Ein bewegtes Glockenleben

Die Dominica im Stiftskirchengeläut wird 600 Jahre alt

Ganz ohne Feier wird die Stiftskirchengemeinde das Glockenjubiläum am Donnerstag nicht verstreichen lassen. Es gibt Führungen zum Glockenstuhl und um 17.30 Uhr wird die Dominica – passend zum Antikriegstag – eine Fürbitte zum Frieden anklingen.

29.08.2011

Von Hans-Joachim Lang

Tübingen. „O König des Ruhmes Christus komme mit Frieden“, brannten ihr die Meister Adam und Bodemmer (in lateinischer Sprache) an die Schulter, als sie am 1. September 1411 die Dominica genannte Glocke gossen. In Württemberg regierte Graf Eberhard IV., der Großvater des Tübinger Universitätsgründers. Der Stiftskirchenturm, der sie seit Jahrhunderten trägt, war noch nicht erbaut. Die Dominica läutete also bereits in der Vorgängerkirche.

Glocken werden gewöhnlich sehr alt, wenn sie nicht gerade vom Gebälk herabstürzen oder als Metallreserve für die Rüstungsindustrie missbraucht werden. Der Stiftskirchenturm birgt zwei Glocken, die noch mehr Jahre auf den Schultern tragen als die Dominica und für Besucher unzugänglich unter der Turmhaube angebracht sind. Sie stammen aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. Die ältere und kleinere der beiden ist seit 1928 im Ruhestand. Bis dahin hat der Wächter von seiner Turmwohnung aus per Seilzug an ihr die Viertel- und die Halbstunden angeschlagen. In noch früheren Zeiten erklang diese Glocke auch als Läuteglocke. Die zweite Methusalemglocke der Stiftskirche versieht nach wie vor als Schlagglocke ihren Dienst und gibt zu den vollen Stunden – als erste der drei Folgen – die genaue Zeit an.

Ehrenämter zu den Läutepflichten

Die Dominica ist die älteste der Läuteglocken, die im Glockenstuhl hängen, über fünf Jahrhunderte hinweg war sie mit ihren 70 Zentnern auch die schwerste. Als Anfang der 1960er Jahre im Zuge der Kirchenrenovierung der Bestand der Läuteglocken von fünf auf sieben aufgestockt wurde, kam die Gloriosa als neues Superschwergewicht hinzu. Sie wiegt zwei Zentner mehr. Außer ihren Läutepflichten musste die 1,33 Meter hohe und bis zu fünf Meter Umfang messende Dominica im Laufe ihres Lebens noch eine Reihe von Ehrenämtern ausüben. Dazu gehört, dass sie zeitweise während der Promotionsfeiern an der Universität als „Doctorsglocke“ geläutet wurde.

Im Alter von 521 Jahren wurde die Glocke durch Ausschleifen der inneren Glockenwandung umgestimmt, vom eingestrichenen d aufs eingestrichene cis. Fachleute halten diese Korrektur für einen unverzeihlichen Frevel. Man wollte 1932 ein neues Geläut einstimmen, doch waren die Umstimmungen von insgesamt drei Glocken so teuer, dass das Geld für die erforderlichen zwei zusätzlichen Glocken fehlte.

Ein eigener Geburtstagskalender wird für die Glocken nicht geführt. Ohnehin ist es höchst ungewöhnlich, dass ihr Geburtstag schon im Spätmittelalter auf den Tag genau bekannt ist. In einer alten Quelle, so Stiftskirchenpfarrer Karl Theodor Kleinknecht, sei der Ägidiustag erwähnt, also kann es sich nur um den 1. September handeln.

Die in der alten Glockeninschrift eingebundene Bitte um Frieden ist Kleinknecht wichtig, auch wegen der Verbindung zum Antikriegstag, der in Erinnerung an den ersten Tag des Zweiten Weltkriegs jedes Jahr am 1. September begangen wird. „Das ist Zufall, aber es passt“, merkt der Pfarrer pragmatisch an. Zumal noch eine weitere Begebenheit in diesem Zusammenhang wichtig ist und von Glockenhistoriker Christoph Schapka überliefert wird. 1917 musste die Stiftskirche die alte Feuerglocke von 1598 und die Taufglocke von 1716 zu Kriegszwecken abzuliefern. Um ein ähnliches Schicksal für die drei ältesten Läuteglocken der Stiftskirche abzuwenden, ließ sie Landrat Friedrich Geißler unter Denkmalschutz stellen.

Dieses Glück war den Pfullingern nicht beschieden. Die dortige Kirchengemeinde besaß eine große Schwester der Tübinger Dominica, von einem Meister Adam anno 1410 gegossen. Weil sie vor den Kriegsausrüstern keine Gnade fand, mussten die Pfullinger voriges Jahr Geburtstag ohne Geburtstagskind feiern. Im Vorfeld ihres Gemeindefestes machten sie die Tübinger auf den besonderen Tag aufmerksam. „Wir werden der Dominica zum Geburtstag eine große rote Schleife umhängen“, kündigt Pfarrer Karl Theodor Kleinknecht an.

600 Jahre alt und kein bisschen leise: die Dominica im Stiftskirchenturm. Bild: Metz

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Erstellt:
29. August 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
29. August 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. August 2011, 12:00 Uhr

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