Vielseitigkeit

Start bei der EM: Die Buschreiter greifen wieder an

Nach ihrem schweren Unfall im Mai grenzt es an ein Wunder, dass Ingrid Klimke bei der EM startet – und zu den Favoriten zählt. Ihr zur Seite steht auch Michael Jung aus Horb.

22.09.2021

Von dpa

Feiert bei der EM ihren persönlichen Saisonhöhepunkt: Ingrid Klimke, hier beim Chio in Aachen auf „Just do it“. Foto: Rolf Vennenbernd

Die Folgen ihres schweren Sturzes spürt Ingrid Klimke am wenigsten, wenn sie auf einem Pferd sitzt. Nur wenn die Ausnahme-Vielseitigkeitsreiterin absteigt, stört sie bisweilen die Schwäche im linken Arm im normalen Alltag. Dass die 53-Jährige aus Münster nur so kurze Zeit nach dem Unfall Ende Mai wieder im Sattel sitzt und nun bei den Europameisterschaften im schweizerischen Avenches wieder um Titel reitet, ist Ergebnis ihres Willens und ihres Optimismus – und ein kleines Wunder.

„Es hätte auch schlimmer ausgehen können“, sagt Klimke. Beim Vielseitigkeitsturnier in Baborówko in Polen war sie am 30. Mai mit ihrer jungen Stute Cascamara gestürzt. „Ein Missverständnis“ zwischen ihr und dem Pferd, wie sie erklärt. Cascamara blieb an einem Hindernis hängen. Klimke fiel, die Stute stürzte neben sie. Als das mehr als eine halbe Tonne schwere Pferd aufstand, rollte es sich über seine Reiterin – das Schreckensszenario aller Reiterinnen und -reiter.

Innere Verletzungen

Klimkes Brustbein wurde bei dem Unfall gebrochen, das Schlüsselbein nach innen gesprengt. Die Luftröhre wurde dadurch gedrückt. Das Atmen, das Sprechen und auch das Schlucken fielen ihr lange schwer. Ihr Glück war, dass Teamarzt Manfred Giensch bei dem Unfall dabei war.

Sechs Wochen war Klimke mehr oder minder ruhig gestellt. Für jemanden wie sie etwas Ungewohntes. Denn sie ist nicht nur Berufsreiterin, leitet ihren eigenen Stall und bildet Pferde aus. Sie arbeitet auch als Dozentin bei Lehrgängen, ist sozial vielfältig engagiert, schreibt Bücher, gibt zwei Mal im Jahr ein Magazin heraus. Nach neun Wochen durfte sie erstmals wieder auf ein Pferd steigen – ein Gefühl wie eine Befreiung. Schon Mitte August war Klimke mit Hale Bob bei einem Turnier in Belgien unterwegs. Und der 17 Jahre alte Wallach trug sie förmlich zum Sieg.

Neben den Verletzungen schmerzte es sie, ihre sechste Olympia-Teilnahme zu verpassen. Die Goldmedaille für Julia Krajewski mit Amande de B'Neville und das deutsche Pech im Team-Wettbewerb in Tokio verfolgte die zweimalige Olympiasiegerin am Fernseher.

Ihre Lockerheit und ihre Offenheit im Umgang mit Menschen haben Ingrid Klimke zu einer Vorzeigefrau des deutschen Reitens gemacht. Ihr Standing zeigte sich im Zuspruch von allen Seiten. „Das tat sehr gut“, sagt sie.

Vor allem der Besuch von Bundestrainer Hans Melzer half ihr. Nur wenige Tage nach dem Unfall war der 70-Jährige bei ihr, besprach den Plan für sie für den Rest der Saison. Und auf dem hat die EM oberste Priorität. „Für mich ist das der Ausgleich für die verpassten Spiele“, sagt sie.

Michael Jung wieder im Sattel

Für viele Spitzen-Reiter ist die EM der Abschluss des Olympia-Sommers. Sie gönnen ihren Top-Pferden nach den Tokio-Wettbewerben längst eine Pause und satteln eher Nachwuchspferde. Wie der dreimalige Olympiasieger Michael Jung, der statt seines Olympia-Pferdes Chipmunk mit WildWave anreist. Der Ausnahmereiter aus Horb verzichtete nach der kräftezehrenden und zugleich enttäuschenden Teilnahme in Tokio, bei dem eine hauchdünne Hindernisberührung alle Medaillenträume zerstörte, sogar erstmals seit langem auf die Teilnahme am prestige- und geldträchtigen CHIO in Aachen.

Für Ingrid Klimke fängt die Saison in Avenches mit dem EM-Start ab Donnerstag dagegen erst richtig an. Zweifel an dem, was sie tut, hat sie nicht bekommen. Eher im Gegenteil. „Ich mache das, was ich am liebsten mache“, hat sie aus ihrer Zwangsauszeit als Gewissheit mitgenommen. Dass ihr Sport gefährlich ist, weiß sie. „Autofahren finde ich aber noch gefährlicher.“

Zum Artikel

Erstellt:
22. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. September 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Schwitzkasten
Schwitzkasten

Ob die weltweit wohl meistgesehene Tipp-Runde für die Fußball-Landesliga oder die beliebte "Elf der Woche" - für solche Formate gibt es den "Schwitzkasten" der TAGBLATT-Sportredaktion.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App