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Der Laden von Hans Herb wird ausgeräumt

Die Drogerie als Grabungsort

Bis Ende September soll die Herbsche Drogerie in Tübingen geräumt sein. Sechs Monate nach dem Tod von Hans Herb wird sein Sammelsurium in der Tübinger Kirchgasse aufgelöst, das renovierungsbedürftige Altstadthaus soll verkauft werden.

09.09.2009
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Mit der Ladentür zur „Felsendrogerie“ öffnet sich eine andere Welt. Genauer besehen sind es mehrere Welten, verschiedene Zeiten und Staubschichten aus diversen Epochen. Der Laden ist wie eine Grabungsstätte zur Drogisten- und Familienhistorie. (Schön zu sehen in den Panorama-Rundum-Ansichten von Martin Möck auf http://www.panoramaplanet.de/herbindex.htm)

1878 war das Unternehmen von Otto Kappis als Drogerie gegründet worden. Um die Jahrhundertwende hatte Jakob Müller sie übernommen und zur Kolonialwarenhandlung ausgebaut. In Tübingen sprach man damals nur vom „Kappis-Müller“. Der „Kappis-Müller“ lag in der Neckargasse, am Fuß der Stiftskirchentreppe.

Nach Schwiegersohn Eugen Herb wurde Hans Herb Chef der Familienbetriebs. Seit Jahren existiert diese Spezialhandlung für den speziellen Bedarf schon als eine liebenswert historische Unternehmung, die nahezu ehrenamtlich die Rolle eines Privatmuseums spielte und dies mit Bravour meisterte.

Jedenfalls entsprach der Sammeltrieb ihres Inhabers eher dem eines Museumsdirektors als dem eines Ladenbesitzers. Niemand, selbst Hans Herb nicht, konnte das gesamte Inventar dieses Ladens noch überblicken. Hildegard Herb, seine Frau, wünscht sich nun bei manchem Überraschungsfund, den sie hier macht, ihr Mann könnte ihn noch sehen. So hält sie ein gebundenes Buch in den Händen, auf dessen Einband steht: „Organische Chemie nach den Vorlesungen von Herrn Prof. Dr. Freise“. In gestochener Schrift finden sich zwischen den Buchdeckeln Mitschriebe – vermutlich des Großvaters.

Es war wohl auch der Großvater von Hans Herb, der Kärtchen verschickte, auf denen die Höflichkeit zeitgemäße und höchst seltsame Blüten trieb: „Ich beehre mich, Ihnen anzuzeigen“, so steht da, „dass jemand aus meinem Haus binnen kurzem das Vergnügen haben wird, sie zu besuchen und es wird mir angenehm sein, mit Ihren werten Aufträgen erfreut zu werden.“ Es waren die Zeiten des „Königlichen Hoflieferanten“, auch der Enkel erinnerte sich noch gern an diesen Titel.

Alles für die Weinherstellung

Dabei war Hans Herb unbestrittener König im eigenen Reich. Wenn Schmuckverkäufer „Rainer“, der seit Jahr und Tag den Laden vorm Laden betreibt, seine Kisten wegräumt, kommt ein angegriffener Stuhl mit der Aufschrift „Therapiestuhl“ zum Vorschein. Hier konnten Hilfsbedürftige Platz nehmen und hier wurden sie mit der Herbschen Spezialdosis aus Freundlichkeit und sanfter Ironie behandelt.

Die Lagerbestände in dieser Ladenhöhle, die mit ihrer Natursteinfront wie der Eingang in unterirdische Gemächer wirkt, verteilen sich auf vier Ebenen. Alle waren sie gestopft voll mit Tiegeln, Gläsern, Päckchen, Drogisteninstrumenten und Chemikalien. Schon seit Wochen räumt Hildegard Herb mit ihren Töchtern hier auf. Für die Entsorgung der Chemikalien beauftragte sie eine Firma, die auf Sondermüll spezialisiert ist, allein 75 Fässer mit verschiedenen Flüssigkeiten wurden schon weggeschafft. Doch noch immer sind die Kellerräume weit davon entfernt, leer zu sein. Fast 10 000 Euro kostete ihre chemische Entrümpelung.

Wenigstens einen Teil der Kosten hofft die Familie, durch den Verkauf des Inventars zurückzugewinnen. Braune und weiße Apothekengläser mit geschliffenen Verschlüssen, Spezialunterkünfte für „Drachenblut“ oder „Brust“ sind im Angebot. Oder Keramikgefäße mit Aufschriften wie „Saalpulver“ oder „Pariser“, was auch immer das in diesem Fall zu bedeuten hatte. Alte Papierschachteln, die mit Fädchen verschlossen werden und an denen man die Geschichte der Verpackung studieren kann.

Ein kleiner Karton enthält einen „Zertrümmerungsapparat“, daneben gibt es einen „Kleininhalator“ für die Reise. Das Inventar stammt zumeist noch aus den Originalbeständen der Drogerie Müller & Co. Das beste Stück im Laden ist jedoch ein wandhoher dunkler Apothekerschrank mit vielen Schubladen und emaillierten Täfelchen. Hans Herb hatte seinen Laden nicht unbedingt nach Schönheit eingerichtet, sonst hätte er dieses Prachtexemplar gewiss nach vorne gerückt.

Zweckmäßigkeit führte hier eben so wenig Regie. Direkt hinter der Verkaufstheke steht ein Eichenschränkchen mit der Aufschrift „alles für die Weinherstellung“. Die Drogerie war also auch Gogen-Spezialhandlung! Gerade diese Chaoslagerung macht den Charme des Ladens aus.

Für Hildegard Herb ist die Entdeckungsreise in die Welt ihres Mannes nicht immer einfach. „Er fehlt mir unendlich“, sagt sie und auch, welch angenehmer Gesellschafter er doch war. Die Schar und Begeisterung seiner Anhänger sei so groß, dass sie nun manchmal schon glaubt; „die sprechen ihn noch heilig.“ Was für Besucher und Kunden den einzigartigen Charakter des Ladens ausmachte, bringt für seine Angehörigen nun jedoch harte Arbeit. Hans Herb war nie ein Held des Aufräumens. Andererseits ist auf diese Weise mancher Schatz erhalten geblieben, der anderswo längst unter die Räder gekommen wäre.

„Ein Haus, das sich Mühe gibt“ preist eine alte Werbetafel an. Noch immer betreten Neugierige den Laden, die meisten zum Gucken, nur wenige zum Kaufen. „Manchmal sind zehn Leute gleichzeitig hier drin“, sagt Hildegard Herb. Und alle sind sich einig: „So etwas gibt es nicht noch einmal.“

Die Drogerie als Grabungsort
Hildegard Herb muss nun das Werk ihres Mannes zu Ende führen. Auf vier (Halb-)Geschossen lagert von Schätzen bis zu Krempel wirklich alles. Bild: Faden

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09.09.2009, 12:00 Uhr
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