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Walzerglück, im Krieg geboren: Das Wiener Neujahrskonzert

Die Donaumonarchie lebt

Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist ein weltweiter Klassik-Event - TV-Zuschauer in mehr als 90 Ländern sind dabei. Die Geschichte des Konzerts begann nicht in der Kaiser-, sondern in der Nazizeit.

30.12.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Wien. Nach der Eurovisionshymne zeigt sich an Neujahr wieder das alte, eigentlich untergegangene Österreich in seiner sentimentalen Pracht: Im blumengeschmückten Goldenen Saal des Wiener Musikvereins am Karlsplatz, dem wohl akustisch besten Konzerthaus der Welt, sitzen die Wiener Philharmoniker und spielen vor allem die Walzer und Polkas aus den k.u.k.-Tagen. Die deutschen TV-Zuschauer sind dabei (ZDF live ab 11.15 Uhr) und noch global weitere 60 Millionen, selbst in Bhutan und auf den Fidschi-Inseln. Und stets endet das Neujahrskonzert, das Friedensgrüße in alle Welt schickt, mit dem "Radetzky-Marsch" - den Johann Strauß Vater zu Ehren des Feldmarschalls Josef Graf Radetzky komponiert hatte als Reminiszenz an dessen blutig gewonnene Schlachten im Krieg gegen aufrührerische Italiener in den Jahren 1848/49.

Was man weniger weiß: Die Neujahrskonzerte haben ihren Ursprung nicht in der Donaumonarchie, Clemens Krauss dirigierte das erste vor 75 Jahren, an Neujahr 1941, als die leichte Muse in Nazi-Kriegszeiten das Volk ablenken sollte vom Alltagselend. Auch gingen die Einnahmen ans "Winterhilfswerk". Und es hatte sehr lange gedauert, ehe sich die selbstbewussten Wiener Philharmoniker überhaupt ernsthaft mit der Musik des "Walzerkönigs" Strauß und seiner Familie abgaben.

Im Jahre 1842 beginnt die Geschichte der Wiener Philharmoniker: Unter Otto Nicolai gründete sich eine Künstlervereinigung aus angestellten Musikern der Hofoper, die sich bald "Philharmonische Concert-Unternehmung" nannte. Bis heute ist das so geblieben, die Philharmoniker sind ein privater Verein aus Mitgliedern des Staatsopern-Orchesters. Damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, wollte man seinen sozialen Aufstieg betonen, spielte lieber dramatische Beethoven-Sinfonien und wollte sich abgrenzen von der Tanzkapelle der Familie Strauß.

Man kam sich nur allmählich näher: Für den Opernball 1873 komponierte Johann Strauß den Walzer "Wiener Blut" und führte ihn selbst, die Geige in der Hand, mit dem Hofopernorchester auf. Es dauerte lange, ehe die Wiener Philharmoniker, wie deren ehemaliger Orchestervorstand Clemens Hellberg im Booklet einer Strauß-Jubiläumsedition schreibt, den Wiener Walzer de facto in ihr Repertoire aufnahmen. Arthur Nikisch etwa dirigierte 1921 "An der schönen blauen Donau" zur Enthüllung des Strauß-Denkmals im Wiener Stadtpark.

Die eigentliche Strauß-Tradition der Wiener Philharmoniker begründete erst Clemens Krauss, der von 1929 bis 1933 bei den Salzburger Festspielen ein Konzertprogramm jeweils der Strauß-Dynastie widmete. Als Krauss dann am 31. Dezember 1939 im Goldenen Saal des Musikvereins ein reines Strauß-Programm dirigierte, war das im ein Jahr zuvor "heim ins Reich geholten", annektierten Österreich auch ein Bekenntnis der künstlerischen Unabhängigkeit. Zunächst hatten die braunen Machthaber den Philharmoniker-Verein aufgelöst. Der regimetreue Krauss, der beste Kontakte zu Hitler hatte, war dann doch kein Nazi, eher ein kultivierter Kosmopolit mit dem "Auftreten eines spanischen Konquistadors und dem Charme eines venezianischen Gondolieres" (so der Historiker Michael H. Kater in seinem Buch "Die missbrauchte Muse") - und Krauss hatte den Instinkt für den Strauß-Walzer, was er von 1941 an in den Neujahrskonzerten auslebte.

Nach Kriegsende hatte Krauss Auftrittsverbot, er kehrte 1948 zurück und leitete die Neujahrskonzerte bis zu seinem Tod 1954. Willi Boskovsky war dann über Jahrzehnte der prägende Dirigent, seit 1986 holen sich die Philharmoniker jährlich wechselnd einen Star ans Pult - von Karajan bis Barenboim. Mariss Jansons ist nun zum dritten Mal dabei vor TV-Millionenpublikum und weiß: Die Musik von Johann Strauß "muss man dirigieren wie ein normales Konzert, nicht als Begleitmusik zum Tanzen".

Mariss Jansons dirigiert zum dritten Mal

Herr Jansons, ist solch ein Neujahrskonzert auch für Sie etwas Besonderes oder ein ganz normales Dirigat?

Etwas Besonderes, keine Frage. Schließlich hören einem ja Millionen Menschen in aller Welt zu. Außerdem ist Neujahr, und an diesem Tag sollten die Menschen eigentlich besonders gute Laune haben und uns mit Freude zuhören. Nicht zu vergessen den großartigen Goldenen Saal des Musikvereins und die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker. Das ergibt eine sehr festliche Mischung.

Die Tradition der Neujahrskonzerte der Philharmoniker begann als eine Benefizveranstaltung der Nazis. Stört Sie das?

Solch ein wunderbares Konzert mit einer solch wunderschönen Musik wie der von Johann Strauß und anderen darf man nicht politisch denken. Dieses Konzert hat im Laufe der Zeit längst die Bedeutung einer Botschaft der Völkerverständigung und des Friedens bekommen. Ich wünsche mir, dass die Leute im Sinne eines weltumspannenden Miteinanders die mitreißende Musik der Strauß-Familie genießen.

Braucht es eigentlich jedes Jahr einen berühmten Dirigenten wie Sie beim Neujahrskonzert?

Das ist eine interessante Frage (lacht). Ja, ich glaube, es braucht dafür einen erstklassigen Dirigenten. So wie auch Boskovsky einer war. Er hatte diese Musik im Blut und den Wiener Walzerton wunderbar beherrscht.

Kann man eigentlich interpretatorisch etwas Neues aus den Walzern und Märschen herauskitzeln?

Gut, man kann die Musik nicht mit einer Sinfonie von Mahler oder Brahms vergleichen. Aber man muss das nicht mechanisch herunterspulen. Es wäre ein Fehler zu sagen, das ginge mit der linken Hand. dpa

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30.12.2015, 08:30 Uhr
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