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Fußball

Die Dunkelziffer ist hoch

In den letzten fünf Jahren haben die Angriffe auf Schiedsrichterinnen zugenommen. Doch nur die wenigsten melden die Vorfälle.

15.11.2019

Von VON HANSJÖRG LÖSEL

Seltenes Bild: Tätliche Übergriffe auf Schiedsrichter sind die Ausnahme. Foto: Imago Stock&People

Tübingen. Alle Jahre wieder: Wenn die Blätter fallen, wird es rauer auf den Fußball-Plätzen im Land. „Jeden Spätherbst registrieren wir eine Zunahme der Spielabbrüche, genau wie bei Trainer-Entlassungen und Fan-Krawallen“, sagt Thaya Vester. Die Soziologin und Juristin an der Universität Tübingen forscht zum Thema Gewalt gegen Unparteiische im Amateurfußball. Und hat mit ihrer soeben erschienenen Dissertation „Zielscheibe Schiedsrichter – immer noch?!“ die erste Langzeitstudie zum Sicherheitsgefühl von Unparteiischen vorgelegt.

Bereits in der Saison 2011/2012 hatte die 37-Jährige alle Unparteiischen im Württembergischen Fußballverband befragt und wiederholte diese Befragung mit identischer Methode für die Spielzeit 2016/17 in allen 40 Schiedsrichter-Gruppen des WFV. Ihr Fazit erstaunt all jene, die eine Verrohung und Brutalisierung in den letzten Spielzeiten erkennen wollen: „Die Schiedsrichter berichten von derselben Belastung wie vor fünf Jahren“, sagte Vester, weder bezüglich des Sicherheitsgefühls noch der Opferwerdung waren signifikante Veränderungen festzustellen.

„Schiedsrichter sind eine sehr selektive Gruppe, die halten echt viel aus“, sagte Vesters Doktorvater Ansgar Thiel bei der Vorstellung der Studie in der Stuttgarter WFV-Geschäftsstelle. Auch in der aktuellen Saison hat der WFV keine radikalen Veränderungen auf seinen Sportplätzen registriert. „Wir haben bei insgesamt rund 40 000 Partien 23 Spielabbrüche, das entspricht dem Stand der Vorjahre“, sagt Pressesprecher Heiner Baumeister. Einen Unterschied hat Vester aber doch erkannt: „Frauen berichten deutlich häufiger von Diskriminierungen“, sagt die Wissenschaftlerin, „Schiedsrichterinnen bekommen deutlich mehr ab, melden aber viele Vorfälle gar nicht – vielleicht neigen Frauen eher dazu, den Fehler bei sich zu suchen.“ Die Dunkelziffer ist hoch.

Auch Serafina Guidara aus Kirchheim/Teck hat sich als Unparteiische auf dem Platz so manches anhören müssen. „Die soll doch wieder in die Küche“, habe sie überhört, nach einer sexuellen Beleidigung aber eine Meldung ans Sportgericht gemacht. „Danach habe ich eine kleine Pause gebraucht, aber viel Unterstützung von anderen Schiedsrichtern und vom WFV bekommen“, sagt Guidara.

Inzwischen pfeift sie wieder regelmäßig, „weil ich es liebe!“ Der Verband habe bei der Gewaltprävention viel unternommen, sagt Vester, die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Beleidigungen sei aber noch zu hoch. „Der Verband muss ein Klima schaffen, dass Frauen auch wirklich jeden Vorfall melden.“ Dann bleiben Schiedsrichterinnen möglicherweise auch länger dabei: Im Schnitt geben Frauen nach 5 Jahren die Pfeife wieder ab, bei Männern sind es 16 Jahre.

Studie soll fortgeführt werden

Der badische Verband, berichtete DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann (Heidelberg), führte deshalb vor acht Jahren eine „Lob-und-Tadel-Box“ für Schiedsrichter ein. Mit dem Ziel, präventiv mögliche Gewalttäter zu erkennen. Das Problem: Es gab seit der Einführung gerade einmal zehn Rückmeldungen.

Vester, Mitglied der Arbeitsgruppe „Fairplay und Gewaltprävention“ des Deutschen Fußball-Bundes will bei ihrer Langzeitstudie am Ball bleiben und in fünf Jahren die Unparteiischen erneut befragen. „Es wäre Verschwendung, wenn man das nicht fortführen würde“, sagte die 37-Jährige.

Dr. Thaya Vester forscht zu Gewalt gegen Schiedsrichter. Foto: Universität Tübingen

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Erstellt:
15. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
15. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. November 2019, 06:00 Uhr

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