Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Die Chinesen bewundern die Deutschen, umgekehrt ist das Bild negativer
Die wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands zu China sind eng doch die Menschen bleiben sich noch ziemlich fremd. Montage: SWP
Reich der Mitte, Land der Tugend

Die Chinesen bewundern die Deutschen, umgekehrt ist das Bild negativer

Trotz enger wirtschaftlicher Bande bleiben sich die Menschen in China und Deutschland oft fremd.

10.07.2018
  • FELIX LEE

Auf der politischen Bühne ist das Verhältnis zwischen Deutschland und China eng: Angela Merkel kann sogar Klartext reden, darf die Volksrepublik offen und direkt etwa wegen ungleicher Investitionsbedingungen oder der Situation der Menschenrechte kritisieren. Nicht, dass diese Mahnungen stets fruchten. Doch immerhin findet sie Gehör. Denn die Bundeskanzlerin genießt auf der chinesischen Seite hohes Ansehen.

Elf Mal hat Merkel das Reich der Mitte in ihrer Amtszeit schon besucht. Es gibt viele bedeutende Länder, die sich eine ähnliche Aufmerksamkeit wie China wünschen würden. Am Montag haben sich die Regierungen in Berlin zur inzwischen fünften gemeinsamen Kabinettssitzung getroffen. Solche Regierungskonsultationen sind sonst nur mit besonders engen Freunden und Partnern üblich. Es ist ein Signal der Verbundenheit.

Frust beim Schüleraustausch

Doch in den Gesellschaften sind die Befindlichkeiten komplexer – das gegenseitige Bild ist von Stereotypen bestimmt. So genießen die Deutschen in weiten Teilen der chinesischen Bevölkerung einen äußerst guten Ruf. Die rasant wachsende Mittelschicht der Volksrepublik liebt deutsche Autos sowie Aldi, Rossmann und dm, die allesamt mit Online-Shops in China vertreten sind. Das Gütesiegel „Made in Germany“ steht im Reich der Mitte für Präzision, Sorgfalt und Funktionalität. Und bei der WM hat ein Großteil der Chinesen mit dem deutschen Fußballteam mitgefiebert.

Die Chinesen bewundern die Deutschen, umgekehrt ist das Bild negativer
Garfik: SWP

Wie aus einer Studie der Firma Huawei und des German Institute for Global Studies (Giga) von 2016 hervorgeht, haben denn auch 74 Prozent der befragten Chinesen ein positives Bild von Deutschland, lediglich vier Prozent mögen die Bundesrepublik nicht. Für die Chinesen ist Deutschland das zweitbeliebteste Land der Welt. Und doch: So sehr sie deutsche Produkte schätzen – ihr Wissen über Deutschland ist gering, die kulturellen Missverständnisse groß.

Das zeigt sich nicht zuletzt beim deutsch-chinesischen Schüleraustausch. Er boomt zwar, und das Interesse der rasant wachsenden chinesischen Mittelschicht ist groß, ihre Kinder nicht mehr nur in angelsächsische Länder zu schicken, sondern auch nach Deutschland – in der Hoffnung, dass sie womöglich dort studieren. Doch sind sie dann erst im „Land der Dichter und Denker“, für das Deutschland in China oft gepriesen wird, fremdeln sie, kommen mit Deutschen nur wenig in Kontakt. Am Ende des Austauschjahres sind Eltern dann entsetzt, wie gering die Deutschkenntnisse ihrer Kinder sind.

Keine offenen Arme

Wunsch und Wirklichkeit prallen auch bei vielen Touristen aufeinander. Sie kommen mit der Erwartung, ein Paradies auf Erden anzutreffen – genau das suggerieren ihnen chinesische Medien, wenn sie über das „Land der Tugend“ berichten. Vor Ort ist die Enttäuschung dann groß: Die Großstädte sind gar nicht so sauber und aufgeräumt wie erwartet, und die Deutschen nehmen sie auch nicht mit offenen Armen auf. Dabei sind sie etwa beim Kauf von Solinger Messern, WMF-Kochtöpfen und Rimowa-Koffern doch besonders spendierfreudig.

