenige? Weil die Hürden hoch sind. Will eine Gemeinschaftsschule eine Oberstufe einrichten, muss ihr Schulträger das beantragen. Damit die Schulaufsicht es genehmigt, müssen gewisse Anforderungen erfüllt sein.

Grafik: SWP

Welche Anforderungen sind das? Es muss ein „öffentliches Bedürfnis“ geben. Insbesondere bedeutet das, dass für Klasse 11 langfristig mindestens 60 Schüler erwartet werden. Das schafft fast keine Gemeinschaftsschule aus ihrer eigenen Schülerschaft. Der Schulträger kann aber, um die Prognose-Kriterien zu erfüllen, Kinder umliegender Schulen unter bestimmten Voraussetzungen und zu festen Quoten mit einrechnen: So zählen zum Beispiel eigene Schüler, die in Klasse 9 auf Gymnasialniveau lernen, zu 85-95 Prozent, weil man davon ausgeht, dass einige doch von der Schule abgehen. Schüler umliegender Realschulen können zu 5-15 Prozent eingerechnet werden, weil erfahrungsgemäß immer einige das Abitur anstreben.

Was ist mit Kindern aus Nachbargemeinden? Sie können ebenfalls in die Prognose-Rechnung einbezogen werden, allerdings unter einer Voraussetzung: Ihre Heimatgemeinden müssen „öffentlich-rechtliche Vereinbarungen“ unterschreiben. Darin sichern sie zu, künftig nicht selbst eine Gemeinschaftsschul-Oberstufe anzubieten.

Wer kritisiert dieses System? Eigentlich alle – aber aus unterschiedlichen Motiven. Befürworter der Gemeinschaftsschule wünschen sich mehr eigene Oberstufen. Sie sehen darin eine Voraussetzung dafür, dass mehr leistungsstarke Kinder kommen. Denn viele Eltern wollen, dass ihr Kind Abi macht. Eine Schulart, die keinen bruchlosen Weg dorthin anbietet, könnte weniger attraktiv erscheinen. Kritiker dagegen wollen lieber keine Gemeinschaftsschul-Oberstufen. Berufliche und allgemein bildende Gymnasien sehen darin eine unnötige Doppelstruktur. Gemeinschaftsschüler könnten ja dort Abi machen. Der Realschullehrerverband kritisiert die Prognose-Rechnungen gar als „Trickserei“.

Für wen kommt das überhaupt in Frage? Genau weiß man das nicht. Es hängt davon ab, wie viele Gemeinschaftsschüler im Sommer gute Realschulabschlüsse ablegen, beziehungsweise jetzt schon auf Gymnasialniveau lernen. Wenn Gemeinschaftsschüler auf die Oberstufe wollen, müssen sie entweder den Realschulabschluss mit entsprechenden Noten schaffen (in zwei der Fächer Deutsch, Mathematik und in einer Pflichtfremdsprache mindestens die Note „gut“ und im dritten dieser Fächer mindestens die Note „befriedigend“ sowie in allen versetzungsrelevanten Fächern mindestens ein Durchschnitt von 3,0), oder die Versetzung auf Gymnasialniveau in Klasse 10. Dafür müssen sie in Klasse 10 durchgehend auf Gymnasialniveau gelernt haben. Wie viele das sind, wird nicht landesweit erhoben.

Zum Artikel

Erstellt:
1. April 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
1. April 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. April 2018, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+