Die Wertschätzung beruht zudem nicht auf Gegenseitigkeit. Laut der Huawei-Studie sind 32 Prozent der Deutschen China gegenüber „eher negativ“ eingestellt, der größte Teil (43 Prozent) hat gar keine Meinung. Dabei ist für den Exportweltmeister Deutschland die Volksrepublik seit Jahren der größte Handelspartner. Waren im Wert von über 186 Milliarden Euro tauschten die beiden Länder 2017 aus.

Trotz des weit verbreiteten Glaubens gibt es auch keinen Ausverkauf deutscher Unternehmen. Laut jüngster Zahlen der Bundesbank hielten Unternehmen mit Sitz in China in Deutschland 2016 rund 3,6 Milliarden Euro an Investitionen. Umgekehrt hatten deutsche Unternehmen 2016 Investition im Wert von rund 77 Milliarden Euro in China stehen, also mehr als das 20-fache.

Shi Anbin, Professor für Kultur- und Medienstudien an der Tsinghua-Universität in Peking, führt das so weit auseinanderklaffende Bild auf die Berichterstattung zurück. Während chinesische Medien viel Wert auf positive Berichterstattung legten, stellten deutsche Medien oft Probleme und Konflikte nach vorn. Dies führe in Deutschland zu einer „Verteufelung Chinas“ und in China wiederum zu einer „Romantisierung der Deutschen“. Shis Lösung: Es müsse noch sehr viel mehr Austausch geben – auf allen Ebenen der Gesellschaft.

Hintergrund: Trotz Zusagen bleibt Skepsis

Im Minutentakt setzten am Montag im Kanzleramt deutsche und chinesische Spitzenmanager ihre Unterschrift unter gut ein Dutzend Vereinbarungen über neue Projekte und Investitionen, aufmerksam verfolgt vom chinesischen Ministerpräsidenten Li Kequiang und der Kanzlerin. Als Reverenz an die Gäste der fünften deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen hatte Angela Merkel zu einem Blazer in fast-chinesischem Rot gegriffen.

Der Chemiekonzern BASF will bis zu zehn Milliarden Dollar in einen neuen Standort bei Kanton investieren und ist dort alleiniger Eigentümer, wie Li betonte. Das zeige, dass die Marktöffnung Chinas nicht nur schöne Worte seien, assistierte Merkel. Und Daimler darf als erster internationaler Autobauer vollautomatisierte Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen in Peking erproben.

Ganz im Blickpunkt stand allerdings eine Milliardeninvestition in umgekehrter Richtung: Der chinesische CATL-Konzern will in Erfurt die erste Batteriezellen-Fabrik in Europa bauen – unterstützt von BMW. Die Bayern unterlegten dies mit einer Bestellung über 1,5 Milliarden Euro.

Dass Li nur drei Tage nach dem Start des Handelskriegs zwischen USA und China nach Berlin kam, war Zufall. Mehr als die bekannten Bekenntnisse zum freien Handel war dazu nicht zu hören. Ob sich US-Präsident Donald Trump davon beeindrucken lässt, wie der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses der Wirtschaft, Ex-Voith-Chef Hubert Lienhard, hofft, steht in den Sternen.

Die deutsche Wirtschaft traut den Chinesen nicht so recht. In vielen Branchen würden die Hürden für ausländische Unternehmen eher höher als niedriger, klagte Industrie-Präsident Dieter Kempf. „Investitionsrestriktionen und staatliche Markteingriffe sind nach wie vor Realität.“ Zudem wolle China den freien grenzüberschreitenden Datenverkehr einschränken, was eine engere Kooperation mit der deutschen Industrie behindere.

China verspricht viel, aber es ändert sich wenig, sagte der Vizechef des China-Forschungsinstituts Merics, Mikko Huotari. Das Land öffne seinen Markt nur selektiv. „Von einer Gleichbehandlung ausländischer Unternehmen kann keine Rede sein.“ ⇥⇥Dieter Keller

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

10.07.2018, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular